Christen sollten nicht auf Propaganda hereinfallen

Wen soll man morgen bei der Bundestagswahl wählen? Der Dominikanerpater Professor Wolfgang Ockenfels ist überzeugt, dass klare Kriterien, die sich am katholischen Lehramt ausrichten, bei der Orientierung helfen. Ein Interview. Von Oliver Gierens
Wahlkampf CDU
Foto: dpa | Pater Wolfgang Ockenfels sieht bei der CDU große Defizite beim Lebensschutz und in der Familienpolitik – diese Gruppe von Merkel-Anhängern offensichtlich nicht.
Pater Ockenfels, haben Sie eigentlich Ihre Wahlentscheidung schon getroffen?

Ja, ich habe schon per Briefwahl gewählt, aber ich werde Ihnen dieses Wahlgeheimnis hier nicht offenbaren. Ich bin ja seit über 50 Jahren Mitglied der CDU; das bedeutet aber nicht automatisch, dass man diese Partei heute noch wählen kann.

Bei welchen Themen haben Sie in den letzten Jahren gemerkt, moment mal, das ist nicht mehr die „C“-Partei, die ich früher mal kannte?

Das betrifft vor allem die Grundsatzfrage einer Verantwortungsethik, die sich noch an Sozialprinzipien orientiert. Das sind Prinzipien der Subsidiarität, die man europäisch völlig vernachlässigt hat. Dazu zählt auch die Solidarität gerade mit den Ärmsten in unserer eigenen Gesellschaft, die wichtig ist, bevor man die Grenzen öffnet für alle möglichen Armen in dieser Welt. Wir sind immer noch ein Nationalstaat, der auch nur als solcher als Sozialstaat agieren kann. Genau dies, diese Ordnungsproblematik, hat mich gestört. Natürlich muss man die aktuelle Flüchtlingspolitik auch im Zusammenhang sehen mit der Islamisierung, die in Deutschland langsam um sich greift, ähnlich wie ja schon vorher in Frankreich. Zu den entsprechenden Folgen gehört, dass hier plötzlich die Scharia eingeführt werden kann, und vielleicht auch noch die Polygamie. Der zweite Punkt: der größte Gag rund um die sogenannte „Ehe für alle“ ist doch der, dass weder Frau Merkel noch das Parlament es offensichtlich für nötig hielten, darüber zu diskutieren, ob diese Ehe mit der katholischen Soziallehre vereinbar sei. Es gibt darüber hinaus noch viele andere Dinge, die einen stutzig machen können. Der Euro zum Beispiel, der angeblich ein Friedensgarant sein soll. Er wird aus meiner Sicht aber immer stärker in Bedrängnis geraten, vor allem dann, wenn Deutschland für die Schulden anderer Länder eintreten muss, obwohl das rechtlich gar nicht vorgesehen, ja sogar untersagt ist. Dazu gehört auch die Enteignung der Sparer durch eine Nullzins-Politik. Ferner bin ich besorgt über Formen von Zensur, die vor allem im Internet eine Rolle spielen soll. Alles dies ist auch mit der Zustimmung von Frau Merkel geschehen. Ganz zu schweigen von der Energiewende. Das sind die konkreten Probleme. Also, was mich interessiert, sind die Grundlagen dieser Politik, die offenbar gegen Ordnung und Sicherheit und vor allem gegen die Rechtsordnung gerichtet ist.

Sie haben die Flüchtlingspolitik erwähnt. In diesem Fall hat sich Frau Merkel explizit auf ihre christliche Überzeugung berufen bei dieser unkontrollierten Grenzöffnung vor zwei Jahren für Migranten und Flüchtlinge mit ihrer Aussage „Wir schaffen das“. Das hatte ja durchaus einen christlichen Hintergrund. War das ein Ausweis christlicher Politik, was sich da vor zwei Jahren an den deutschen Grenzen abgespielt hat?

Das ist doch gerade das kolossale Missverständnis, wenn sich Frau Merkel auf die Bergpredigt zu berufen versucht oder auf die biblische Bestimmung, dass man den Flüchtlingen helfen solle. Klar, Individualethisch ist es für Christen eine Pflicht, wenn ein armer Bettler oder ein Flüchtling vor der Haustür steht, ihm zu helfen. Diese Individualethik kann man jedoch nicht auf die Staatsebene übertragen, wo dann die gesamte Bevölkerung durch ihre Steuern zur Zustimmung gezwungen wird. Die Grenzöffnung unter dem Motto „Kommt alle herbei aus der ganzen Welt“, die unkontrolliert unter Missachtung rechtlicher Einschränkungen geschah, lässt sich nicht mit der Bergpredigt legitimieren. Schön, wenn Frau Merkel der Meinung ist, dass der Glaube Berge versetzt. Dieses Bild vom Berg betrifft aber nicht die Politik, sondern das geistliche Leben des einzelnen Gläubigen, ansonsten schafft man nur gesellschaftliche Problemberge. Nein, man kann und darf nicht die Individualethik, diese Gesinnungsethik vom Glauben her, von der Bergpredigt her auf die staatliche Ebene, bei der die Verantwortungsethik eine gewaltige Rolle spielt, zu übertragen versuchen. Das geht schief. Dass man den Unterschied zwischen Individual- und Sozialethik, zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik offenbar nicht mehr versteht oder nicht verstehen will – das ist aus meiner Sicht das ganz große Manko der von Angela Merkel geführten CDU. Eine schlimme Entwicklung. Ich bin sicher, dass sie dafür irgendwann einmal eine Quittung bekommt.

Es gibt ja durchaus noch konservative und christliche Kräfte in der CDU, vor allem auch an der Basis, aber auch in der Bundestagsfraktion gibt es Personen wie Patrick Sensburg oder Thomas Dörflinger. Es gibt den Berliner Kreis, Die WerteUnion, also durchaus konservative Zusammenschlüsse. Warum hört man eigentlich so wenig von denen, außer wenn Herr Bosbach gerade aus einer Talkshow flüchtet?

Da haben Sie recht. Das ist ein Problem – und zwar ein zweiseitiges. Innerhalb der CDU werden solche Gruppierungen marginalisiert und diffamiert. Sie werden abgestraft. Frau Merkel hat ja alle weggebissen, die gegen ihre Linie waren, und das waren vor allem die katholisch-konservativen Repräsentanten dieser Partei, so dass sie jetzt offensichtlich glaubt, ein freies Feld vor sich zu haben. Andererseits sind auch die Massenmedien, die meines Erachtens ganz auf den Kurs von Frau Merkel übergelaufen sind, an dieser öffentlichen Marginalisierung der Konservativen in der CDU beteiligt. Warum? Ich denke, weil die Printmedien hauptsächlich links und grün dominiert sind; plötzlich sieht man sie alle auf der Seite von Frau Merkel. Das muss einen doch auch stutzig machen.

Es wird meines Erachtens ein Gesinnungsterror ausgeübt, als ob alle diejenigen, die gegen die Gesamtlinie der Bundeskanzlerin verstoßen, undemokratisch wären, also quasi Faschisten oder Nazis wären. Die Diskussion findet nicht mehr auf einer rationalen Ebene statt, wo man sich mit Argumenten auseinandersetzt, sondern im Sinne der Diffamierung und der Denunzierung – das war und ist in Wahlkampfzeiten besonders schlimm und auffällig.

Was raten Sie den christlichen Wählern? Was sollen wir am 24. September tun?

O Gott, wenn ich das wüsste. Ich kann hier natürlich keine Wahlempfehlungen abgeben. Das sähe dann so aus, wie wenn ich genau das gleiche tue, was ich an anderer Stelle an manchen Bischöfe, die sich aus meiner Sicht zu stark in die Politik einmischen, kritisiere. Ich gehöre nicht der Hierarchie der Kirche an, ich bin nur ein einfacher Ordensmann und Professor. Aber ich rate allen Christen, die zur Wahl gehen, vorher doch bitte genau die Programme zu lesen und nicht auf Propaganda hereinzufallen. Es kommt bei jeder Wahl darauf an, Kriterien zu entwickeln. Da spielen Fragen der Sozialpolitik, der Ordnungspolitik und der Rechtspolitik eine große Rolle. Eine für Katholiken außerordentlich wichtige Rolle spielt sicher die „Ehe für alle“. Es geht um die Frage, ob man eine Politik, die das klassische Eheverständnis verlassen hat, immer noch christlich nennen darf. Welches Familienbild haben wir? Auch der Lebensschutz ist ein wichtiges Thema. Wir haben seit ungefähr 40 Jahren sechs Millionen Kinder abgetrieben, das heißt, sie sind umgebracht worden. Dagegen höre ich viel zu wenig Protest von Seiten der Kirche, obwohl das doch ein zentraler Punkt, ein Skandal, ist, bei dem man auch die CDU an ihr „C“ erinnern sollte. Ich gebe zu, es ist für mich nur ein schwacher Trost, dass es in der CDU die „Christdemokraten für das Leben“, die CdL gibt. Dass ich überhaupt noch Mitglied dieser Partei bin, hängt allerdings genau damit zusammen, dass es noch solche Leute innerhalb dieser Partei gibt, die versuchen, die Linie zugunsten einer lebensfreundlichen Willkommenskultur für Neugeborene zu vertreten und familienpolitische Gerechtigkeitsforderungen zu erheben. Das findet in der CDU leider viel zu wenig Anklang.

Bei diesem Interview handelt es sich um die gekürzte und autorisierte Fassung eines Gesprächs von Pater Ockenfels auf Radio Horeb. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Senders.

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