Der Friedenskaiser

Rein irdisch schien sein Wirken als Kaiser von Österreich und König von Ungarn tragisch gescheitert. Die Kirche aber erklärte ihn zum Seligen. Karl I. (1887 bis 1922) wäre, wie Papst Johannes Paul II. sagte, ein würdiger Patron für jene, die heute in Europa politische Verantwortung tragen. Von Stephan Baier
Foto: Archiv Habsburg | Kaiser Karl mit Zita und ihrem erstgeborenen Sohn Otto im Jahr 1916.
Foto: Archiv Habsburg | Kaiser Karl mit Zita und ihrem erstgeborenen Sohn Otto im Jahr 1916.

Fern der Heimat ruht er auch heute, neun Jahrzehnte nach seinem allzu frühen Tod. Hoch oben auf dem Berg, über der Bucht von Funchal, in der der Muttergottes geweihten Kirche Nossa Senhora do Monte: der letzte regierende Kaiser Österreich-Ungarns, der Carolus, der von einem Karol zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Er liegt begraben, wohin ihn die Bosheit seiner Zeit vertrieb und verbannte, ein Mitteleuropäer im äußersten Westen Europas, auf der Blumeninsel Madeira. Der letzte gekrönte König von Ungarn starb und verblieb auf portugiesischem Boden, im Atlantik. In der Heimat Österreich dagegen, wo ihm nicht nur zu Lebzeiten viel Hohn und Hass begegnete, haben viele ihn vergessen, den Zuspätgekommenen, der durch eine Serie tragischer Todesfälle dem habsburgischen Thron immer näher rückte, um ihn 1916, am Scheitelpunkt des Ersten Weltkriegs, aus den sterbenden Händen des Langzeitmonarchen Franz Joseph zu erben.

Nicht mit ihm, dem jugendlich Unschuldigen und Frommen, verbindet sich die nostalgische Erinnerung an jene Zeit, in der Österreich nicht bloß ein Staat war, sondern eine Idee verkörperte. Man denkt an den alten Kaiser Franz Joseph, der einst als Achtzehnjähriger 1848 die Herrschaft antrat und sie 68 Jahre als oberster Beamter seines Reiches treu und anständig, fantasielos und am Ende auch glücklos verwaltete. Um wieviel mehr würde da die Persönlichkeit des jugendlichen Karl leuchten, den der Sohn eines polnischen K.u.K.-Offiziers, der mittlerweile selbst zu den Seligen zählende Johannes Paul II., 82 Jahre nach seinem Tod seligsprechen sollte. Ein nicht ausreichend gehobener Schatz, ein fast unentdecktes Geschenk der Kirche an die Völker Europas und an jene, die ihre politischen Geschicke lenken: Der große Beter und tragisch gescheiterte Monarch Karl wäre ein würdiger Patron der Staatenlenker Europas, aber auch der Heimatvertriebenen und Migranten, der Beraubten und Entrechteten.

Fern schien der Thron, als Erzherzog Carl am 17. August 1887 in Persenbeug zur Welt kam. Doch dann mähte der Tod mit grausamer Hand im Umfeld des alternden Monarchen: 1889 starb Franz Josephs Sohn Rudolf, 1896 des Kaisers Bruder Karl-Ludwig, 1906 sein Neffe Otto, 1914 in Sarajevo – unter den Schüssen des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip – der Neffe und Thronfolger Franz Ferdinand, die große Hoffnung der Monarchie. Wenige Wochen vor seinem 27. Geburtstag war Erzherzog Carl Thronfolger Österreich-Ungarns – und Europa im bis dahin größten, sinnlosesten und grausamsten Bruderkrieg seiner Geschichte. In Friedenszeiten hätte Carl – der sich erst als Kaiser „Karl“ schrieb – alle Voraussetzungen erfüllt, um dem alten Reich einen neuen Frühling zu schenken: Er war jung, vielsprachig, gebildet, reformfreudig, charakterfest, integer, mit wachem Blick für die nationalen Aufbrüche seiner Völker, mit brennendem Herzen für die sozialen Fragen. Er hatte – zur Freude des alten Kaisers – 1911 mit Prinzessin Zita von Bourbon-Parma standesgemäß geheiratet und 1912 mit der Geburt Ottos dem Reich einen Erben geschenkt.

Viel war ihm gegeben, nicht aber der Friede. Und so wurde die raschestmögliche Wiedergewinnung des Friedens zum ersten und wichtigsten Anliegen des jugendlichen Kaisers, als Franz Joseph 1916 – zwei Jahre vor seinem Reich – zu Grabe getragen wurde. In seinem Kampf für den Frieden war Kaiser Karl der einzige gekrönte Verbündete von Papst Benedikt XV. Doch beider Gegner waren übermächtig. Wie eine Seuche hatte der Nationalismus im 19. Jahrhundert die Völker Europas erfasst, ihnen den Verstand und den Blick für ihre tiefere Einheit geraubt. Heiter und fröhlich hatten sie sein Gift getrunken. Lustvoll und unter Liedern waren sie 1914 in ihren Untergang gezogen. Kaiser und König Karl verfolgte drei große Ziele, die vielen seiner Zeitgenossen so unmodern schienen wie sein katholischer Glaube: In einer Zeit des Krieges strebte er nach Frieden, in einer Zeit des heraufdämmernden Klassenkampfes nach sozialem Ausgleich, in einer Zeit der nationalistischen Zersplitterung nach nationalem Ausgleich und Versöhnung.

Im Zeitalter Lenins, Ludendorffs und Clemenceaus – bald auch schon Stalins und Hitlers – schien Karl ein Anachronismus. Wer an den „Siegfrieden“ glaubt, wie der deutsche Kaiser Wilhelm II. und seine Oberste Heeresleitung es taten, muss die Suche nach Kompromissen für Schwäche und Feigheit halten. Noch wurde nicht verstanden, was der große französische General und Staatsmann Charles de Gaulle später „paix des braves“, den Frieden der Tapferen, nannte. Noch wollte man nicht sehen, dass es gerecht, tapfer, klug und maßvoll wäre, das Völkermorden selbst um den Preis schmerzlicher Konzessionen zu beenden. Also scheiterten Karls offene und verborgene, laute und leise Friedensbemühungen. Sie scheiterten an Niedertracht, Neid und Neugier, an Bosheit, Eitelkeit und Überheblichkeit seiner Gegner im Feindes- wie im Freundeslager.

Zum militärischen und diplomatischen Mehrfronten-Krieg kam der propagandistische: Karl wurde als Schwächling, Feigling, Frauenknecht und Alkoholiker verleumdet, seine Gattin Zita als Verräterin, je nach Feindbild in Deutschland als „Französin“, in Österreich als „Italienerin“. Die deutsche Botschaft in Wien wurde zum Umschlagplatz der antikaiserlichen Propaganda in Österreich. Das Zerrbild vom schwachen Kaiser, der hinter dem Rücken seiner nibelungentreuen Bundesgenossen in Berlin einen Separatfrieden mit dem Feind aushandeln wollte, wurde später von den Nazis und noch viel später von der österreichischen Linken nachgezeichnet und angereichert. Welch sonderbare Verwirrung der Tugenden, wenn Klugheit als Feigheit gedeutet wird, und Mäßigung als Ungerechtigkeit!

Früher und klarer als die Siegesgewissen in Berlin sah der fronterfahrene junge Kaiser in Wien, dass der Weltkrieg nicht mehr zu gewinnen sei, dass jedes weitere Blutvergießen die Schuld und die Tragik des Krieges nur mehrt. Hellsichtiger als andere sah er die kommenden Gefahren, doch weder den U-Boot-Krieg gegen Großbritannien, welcher den Kriegseintritt der USA erzwingen sollte, noch den Transport Lenins von der Schweiz nach Russland konnte Karl verhindern. Zu spät streckte sich der Kaiser nach dem Westen aus, zu spät wandelte er mit seinem Völkermanifest am 16. Oktober 1918 die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn in eine Konföderation um, zu spät kündigte er am 26. Oktober 1918 das Bündnis mit Deutschland. Es war nicht seine Schuld. Zu spät war ihm, dem Friedenskaiser des Krieges, das Steuer in die Hand gefallen. Früher hätte es seiner Reformpläne bedurft. Seine Föderalisierung konnte das Reich nicht mehr retten, seine Sozialpolitik – von der Schaffung des ersten Sozialministeriums bis zum gesetzlichen Mieter- und Arbeiterschutz – rettete den Habsburgern nicht mehr die Krone.

Die Zentrifugalkräfte des Reiches waren zu stark. Hier brach auseinander, was nach Jahrhunderten gemeinsamer Geschichte nicht mehr zusammenzugehören meinte. Serben, Kroaten und Slowenen bildeten in Zagreb den SHS-Staat, der rasch zur serbischen Königsdiktatur degenerierte. Die Polen erklärten ihre Unabhängigkeit. Ein Nationalrat in Prag proklamierte die Tschechoslowakei als vermeintlichen Nationalstaat der Tschechen und Slowaken, in dem Ungarn und Deutschsprachige plötzlich zur Minderheit in der eigenen Heimat wurden. In Wien tobte die Revolution.

Für den Kaiser, der nichts als das Wohl seiner Völker ersehnt hatte, begann der Weg in die Verbannung. Vor die Wahl gestellt zwischen Abdankung, Exil oder Internierung wählte Karl den Weg in die Schweiz. Aber konnte der Monarch als Privatier in der Schweiz tatenlos zusehen, wie seine Völker in neue Kerker gepfercht, Radikalisierungen ausgeliefert und machthungrigen Potentaten übereignet wurden? Konnte er vergessen, was er 1916 bei der Krönung in Budapest, als der Kardinalprimas von Ungarn ihm die Krone des heiligen Stephan auf das Haupt setzte, geschworen hatte: „Ich bekenne und verspreche vor Gott und Seinen Engeln, hinfort zu sorgen für Gesetz, Gerechtigkeit und Frieden zum Wohle der Kirche Gottes und des mir anvertrauten Volkes.“

Nein, der Kaiser, der seinen Völkern vor Gott die Treue geschworen hatte, konnte ihrem Weg in den Untergang nicht tatenlos zusehen. Also wagte Karl die Heimkehr nach Ungarn, zweimal und wider jede Wahrscheinlichkeit. Und obwohl in Paris Aristide Briand grünes Licht gegeben hatte, scheiterte er am Widerstand seines einstigen Flottenadmirals Nikolaus Horthy, dem die Rolle als illoyaler Diktator allzu gut gefiel. Zu Ostern 1921 scheiterte Karls erster, im Oktober 1921 sein zweiter Restaurationsversuch in Ungarn.

Damit begann die letzte Vertreibung und Verbannung des exilierten Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn. Nach einer 18-tägigen Fahrt durch das Mittelmeer kam der britische Kreuzer Cardiff in Madeira an. Auf Wunsch des Papstes nahm sich der Bischof von Funchal um das Kaiserpaar an. Am 2. Februar 1922 konnte Zita endlich die Kinder aus der Schweiz auf die Atlantikinsel nachholen. Doch die britische Regierung versuchte, den entmachteten Kaiser auszuhungern, indem sie jegliche Unterstützung von Freunden und Verehrern zu verhindern trachtete. Mitte Februar war die kaiserliche Familie so verarmt, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als das Angebot eines lokalen Patriziers anzunehmen, in seine Sommervilla auf dem Berg umzuziehen. Doch so angenehm diese Villa hoch über Funchal zur Sommerszeit gewesen sein könnte, so ungeeignet war sie in den nasskalten Frühlingstagen.

Am 9. März holte sich der Kaiser eine Erkältung, am 14. März streckte ihn der Schüttelfrost nieder. Einen Arzt lehnte er lange ab, denn das sei zu teuer. Als er sich nicht länger gegen die Beiziehung eines Arztes wehren konnte, stellte dieser am 21. März eine Lungenentzündung fest. Am 27. März rief der siechende Kaiser seinen Erstgeborenen Otto ans Bett: „Er soll wissen, wie man sich in solchen Lagen benimmt, als Katholik und als Kaiser.“ Am 30. März, dem Tod schon nahe und ständig betend, sagt er zu Zita: „Wenn man den Willen Gottes kennt, ist alles gut! Mein ganzes Bestreben ist immer, in allen Dingen den Willen Gottes möglichst klar zu erkennen und zu befolgen, und zwar auf das vollkommenste.“ Am 1. April meint er zu seiner Frau: „Ich muss so viel leiden, damit meine Völker wieder zusammenfinden.“ Dann betet er für seine Kinder. Um 12.23 haucht Karl „Jesus!“ und stirbt.

So ging vor neun Jahrzehnten, am 1. April 1922, auf der fernen Atlantikinsel Madeira, in einer feuchten Villa über Funchal eine Epoche Mitteleuropas zu Ende. Für seine Witwe Zita mit ihren acht Kindern – der Erstgeborene Otto war neun Jahre, das Jüngste noch im Bauch der Mutter – ging die Irrfahrt durch Europa, und schließlich auf der Flucht vor Hitlers Schergen nach Amerika weiter.

82 Jahre nach Karls Tod saß jener Mann, der einst als Neunjähriger weinend am Grab seines Vaters in Funchal gestanden war, als Chef des Hauses Habsburg strahlend auf dem Petersplatz in Rom. An der Spitze einer vielhundertköpfigen Familie konnte Otto von Habsburg miterleben, wie Papst Johannes Paul II. den letzten regierenden Kaiser Österreichs zur Ehre der Altäre erhob. 1949 hatte der Seligsprechungsprozess für den Monarchen begonnen, am 3. Oktober 2004 fand er auf dem Petersplatz in Rom seinen Abschluss. Damals erklärte der auf den Namen Karol getaufte Papst aus Krakau der Welt, warum Kaiser Karl auch jenseits des historischen Interesses von Bedeutung ist: „Von Anfang an verstand Kaiser Karl sein Herrscheramt als heiligen Dienst an seinen Völkern. Sein ernstes Bestreben war es, der Berufung des Christen zur Heiligkeit auch in seinem politischen Handeln zu folgen. Dabei war ihm der Gedanke der sozialen Liebe wichtig. Er sei uns allen ein Vorbild, besonders denen, die heute in Europa politische Verantwortung tragen!“

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