"Da läuft etwas grundsätzlich schief"

Das "Genom- Editing", die Veränderung des menschlichen Genoms, gehört der gesellschaftlichen Kontrolle unterworfen. Ein Werkstattbesuch. Von Stefan Rehder
Multi color dna model isolated on white background
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Berlin-Dahlem. Zwischen dem Archiv der Max-Planck-Gesellschaft und ihrem Institut für Wissenschaftsgeschichte steht nur einen Steinwurf vom Henry Ford-Bau der Freien Universität Berlin entfernt eine kleine Dienstvilla. Anders als die aus dem Ei gepellten Anwesen der Nachbarschaft trägt dieses Patina. Der Putz an der Fassade strahlt nicht mehr blendend weiß. Hier und da hat er sich ganz aus dem Staub gemacht. Die hölzernen Läden vor den Fenstern sind nicht mehr wirklich grün. An einigen fehlen sie inzwischen ganz. Nur der Marmor im Treppenhaus kündet noch davon, dass auch dieses Domizil einmal herrschaftlichere Zeiten erlebt haben muss. Hier genauer im linken Teil des Erdgeschosses empfängt der renommierte Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger Gäste. Ein langgezogener Schreibtisch mit vollbesetzter Bücherwand im Rücken steht vor einer breiten Fensterfront, die den Blick auf eine Grünfläche freigibt, die Rasen zu nennen an Falschmünzerei grenzte. Ein kleiner, runder Besprechungstisch mit zwei Stühlen komplementiert das zusammengewürfelt wirkende Mobiliar. Der einzige Gegenstand, der hier als Statussymbol taugte, ist ein platzsparender Apple Mac mini. Wenn Wände sprechen könnten, deklamierten diese wohl: "Sein statt Design". Ähnlich singulär wie diese Villa im Berliner Nobelviertel Dahlem wirkt auch der Nutzer eines ihrer Räume im heutigen Wissenschaftsbetrieb. Der heute 72-Jährige studierte zunächst Philosophie und Linguistik in Tübingen und an der Technischen Universität Berlin, wo es den deutschlandweit "ersten Lehrstuhl für reine Linguistik ohne Anbindung an eine bestimmte Sprache gab". Sprache habe ihn "schon immer interessiert", sagt Rheinberger. In Berlin hört er 1969 einen Vortrag Jacques Derridas. Noch als Student überträgt der in der Schweiz geborene Liechtensteiner gemeinsam mit einem Kommilitonen Derridas "Grammatologie" ins Deutsche. Man habe "sogar einen Verlag gefunden", sagt Rheinberger. Dass diese Übersetzung noch heute als Band 417 im Programm des renommierten Suhrkamp Verlags erhältlich ist, verrät er nicht. Stattdessen bedauert er die Engführung der späteren Rezeption Derridas als Begründer des Dekonstruktivismus. Die verdecke, dass er "in jungen Jahren wirklich etwas zu sagen hatte" und aus einer "ganz bestimmten philosophischen Tradition" komme, "nämlich der späten Phänomenologie Edmund Husserls", sagt Rheinberger. Nach dem Studium der Philosophie, das er mit dem Magister Artium abschließt, beginnt er in Berlin Biologie und Chemie zu studieren. Sechs Jahre später "baut" er sein Diplom in Biologie. Nach drei weiteren Jahren wird Rheinberger, längst Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Molekulare Genetik, mit einer Dissertation zur Struktur und Funktionsanalyse der Proteinbiosynthese promoviert. Fünf Jahre später habilitiert er sich als Molekularbiologe. Nach zwölf Jahren des Experimentierens im Labor steht Rheinberger vor der Entscheidung, sich entweder "ein neues Feld in der Molekularbiologie zu erschließen" oder "etwas ganz anderes zu machen". Rheinberger entscheidet sich für das ganz andere. An der Stanford University in Kalifornien nimmt er an dem Programm "history of science" teil. Die berühmte Privatuniversität, rund 60 Kilometer südöstlich von San Francisco und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Silicon Valley gelegen, sei damals ein "Bienennest an wissenschaftshistorischen Aktivitäten" gewesen, erinnert sich Rheinberger. Viele Wissenschaftshistoriker, "die später wichtig wurden", seien damals dort versammelt gewesen: "Peter Galison, Timothy Lenoir, Ian Hacking, Nancy Cartwright". Und eben Hans-Jörg Rheinberger. Der "ernsthafte Versuch, Geschichte, Philosophie und Soziologie der Wissenschaften zusammenzuführen" und nicht länger jeweils säuberlich voneinander separiert zu betreiben, motiviert ihn zurück in Deutschland eine "mehrdimensionale Wissenschaftsforschung" auch hierzulande auf den Weg zu bringen. Nach Stationen in Lübeck und Salzburg wird er 1997 als Direktor an das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin gerufen und mit der Leitung der Abteilung III betraut. In den folgenden Jahren weist Rheinberger der Wissenschaftsgeschichte neue Wege, indem er ihren Blick von einer an Disziplinen orientierten Ideengeschichte weg und auf die Prozesse der Erkenntnisgewinnung im Labor hin richtet und dabei eine "historische Epistemologie" etabliert. In der Epistemologie (Erkenntnistheorie) gehe es, so Rheinberger, um die "Reflexion auf die historischen Bedingungen, unter denen Dinge zu Objekten des Wissens gemacht werden" sowie um "die Mittel, die dabei zu Einsatz kommen und mit denen der Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung in Gang gesetzt und in Gang gehalten wird". Was das in der Praxis bedeutet, lässt sich in Monografien Rheinbergers wie "Epistemologie des Konkreten. Studien zur Geschichte der modernen Biologie", "Vererbung Geschichte und Kultur eines biologischen Konzepts" oder auch "Das Gen im Zeitalter der Postgenomik. Eine wissenschaftshistorische Bestandsaufnahme" studieren. 15 Jahre lang war der Honorarprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Berlin zudem Mitglied einer interdisziplinären Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die die Entwicklung der Gentechnologie beobachtet und in regelmäßigen Abständen ihren sogenannten "Gentechnologiebericht" vorlegt. Was denkt einer wie er von Technologien wie CRISPR/Cas9, jenen molekularen Genscheren, mit denen Wissenschaftler seit einigen Jahren die Erbsubstanz von Pflanzen und Tieren manipulieren und seit vergangenem Jahr auch die von menschlichen Embryonen in Experimenten gezielt zu verändern suchen? "Unter forschungspolitischen Gesichtspunkten" fände er es "durchaus faszinierend", dass diese Technik "nicht etwa in einem Gentechnikinstitut von einem dieser selbsternannten Gen-Ingenieure entwickelt und erfunden wurde", sondern aus einer Entdeckung stamme, auf die Immunologen "bei der Grundlagenforschung mit Bakterien" gestoßen seien. Einem Bereich also "fernab der Gentechnik". Das sei "wieder ein verdammt gutes Argument für den Stellenwert, den die Grundlagenforschung für die Wissenschaft hat." Dass die Biologie deren Bedeutung aus dem Blick verlieren könne, bereitet Rheinberger Sorge. In ihrer Beziehung zur Technik seien die "Lebenswissenschaften" und mit ihnen die Biologie an einem Punkt angekommen, "den die Physik bereits im 19. Jahrhundert und die Chemie im frühen 20. Jahrhundert erreicht" hätten. Viele der Leute, die heute in die Biologie drängten, seien "im Grunde gar keine Biologen mehr, sondern Bio-Techniker und Bio-Ingenieure". Dabei sei es "durchaus normal und auch legitim", dass auch die Universitäten "einen Wandel" durchmachten. "Wandel hat es immer gegeben". Dennoch "kann es einen auch schon ein bisschen gruseln, wenn man sieht, wie das Marktdenken überhand nimmt". Nicht nur, aber auch an der Universität. Rheinberger ist überzeugt, dass sowohl die Wissenschaften als auch die Gesellschaften "Orte brauchen, an denen das Erkenntnisinteresse noch Vorrang genießt". "Horte der Kreativität", die ihre "eigenen Räume und Gefäße benötigen, um Intelligenz freizusetzen". Weil die neuzeitlichen Wissenschaften "davon bisher gelebt" hätten, sei es auch im "gesamtgesellschaftlichen Interesse", das Überdauern solcher Orte zu sichern. Wer dagegen meine, diese "durch Technologie ersetzen" zu können, sei "auf dem Holzweg". Ob nicht auch das Genom-Editing ein solcher sei? Rheinberger ist kein Purist. "Alle diese molekularen Techniken finde ich soweit akzeptabel und auch förderungswürdig, als sie uns dabei helfen, Krankheiten zu vermeiden oder zu heilen, die wir auf andere Weise nicht vermeiden oder heilen können", sagt er. Dabei komme es jedoch entscheidend darauf an, ob es der Wissenschaft gelänge, diese Technologien so "punktgenau zu machen, dass sich mit ihr das genetische Material einer einzelnen Zelle erfolgreich verändern lässt und Zellausschuss vermieden werden kann". Bisher sei man davon noch weit entfernt. "Keine gute Sache" wäre es dagegen, "diese Techniken einfach freizugeben und sie zur Verbesserung und Steigerung menschlicher Eigenschaften einzusetzen". "Da muss eine Gesellschaft, die an solchen Technologien arbeitet und diese weiter entwickelt, auch in der Lage sein, Grenzen zu setzen." Dass dazu auch die deutsche fähig ist, daran gibt es für Rheinberger keinen Zweifel. "Wir haben ja auch Grenzwerte in der Chemie." Auch Antibiotika seien nicht einfach frei erhältlich, sondern unterlägen der Verschreibungspflicht. Technologien wie CRISPR/Cas9 gehörten ebenfalls reguliert und dürften nicht "unter dem Deckmäntelchen der Demokratisierung der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen" werden. Was Rheinberger stört, ist der "Hype", der derzeit um die neuartigen molekularen Genscheren gemacht wird. Es gebe "genügend Leute, die bemüht sind, die Blase immer noch ein bisschen größer zu machen". Allerdings sei auch das keine neue Entwicklung. Seit 40 Jahren passiere das "praktisch mit jeder größeren Entwicklung in der molekularen Biotechnologie". "Was war das für ein Geschrei, was wir alles gelöst haben werden, wenn wir das Genom entschlüsselt haben", erinnert Rheinberger an die Jahrtausendwende und das Human-Genom-Projekt. Das Geschrei habe "genauso lange gedauert, wie das Genom jedenfalls grosso modo entschlüsselt worden war". Dann habe man gemerkt, "dass bei gerade einem Viertel der vermuteten Gene da noch irgendetwas sein muss, woran man vorher nicht gedacht hatte. Und jetzt arbeiten Hunderte von Laboren an dem, was wir heute Epigenetik nennen". Dabei sei Epigenetik vor zwanzig Jahren noch "ein Schimpfwort" gewesen. Eines, mit dem "ein paar Idioten" belegt worden seien, "die meinten, Darwin habe nicht Recht und man müsse Lamarck wieder aus der Tasche hervorziehen". "Da läuft grundsätzlich etwas schief in unserem Wissensmanagement. Da hat eine Marktschreierei Einzug gehalten, die meiner Meinung nach nicht in die Wissenschaft gehört." Ähnlich sei das auch bei der embryonalen Stammzellforschung gewesen. Dabei sei Deutschland "mit seinem verschärften Embryonenschutzgesetz bisher nicht ganz verkehrt gefahren", findet Rheinberger. Trotzdem sei Deutschland heute "eine blühende biotechnologische Landschaft, während von vielen der Dinge, die damals als das Nonplusultra erschienen, heute niemand mehr redet".
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