Berufene Paare

Den Drachen Furcht besiegen

Der Einzelne muss sich entscheiden: Das Zeugnis von Felicitas und Perpetua führt in eine Grenzsituation.
Felicitas , Maria mit dem Kind und Perpetua
Foto: Wiki | Gruppenbild der Damen: Felicitas , Maria mit dem Kind und Perpetua.

Felicitas war hochschwanger, Perpetua stillte noch ihren Säugling, als beide Opfer einer neu entfachten Welle der Christenverfolgung wurden. Sie starben mit anderen Märtyrern in der Arena von Karthago am 7. März 203. Die nordafrikanische Metropole zählte über 100 000 Einwohner und war damit nach Alexandria und Rom die drittgrößte Stadt im römischen Reich. Die Lebens- und Leidensgeschichte der beiden Frauen („Passio Perpetuae et Felicitatis“) gehört zur Weltliteratur.

Als Augustin in drei Predigten an das Schicksal der jungen Mütter erinnerte, war die Zeit der Verfolgung vorbei. In Karthago hatte man zu ihrem Gedächtnis eine große Basilika errichtet. Felicitas und Perpetua waren zu Vorbildern des Glaubens („exempla fidei“) geworden. Ihre Standhaftigkeit bezeugte das Wirken der Gnade („testificantia Dei gratiam“) zur geistlichen Stärkung der Gemeinde („aedificationem hominus“). Augustin blickte nicht nur auf ein Zeugnis aus der Vergangenheit zurück, sondern gab ihm eine bleibend aktuelle Bedeutung.

„Dann sandten die Frauen dem Prokurator Hilarius eine letzte Botschaft.
Mit Gebärden zeigten sie auf ihn, dann auf sich und schließlich auf den Himmel:
‚Du hast uns gerichtet, dich aber wird Gott richten!‘“

Der Name Felicitas kann mit „Glückseligkeit“ übersetzt werden. Perpetua bedeutet „die Beständige“. Der Name war lange Zeit beliebt. Augustins Schwester trug ihn und als Kosenamen die Frau des Schriftstellers und Konvertiten Ernst Jünger. Ohne Perpetua gäbe es keine Felicitas, wusste Augustin (Sermo 280). Beide gehören untrennbar zusammen. Nur gemeinsam bezeugen sie den Weg zur ewigen Glückseligkeit. Am Tag ihres Todes glänzten Perpetua und Felicitas – geschmückt mit den Kronen der Märtyrerinnen – in beständigem Glück („perpetua felicitate floruerunt“).

Unserer Zeit sind letzte Überzeugungen abhanden gekommen. Deshalb findet sie keinen Zugang zum Geheimnis von Felicitas und Perpetua. Dass zwei junge Frauen aus dem Gruppenkonsens aussteigen und sich gegen den Willen der Familie für einen Weg entscheiden, mag noch als Zeichen weiblicher Emanzipation verstanden werden. Doch wer im Angesicht des Todes keine Rücksicht auf sein eigenes Kind nimmt, erfährt Widerspruch. Der Vater versuchte seine Tochter mit allen Mitteln zur Umkehr zu bewegen. Zuerst mit Gewalt, dann mit Tränen und schließlich mit dem Appell: „Nimm Rücksicht auf die grauen Haare deines Vaters! Nimm Rücksicht auf das kindliche Alter des Knaben! Bring ein Opfer dar für das Wohl des Kaisers!“

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Die Frauen hätten sich nur unterwerfen müssen, um zu überleben

Der Widerruf hätte ihr die Freiheit und glückliche Tage im Kreis der Familie geschenkt, glaubte der Vater. Felicitas und Perpetua aber geht es um die ewige Glückseligkeit und das Heil der Seele. Der teilweise autobiographische Bericht aus dem Kerker von Karthago beschreibt ein stufenweises Wachsen in letzte Überzeugungen. Zuerst werden die Frauen in den leichten Gewahrsam genommen. Perpetua darf ihr Kind stillen. Dann kommt es zu einer Verschärfung des Arrestes durch Dunkelhaft, schließlich zur Verurteilung.

Die Frauen sollen vor aller Öffentlichkeit in der Arena durch wilde Tiere zerfleischt werden („damnat ad bestias“). Schwangere sind von der Vollstreckung dieses Todesurteils vorläufig ausgenommen. Felicitas aber gehört an die Seite von Perpetua. Deshalb bittet sie zwei Tage vor dem grausamen Schauspiel um den Einsatz der Wehen. Im achten Monat erlebt sie ihre Niederkunft und schenkt einem gesunden Mädchen das Leben. Der Gefängniswärter spottet ihrer: „Du klagst jetzt schon so sehr, was wirst du erst tun, wenn du den Tieren zum Fraß vorgeworfen wirst, die du doch verachtet hast, als du nicht opfern wolltest?“ Die Heilige bezeugt die typische Verbundenheit der Blutzeugin mit Christus. In der Passion als Akt des Mitleidens („Compassio“) vollzieht sich die Einswerdung: „Jetzt leide ich selbst, was ich leide; dort aber wird ein anderer in mir sein, der für mich leidet, weil auch ich für ihn leiden werde.“

Unsere Zeit hat das Verständnis für die Transzendierung des Leidens verloren

Diese Transzendierung des Leidens, wie sie auch Dietrich Bonhoeffer und Maximilian Kolbe bezeugen, kann nicht gelehrt, sondern nur erfahren werden. Deshalb erinnert die Kirche seit jeher an das Zeugnis der Märtyrer und feiert in einer Umkehrung der Perspektive ihren Todestag als Geburtstag („dies natalis“). Unserer Zeit ist das Verständnis für diese Sicht verloren gegangen, wie die Coronakrise dramatisch gezeigt hat. Sie ist auch ein Indikator für einen breiten Glaubensverlust. Wenn der Tod das letzte Wort behält, dann kommt alles darauf an, die Lebenszeit bis zum letzten Atemzug auszureizen.

Die Geschichte der frühen Märtyrer kennt viele Bruchstellen und Risse im sozialen Netzwerk der Familien. Perpetuas Vater handelt fürsorglich und verantwortlich, wenn er seine Tochter zur Apostasie auffordert. In seinen letzten Gesprächen mit der Tochter erkennt er auch ihre moralische Überlegenheit an, ohne ihre Entscheidung zu billigen. Wir wissen nicht, ob Felicitas und Perpetua ihren Weg bis zum Ende gegangen wären, wenn sie für die Versorgung ihrer Kinder nicht den Rückhalt ihrer Familien gehabt hätten.

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Standhaftigkeit führt zum Martyrium aber auch zu einer unfassbaren Heiterkeit

Ihr Todesurteil haben sie mit jener höheren Heiterkeit aufgenommen, die seit dem Martyrium des Stephanus zu den Kennzeichen des Glaubens gehört. Erwerben kann sie nur der Einzelne auf seinem Weg. Symbol dieses Glaubensweges ist die berühmte Leiter, von der Jakob nach seiner Flucht vor Esau träumte (Gen 28). Sie gehört zu den großen Symbolen geistlichen Wachsens, weshalb sie Benedikt von Nursia in seine Regel aufgenommen hat.

Felicitas hat ihren Leitertraum aufgezeichnet. Die Leiter führt in den Himmel. Doch sind ihre Holme mit gefährlichen Marterwerkzeugen gespickt. Nur als Einzelner und nur mit dem streng nach oben ausgerichteten Blick kann der Mensch sie erklimmen. Perpetua beschreibt dieses Ziel als eine Art Garten Eden. Hier schaut sie Christus in Gestalt eines Hirten und erhält aus seiner Hand ein Stück frischen Käse, dessen Geschmack sie an den Mischtrank von Milch und Honig erinnert, der den Täuflingen gegeben wurde.

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Den einzuschlagenden Weg muss jeder Mensch individuell wählen

Die Vision führt also zum Geheimnis der Eucharistie. Der Auferstandene ist in ihr gegenwärtig. Diese Erfahrung ist Grund jener höheren Heiterkeit, mit der die Frauen ihren Weg gehen. Das irdische Leben ist für sie ein sehr hohes Gut, aber nicht der Güter höchstes. Deshalb haben sie den Drachen Furcht besiegt. Als Symbol aller gegengöttlichen Kräfte sitzt er am Fuß der Himmelsleiter. Sein Urbild ist der Drache der Apokalypse. „Und am Fuß der Leiter lag ein Drache von gewaltiger Größe, der denen, die hinaufsteigen wollten, aufzulauern und sie vom Aufstieg abzuschrecken pflegte.“ Die Vision stellt dem Betrachter ein schroffes Entweder - oder vor Augen. Der Einzelne muss sich entscheiden.

Wer den Stufenweg zum Himmel geht, darf keine Kompromisse mit den gegengöttlichen Kräften eingehen. „Er wird mir kein Leid zufügen, im Namen Christi“, sagt Perpetua über den Drachen. „Und am unteren Ende der Leiter streckte er, wie wenn er mich fürchtete, langsam seinen Kopf hervor; und ich trat auf seinen Kopf, als wäre es die erste Stufe, und ich stieg hinauf.“ Gerade an dieser Stelle redet dieses Glaubenszeugnis unserer Zeit ins Gewissen. Die letzte Wahrheit fordert die Entscheidung des Einzelnen – auch gegen den Teufel. Er lässt sich nicht wie ein Hund domestizieren, sondern bleibt das unheimliche mysterium iniquitatis. So wird es bei der Firmung bezeugt.

Die Frauen überantworten ihren Richter dem Urteil Gottes

Das Zeugnis von Felicitas und Perpetua führt in eine Grenzsituation. Hier öffnet sich der Horizont. Als die Frauen mit strahlendem Antlitz das 36 000 Menschen fassende Amphitheater betraten, schlugen einige der Zuschauer die Augen nieder. Dann sandten die Frauen dem Prokurator Hilarius eine letzte Botschaft. Mit Gebärden zeigten sie auf ihn, dann auf sich und schließlich auf den Himmel: „Du hast uns gerichtet, dich aber wird Gott richten!“ Wo ist dieser Glaube geblieben? Vom Himmel wird Christus kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Was in jeder Messe mit Worten zitiert wird, erschließt sich vielleicht erst an der Grenze und wird dort zum Bekenntnis.

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