Feuilleton

Christoph Martin Wieland: Aufklärung mit einem Schuss Relativismus

Der Vernunft traute er nicht wirklich: Vor 200 Jahren starb der Dichter Christoph Martin Wieland. Von Alexander Riebel
Christoph Martin Wieland, Dichter der Aufklärung
Foto: IN | Christoph Martin Wieland, Dichter der Aufklärung.

Ein Vorbild für Journalisten ist er nicht. Jedenfalls nicht nach heutigen Maßstäben. Christoph Martin Wieland war der Meister der Hypotaxe, des mit vielen Nebensätzen verschachtelten Satzbaus. Also weniger für Schnellleser, eher etwas für Stilliebhaber. Als ein solcher hat ihn der Schriftsteller Arno Schmidt vor Jahrzehnten wiederentdeckt und für das deutsche Publikum wieder zugänglich gemacht, nachdem Wieland beinahe völlig vergessen war.

Wieland war einer der wenigen bekannt gewordenen Dichter der Aufklärungszeit, die aus dem oberdeutschen Raum stammen. Er wurde am 5. September 1773 in dem schwäbischen Dorf Oberholzheim geboren, das damals zur Reichsstadt Biberach gehörte. Sein Vater war protestantischer Pfarrer, die Mutter eine schlichte Bürgersfrau. Der junge Wieland kam dann schnell mit einem Kompendium der europäischen Aufklärungsbewegung in Berührung, mit Pierre Bayles „Historisch-kritischem Wörterbuch“, das den Wissensstoff der Epoche zusammenfasste. Bayle eröffnete dem Schüler des Internats Klosterbergen bei Magdeburg auch einen Zugang zur Antike, wobei ihn besonders die Darstellung der materialistischen Lehren von Leukipp, Lukrez oder Demokrit beeindruckte. Mit Hilfe der Materialisten vollzog Wieland die Trennung vom Pietismus seiner Kindheit und schrieb nun als Sechzehnjähriger einen Aufsatz, indem er die Entstehung der Venus aus Meerschaum nur durch Atome erklärte. Diese Form französisch beeinflusster Aufklärung, die auch im Internat entdeckt wurde, brachte ihm die Bezeichnung des ketzerischen Schülers ein, der fast von der Anstalt verwiesen wurde. Mit achtzehn Jahren, inzwischen Student der Jura, schrieb Wieland 1751 sein Lehrgedicht in sechs Büchern, „Die Natur der Dinge“, in dem er nun auch unter dem Einfluss der idealistischen deutschen Aufklärung eine Kritik der Theologie verfasste. Gott erklärte er zu einem bloß philosophischen Prinzip zum Wohl der Menschheit, die biblische Schöpfungslehre lehnt er ab. Der Schweizer Dichter Johann Jakob Bodmer, ein Zeitgenosse Wielands, schrieb: „Wenn Wieland sein Gedicht für Wahrheit ausgibt, so muss er notwendig mit der Kirche und der Schule Händel bekommen.“ Sogar einem Lessing wurde es zu viel: „Die christliche Religion ist bei dem Herrn Wieland immer das dritte Wort. – Man prahlt oft mit dem, was man nicht hat, damit man es wenigstens zu haben scheine.“

Lessing änderte aber die Meinung über seinen Zeitgenossen, als der die „Geschichte des Agathon“ 1766/77 herausbrachte. Er bezeichnete den „Agathon“ in seiner Hamburgischen Dramaturgie als das Buch, das „unstrittig unter die vortrefflichsten unseres Jahrhunderts gehört“. Und der erste „Versuch über den Roman“ (1774) in Deutschland von Christian Blankenburg stützte sich hauptsächlich auf dieses Werk. Es ist das Hauptwerk Wielands und wurde sofort zum Erfolg. „Agathon“ ist Wieland. Das Buch ist ein aufklärerischer Bildungsroman, der das Leben eines deutschen Jünglings in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts zeigt. Wielands Biograph J.G. Gruber schreibt: „Die Seelengeschichte des Agathon ist im Wesentlichen des Dichters eigene in einer sehr getreuen Selbstschilderung.“ Der junge Agathon wächst in einem Tempel in Delphi auf, womit Wieland seine pietistische Kindheit vergleicht. Den Grundgedanken haben auch noch Goethe und Schiller vertreten, nämlich dass eine bessere Welt nur möglich wird, wenn der einzelne Mensch sich zum besseren wendet. Religiöse Anspielungen spielen jetzt bei Wieland keine Rolle mehr. Er ist ganz zum Kind der Aufklärung geworden – es geht ihm um ein neues Menschenbild. Nicht nur „Tugend und Moral“ wie in der Frühaufklärung waren das Thema – wie in Johann Christoph Gottscheds „Der sterbende Cato“, sondern der ganze, auch sinnliche Mensch, geriet in das Zentrum. Und besonders die Sinnlichkeit war Wieland wichtig. Der „Agathon“ formulierte als erstes Buch der Aufklärung das Ideal der geistig und moralisch allseitig ausgebildeten Persönlichkeit; ein Ideal, das auch noch Kant zum Grundthema seiner Lehre von der „bürgerlichen Gesellschaft“ machen wird, deren Bedeutung sich bis heute völlig gewandelt hat. Allerdings geht es bei Wielands Sicht der allseitig ausgebildeten Persönlichkeit nur um das individuelle Glücksstreben des Einzelnen, in der Hoffnung, auch die Gesellschaft würde besser werden. Auch seine Kritik des Hofes und des Fürstentums waren damals neu. Der Roman schließt mit der ideal-utopischen bürgerlichen Republik Tarent, in der alle einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen und wo natürliche Sitten und Zufriedenheit herrschen. Wieland hat seine Utopie mit den Worten formuliert, dass „wahre Aufklärung zu moralischer Besserung das Einzige ist, worauf sich die Hoffnung besserer Zeiten, das ist besserer Menschen, gründet“. Ethik statt Glaube, das war die Devise der Aufklärung.

Auch mit der „Geschichte der Abderiten“ (1774–80) wandte sich Wieland wieder dem antiken Erzählgewand zu, unter dem sich eine Kritik am damals zersplitterten Deutschland verbarg. Die Abderiten sind für ihn die Schildbürger und Einfallspinsel, deren Narrheit er verspottet. Er benutzte dabei die neue Technik des Romans des 18. Jahrhunderts, in Episoden zu erzählen und nicht mehr eine Figur oder Fabel darzustellen. Diesmal geht es allerdings wieder drastisch gegen die Kirche. In der fünften Episode geht es um die dicken „heiligen Frösche“ der Latona, der Schutzgöttin von Abdera, die für „faule Mönche“ stehen, die Wieland in Erfurt kennengelernt zu haben meint. Die Frösche vertreiben mit den Mäusen die Abderiten aus der Stadt und werden damit Anlass für die Verbreitung der Philister. Die Frösche selbst werden dann in wenigen Tagen von Kranichen „verputzt“, den Kündern eines neuen Frühlings der Menschheit. Bereits im „Goldenen Spiegel“ (1772) Wielands über ein „Völkchen von ausgemachten Wollüstlingen“ wurden die Mönche abgeschafft.

Wielands häufige Orientierung an den alten antiken Erzählstoffen hat ihm auch Kritik späterer Dichter eingebracht. Die Gebrüder Schlegel haben ihn einen „Anempfinder“ genannt, weil er keine originale dichterische Leistung vollbracht habe. Seine Toleranz und Erotik im Werk missfielen den Dichtern vom Sturm und Drang bis zur Romantik, die echte Gefühlskultur verteidigen wollten. In den „Komischen Erzählungen“ und im „Musarion“ siegt die pure Sinnlichkeit über alle Weisheit und behauptet sich als alleiniges Lebensgefühl; als angenehme Herrscherin über die Menschen. Hier gibt es nicht die Ideale aus dem „Agathon“, sondern eine bloß sinnliche Lebensart. Der Philosoph Phanias schmachtet nach Lieb zu Musarion, schleicht sich in ihr Lager, um seine Philosophie zu vergessen und nur noch der „reizenden Philosophie“ seiner Geliebten zu lauschen. Auch in der Verserzählung „Oberon“ siegt die Liebe über die Tugend – sie soll den Menschen läutern und ihn befreien. besonders von der absolutistischen Regierungsform. Shakespeares „Sommernachtstraum“ stand hier Pate, den Wieland nachzudichten versuchte.

Wieland vermischte also seine Ideen zur Aufklärung mit einem relativistischen Vielleicht – ob denn die Vernunft auch wirklich allein zum Guten führt, oder nicht auch durch die Sinnlichkeit der Liebe unterstützt werden müsste. Wieland erlebte noch, wie die Romantik seine Ideale zerbrach, was ihn auch selbst in eine Krise stürzte, verstärkt noch durch den Tod seiner Frau.

Wieland, den Napoleon 1808 zum Ritter der Ehrenlegion ernannte, hatte die Ideologien der Aufklärung mit vollen Zügen genossen. In Weimar lebte er im Kreis mit Johann Karl August Musäus, Goethe und Herder und trat als Übersetzer und auch Herausgeber hervor. Noch heute steht in Weimar seine Statue. Im Alter von 76 Jahren trat er noch der Weimarer Freimaurerloge Anna Amalia zu den drei Rosen bei und hielt einige Vorträge. Am 20. Januar 1813 starb er an einer Erkältung.

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