Das Rätsel Mensch und die unendlichen Weiten des Weltraums

Die Ausstellung „Things to come. Science. Fiction. Film“ in Berlin über den Bezug von Film und Weltraumforschung. Von Ingo Langner
Sonderausstellung „Things to Come. Science. Fiction. Film“
Foto: Mueum | So könnte die zukünftige Begegnung mit dem Fremden aussehen: „Real Humans“ (2012–2014) von Harald Hamrell.

Am Anfang: der Count-Down, auf eine Leinwand projiziert, durch die man nach diesem Entree hindurch- und in die Ausstellung hineinschreiten wird. Ein Count-Down in wechselnden, unterschiedlichen Filmsequenzen, und in einer Endlosschleife immer wieder neu.

Gleich hier hebt das Staunen an. Nicht die Amerikaner haben dieses Herunterzählen der Sekunden von Zehn bis auf Null vor einem Raketenstart erfunden, erfährt man nämlich auf einer Schrifttafel, sondern der deutsche Regisseur Fritz Lang, und dies bereits 1929 für seinen Film „Die Frau im Mond“.

Langs Einfall war damals aus der Not geboren. Denn wer für einen Stummfilm, der die Spielhandlung durch eingeschobene Zwischentexte ergänzt, die minutenlangen Startvorbereitungen vor dem „Lift off“ einer Rakete dramatisch aufladen will, für den ist das groß eingestreute „10 ! 9 ! 8 ! 7 ! 6 !...“ schon ein Effekt, der sich sehen lassen kann. Wen wundert es also, dass die Männer der NASA, deren Raketenstarts in den sechziger Jahren in der ganzen westlichen Welt mit angehaltenem Atem verfolgt worden sind, auf diesen Effekt nicht verzichten wollten. Im Gegensatz zu den Sowjets übrigens. Für die war der Count-Down vermutlich bloß ein Spiegelbild der kapitalistischen Dekadenz.

Anders gesagt: Die Ausstellung „Things to come. Science. Fiction. Film“ führt uns bereits auf ihrer ersten Station vor Augen, wie sehr Film und Weltraumerforschung miteinander verknüpft sind.

Warum dies keine bloße These ist, entfaltet sich im Haus der Deutschen Kinemathek, zentral am Berliner Potsdamer Platz gelegen, in auf gleich drei Stockwerke verteilten und stilvoll gestalteten Kapiteln „Der Weltraum“, „Die Gesellschaft der Zukunft“ und „Das Fremde“ mehr als eindrucksvoll.

Von der Schwerelosigkeit über die Kommandobrücke bis zum Hyperschlafraum, vom Alien bis zum Cyberborg, von der Utopie eines außerirdischen Paradieses bis zum finalen Armageddon, der endzeitlichen Entscheidungsschlacht: Schritt für Schritt lässt sich visuell erkunden, wie sich Filmemacher von der schon erwähnten „Frau im Mond“ bis zu „Interstellar“ aus dem Jahr 2014 ein teils rein fiktives, teils sehr reales Bild vom Weltraum gemacht haben.

Eindrucksvoll sind jedoch nicht nur die subtil kompilierten Sequenzen diverser Filme, die vielfältigen Artefakte, herbeigeschafft aus Studios in aller Welt und die Ausstellungsarchitektur. Eindrucksvoll ist vor allem, dass die Kuratoren Kristina Jaspers, Nils Warnecke und Gerlinde Waz den Mut gehabt haben, in ihrem Ausstellungsparcours den – den titelgebenden Stichworten „Science, Fiction, Film“ innewohnenden – existenziellen Fragen nachzugehen. Denn dass „da draußen“ „irgendwas“ haust, das mächtiger ist, als alles, was in den menschlichen Werkstätten und Labors je das Licht der Welt erblickte, ist eine Konstante in so gut wie allen Science-Fiktion-Filmen.

Wie in keinem zweiten seines Genres lässt sich die Quintessenz dieser Fragen in Stanley Kubricks Film „2001: Odyssee im Weltraum“ exemplifizieren. Dies nicht bloß deshalb, weil dort Science Fiction schon 1968 filmisch in einer nie zuvor gezeigten und bis heute kaum übertroffenen bildmächtigen Perfektion auf der Leinwand erschien, sondern vor allem deswegen, weil dieses herausragende kinematographische Kunstwerk die Frage nach dem Woher und Wohin und Wozu der Spezies Mensch so radikal ins Zentrum der Handlung stellen wollte, wie kein anderer Film in diesem Genre zuvor.

Man sah Astronauten, die sich mittels ihrer hochentwickelten Technik weit, weit ins All vorwagten, um schließlich auch nur herauszufinden, was ihre seefahrenden Ahnen in einer schier endlosen Generationenfolge immer aufs Neue schmerzlich erfahren mussten: dass sie nämlich an jedem neu eroberten Ufer immer noch dieselben verletzbaren und sterblichen Kreaturen geblieben sind, die sie bei ihrem Aufbruch waren. Stanley Kubricks „2001“ verhandelt das gleiche Thema wie die „Odyssee“ des antiken Dichters Homer. Beide zeigen, dass es etwas gibt, was größer, ja ewiger ist als der endliche Mensch. Homer erzählt von der Allmacht der griechischen Götter, und Kubrick scheint gewusst zu haben, dass der Mensch die Antwort auf das Rätsel Mensch auch in den unendlichen Weiten des Weltraums nicht finden wird.

„Things to come“: Schon in ihrem englischen Titel verweist die Ausstellung auf Zukünftiges. Die dort gestellten Sinnfragen sind der beste Beweis dafür, wie wichtig die Deutschen Kinemathek unter ihrem Künstlerischen Direktor Rainer Rother die Aufgabe nimmt, nicht im bloß faktischen Herzeigen der Filmgeschichte zu verharren, sondern auch die dem Genre Film innewohnenden metaphysiktauglichen Dimensionen subtil und publikumswirksam zugleich zur Anschauung zu bringen.

Sonderausstellung „Things to Come. Science. Fiction. Film“. Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin, bis 23. April 2017.

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