Kommentar zur Bildung

Auf die Plätze, fertig, los!

Schlechtes Zeugnis für die Bildung. Neue Erhebung "IQB- Bildungstrend" zeigt ein dramatisches Ergebnis für Schüler am Ende der Primarstufe. Vielen fehlen grundlegende Kompetenzen.
Schulen erhalten schlechtes Zeugnis
Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) | Katastrophale Ergebnisse liefert der aktuelle IQB-Bildungstrend für Deutschlands Grundschulen. Vielen Schülern fehlen wesentliche Basiskompetenzen.

Klassenziel: leider verfehlt, müsste es nach dem katastrophalen Ergebnis des aktuellen IQB-Bildungstrends für Deutschlands Grundschulen heißen. Eigentlich sollte der Primarbereich die absoluten Grundlagen legen, auf die in den weiterführenden Schulen aufgebaut wird. Lesen, schreiben und rechnen hieß es früher schlicht, heute spricht man lieber von „Kompetenzen“ und „Kompetenzbereichen“.

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Mindestkenntnisse fehlen

Auch im Jahr 2022 kommt kein Beruf ohne diese Basisfähigkeiten aus, egal ob es um das Schreinerhandwerk oder die theoretische Informatik geht. Aber ein erschreckend hoher Anteil der Kinder verlässt die Grundschule ohne Mindestkenntnisse in Deutsch und Mathematik. Jedes fünfte Kind erreicht noch nicht einmal den untersten Standard in Lesen und Zuhören, und mit der Orthografie hakt es sogar fast bei jedem dritten Kind. Außerdem erreicht oder übertrifft nur die Hälfte der Grundschüler in Mathematik den Regelstandard der Kultusministerkonferenz (KMK).

Ein weiteres Armutszeugnis: wieder einmal bestätigt die Studie einen linearen Zusammenhang zwischen Lernerfolg und sozioökonomischem Status der Familien. Wer den eigenen Kindern bei den Hausaufgaben helfen, Hobbys wie Musikunterricht und Sprachkurse in Chinesisch oder eine teure Nachhilfe finanzieren kann, dessen Nachwuchs ist fein heraus. Bildungskarrieren sind in Deutschland immer noch weitestgehend Herkunftskarrieren.

Schwache bleiben auf der Strecke

Auf der Strecke bleiben auch die Vielen mit „Zuwanderungshintergrund“. Ihr Anteil liegt an den Grundschulen inzwischen bei knapp vierzig Prozent. Sie weisen in allen Bereichen durchwegs geringere Kompetenzwerte auf. Keine rosigen Aussichten für ihre Chancen am Arbeitsmarkt und eine dauerhafte Integration in der Gesellschaft.

Aber wir hatten doch Corona, tönt es unisono. Ja, das stimmt, und die langen Phasen von Schulschließungen, euphemistisch verbrämten Distanzunterricht und Wechselunterricht tragen sicher ihr Scherflein dazu bei. Zur vollständigen Wahrheit gehört aber auch, dass sich alle diese Trends schon in den früheren Erhebungen andeuteten. Es ist jetzt nur noch krasser geworden.
Daher wirken die Forderungen der Länder nach weiteren Aufholprogrammen und Finanzspritzen durch den Bund einigermaßen hilflos. Das Gebot der Stunde wäre eine breite Diskussion über unbequeme Themen wie den gravierenden Mangel an qualifiziertem Personal, die Tatsache, dass Bildungsferne und Eingewanderte mehr und mehr aufs Abstellgleis geraten und die gesellschaftliche Wertschätzung für Pädagogen.

Unattraktiver Beruf

Letztere dürfte sich durchaus auch finanziell zeigen -  immer noch verdienen die Lehrkräfte an der Grundschule deutlich weniger als an den Gymnasien, obwohl gerade sie die Basis für die komplette Schullaufbahn und das spätere Berufsleben legen.

Der Bildungsföderalismus braucht jetzt einen kreativer Ideen-Wettstreit, wie geeignete junge Leute für den Lehrberuf im Primarbereich gewonnen werden, und ebenso um die besten Ideen für eine nachhaltige Förderung und Motivation der vielen Nationalitäten an Deutschlands Schulen. Dabei sollte das Umwerben männlicher Kandidaten nicht vergessen werden, um der zunehmenden Bildungsmisere der Jungen zu begegnen.

Ansonsten erschöpft sich das Recht auf Bildung, vom Bundesverfassungsgericht unlängst in der Entscheidung „Bundesnotbremse II“ als neues Grundrecht kreiert, auch in Zukunft für viel zu viele Kinder an Deutschlands Grundschulen in einer hübschen Phrase.

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Cornelia Huber Bundesverfassungsgericht

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