Kultur

Den Islam verstehen

Warum Christen die theologischen Unterschiede zu der anderen Weltreligion nicht verwischen dürfen. Von Sebastian Moll
Muslimische Männer beim Gebet
Foto: dpa | Anderes Menschenrechtsverständnis: Muslimische Männer beim Gebet.

Viele religiöse Menschen wissen im Grunde recht wenig über die spezifischen Inhalte ihrer Religion, das gilt für Muslime und Christen gleichermaßen. Ihr religiöser Glaube beinhaltet im Wesentlichen die Vorstellung, dass es einen Gott gibt und dass dieser Gott über sie wacht, was ihnen einerseits ein Gefühl von Geborgenheit gibt und sie andererseits dazu anhält, sich anständig zu verhalten. Exakt dieses Verständnis von Religion brachte der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff zum Ausdruck, als er mit dem Toleranzpreis der evangelischen Akademie Tutzing ausgezeichnet wurde. In seiner Dankesrede hieß es: „Sie [Christen und Muslime] glauben alle an den einen Gott, der die Welt und alle Menschen erschaffen hat. Sie teilen den Auftrag, die Schöpfung zu achten und zu bewahren. Und Sie glauben an das Jüngste Gericht und damit daran, dass sie einmal Rechenschaft abzulegen haben für ihr Tun auf Erden. Bei so vielen Gemeinsamkeiten sollte es eigentlich sogar leicht sein, die Unterschiede zu ertragen.“

Leider ist es genau umgekehrt. Bei so vielen Unterschieden zwischen Christentum und Islam reicht ein Artikel wie dieser keineswegs aus, um sie alle in gebührender Länge zu behandeln. Ich möchte dennoch versuchen, jene zwei Unterschiede herauszugreifen, die mir für die aktuelle Debatte am wichtigsten erscheinen. Der Koran ist die muslimische Bibel, die Moschee die muslimische Kirche, der Imam der muslimische Pfarrer. Alle diese Aussagen sind in gewisser Weise richtig, können aber auch überaus irreführend sein. Es gehört zu unseren menschlichen Verstehensprozessen, dass wir Fremdes über den Vergleich mit Bekanntem zu begreifen suchen. Das kann aber auch nach hinten losgehen, wenn man innerhalb dieses Prozesses die Unterschiede zwischen Eigenem und Fremdem allzu sehr verwischt.

Inwiefern lässt sich der Koran mit der Bibel gleichsetzen? In beiden Fällen handelt es sich um heilige und autoritative Texte einer Religionsgemeinschaft. Mit dieser Feststellung enden die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Die Bibel ist eine große Bibliothek, die in zwei Teile, Altes und Neues Testament, zerfällt, in denen sich wiederum zahlreiche Einzeltexte finden. Der Koran ist in seiner Gesamtheit ein einziges Buch, das einem einzigen Propheten offenbart wurde, und dementsprechend auch nur eine Literaturgattung enthält, die Predigten Mohammeds (Suren), die in ihrem Charakter am ehesten noch der Briefliteratur des Neuen Testamentes vergleichbar sind.

An dieser Stelle höre ich in Diskussionen für gewöhnlich schon den Einwand, das seien doch alles Spitzfindigkeiten, derartige Differenzierungen spielten doch keine Rolle. Doch dieser Einwand ist komplett falsch. Im Lichte der jüngsten Grausamkeiten durch islamistische Terroristen wird wieder viel über einen Zusammenhang zwischen diesem Terror und dem Islam oder dem Koran diskutiert. Seit sich aber selbst die energischsten Islam-Apologeten von der Aussage verabschieden mussten, all das hätte nichts mit dem Islam zu tun, wird eine neue Taktik gefahren: Man verweist darauf, dass auch die Bibel ein äußerst gewalttätiges Buch sei, und es folgen meist Zitate aus dem Alten Testament. Hierbei wird jedoch übersehen, dass das Alte Testament für Christen eben nicht dieselbe Autorität hat wie der Koran für Muslime. Die Autorität des Alten Testaments ist aber nicht erst durch die moderne Wissenschaft relativiert worden, sondern durch Jesus Christus selbst! Er erhebt das Wort gegen die Regeln der Thora, stellt ihnen sein majestätisches „Ich aber sage euch“ entgegen. Das Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ersetzt er durch das Gebot der Feindesliebe. Die jüdischen Speisevorschriften hebt er auf, ebenso wie die penible Einhaltung des Sabbatgebotes. Immer wieder geißelt er die Pharisäer für ihr engstirniges und kleingeistiges Festhalten an menschlichen Regeln, die sie für göttlich halten. Auch der Apostel Paulus spricht davon, dass nur jene, die schwach im Glauben sind, sich an derart überflüssige Gebote halten.

Natürlich möchte niemand behaupten, dass sich die christliche Welt in ihrem zweitausendjährigen Bestehen immer an dieses Ideal gehalten hätte. Der Einwand, dass es auch in der Geschichte des Christentums Gewalt gegeben habe, ist durchaus berechtigt. Aber es gab sie in der Geschichte, nicht im Ursprung. Durch die Rückbesinnung auf Jesus Christus als Zentrum der Heiligen Schrift war es der Kirche immer wieder aufs Neue möglich, sich von innen heraus zu reformieren. Über eine derartige Möglichkeit verfügt der Islam mithilfe des Korans, der unzweideutige Aufrufe zur Gewalt enthält, nicht.

Ende des 18. Jahrhunderts bereiste der muslimische Gelehrte Mirza Abu Taleb Khan Europa und hielt seine Eindrücke in einer Art Tagebuch fest. Besonders faszinierend sind seine Ausführungen über das europäische Rechtssystem: „Die Christen, anders als die Muslime und die Juden, verfügen über keine göttlichen Gesetze in Bezug auf weltliche Dinge. Stattdessen erstellen sie solche Regeln selbst, wie es die jeweilige Zeit erfordert.“ Selten ist es einem Menschen gelungen, in nur zwei Sätzen den entscheidenden Unterschied im Rechtsverständnis zwischen verschiedenen Kulturen zum Ausdruck zu bringen. Bei der mitunter brutalen Feindschaft, die zwischen der jüdischen und der muslimischen Welt besteht, ist es nicht ohne eine gewisse Ironie, dass der Islam mit dem (orthodoxen) Judentum im Grunde mehr gemeinsam hat als mit den Christen. Erstere kennen beide einen göttlichen Gesetzeskodex, der nicht nur die kultischen Regeln (Speisegebote etwa) beschreibt, sondern auch sämtliche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens rechtlich festlegt, von der Eheschließung bis zum Strafrecht. Dem Christentum ist ein derartiger Kodex fremd, wie Mirza Abu Taleb Khan richtig erkannt hat. Klassisch zusammengefasst wurde dieses Prinzip in Jesu Antwort auf die Frage nach der Steuerpflicht für Christen: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Auch hier gilt: Nicht die modernen Staatstheoretiker haben die Trennung von weltlichem und göttlichem Recht herbeigeführt, sondern Jesus Christus selbst!

Dem Islam ist eine derartige Unterscheidung fremd, was der Grund dafür ist, dass in nahezu allen Ländern, in denen der Islam Staatsreligion oder Religion der Bevölkerungsmehrheit ist, die Scharia die Grundlage der Rechtsprechung bildet. Auch in der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam heißt es beispielsweise: „Jeder hat das Recht auf freie Meinungsäußerung in einer Weise, die nicht gegen die Prinzipien der Scharia verstößt.“ Das Konzept von universellen Menschenrechten, wie sie für die westliche Welt konstitutiv sind, wäre ein Fremdkörper im muslimischen Denken. Rechte und Pflichten des Menschen gibt es im Islam im Grunde nicht, es gibt nur Rechte und Pflichten des Gläubigen. Ironischerweise führte dieses Konzept in früheren Epochen zu einer erstaunlichen Toleranz gegenüber den ,Ungläubigen‘. So sind uns aus dem 16. Jahrhundert Mahnungen an Muslime überliefert, auf christlichen Hochzeiten (im Osmanischen Reich!) keinen Alkohol zu trinken. Keiner scherte sich darum, ob sich die Christen bei diesen Festen betrinken, ebenso wenig wie die offensichtliche Tatsache, dass Muslime zu diesen Hochzeiten eingeladen wurden, jemanden zu beunruhigen schien. Dieses Prinzip gilt auch noch heute, was sich unter anderem darin zeigt, dass die berüchtigten Todesurteile (Fatwa), wie sie unter anderem über den Schriftsteller Salman Rushdie wegen Abfalls vom Islam verhängt wurden, niemals ,Ungläubige‘ treffen, da diese der Scharia nicht unterstehen. Daher weisen Islamgelehrte mit einem gewissen Recht darauf hin, dass Attentate wie in Frankreich niemals durch die Scharia gerechtfertigt werden können. Aber ist das ein wirklicher Trost?

So sehr sich die islamische Welt auch vom Terrorismus distanziert, letztlich kann sie nicht verhehlen, dass in den meisten ihrer Staaten auf Gotteslästerung oder Abfall vom Islam die Todesstrafe steht, und zwar in vollständiger Übereinstimmung mit ihrer Vorstellung von Menschenrechten, wie sie in der Kairoer Erklärung formuliert sind. Zu erklären, dass diese Urteile nur an Menschen vollstreckt werden, die der eigenen Jurisdiktion unterstehen, ist zwar juristisch gesehen korrekt, ändert aber nichts daran, dass die islamische Welt Lichtjahre von unseren europäischen Vorstellungen von Menschenwürde entfernt ist. Die Frage, ob diese Kultur zu unserem Land passt, stellt sich somit in Wirklichkeit gar nicht.

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