Köln

Beseelte Werke

Er war ein früher Meister des emotionalen Ausdrucks: Der Bilderschneider Arnt im Kölner Schnütgen-Museum.
Anbetung der Heiligen drei Könige
Foto: Constantin Graf von Hoensbroech | Dem Bildschneider Arnt (1460-91 am Niederrhein) gelang ein individueller Ausdruck seiner Figuren, unser Bild zeigt die Anbetung der Heiligen drei Könige.

Betend kniet der heilige Georg vor dem Rad, auf das er gleich gespannt und mit dem er dann gerädert wird. Betend und milde dreinblickend hockt er im Kessel und erträgt mit scheinbar stoischer Gelassenheit die Qualen durch das siedende Blei, in dem er gekocht wird. Gelassen wirkt er auch, als er neben dem kräftigen Mann kniet, der mit beiden Armen eine Axt schwingt, um dem frommen Mann im nächsten Moment einen Arm abzuhacken. Auf einem anderen Bild ist es ein glatzköpfiger Henkersmann mit groben Gesichtszügen, der einen kantigen Klotz erhebt, um dem Heiligen den nächsten Holzpflock in den malträtierten nackten Leib zu treiben. Die ungeheuerliche und in ihrer Lebendigkeit geradezu schmerzhaft nachfühlbare Gewalt kommt schließlich am unteren Bereich des riesigen Altarbildes an ihr Ende: In goldfarbener Rüstung, den Helm neben sich liegend, die Augen verbunden und mit gefalteten Händen in tiefes Gebet versunken, erwartet der geradezu demütig kniende Georg den Schwertschlag, mit dem er enthauptet und von seinem Martyrium endlich erlöst wird. Allen an ihm begangenen Gräuel zum Trotz scheint Georg von der Überzeugung beseelt zu sein, dass ihm nach dem Tode die himmlische Verheißung erwartet.

Spätgotischer Handwerker vom Niederrhein

Die Drastik und Plastizität, mit der die Folter des heiligen Georg in dem ihm gewidmeten Altarbild dreidimensional und in Farbe dargestellt wird, ist auch über 500 Jahre nach der Entstehung ergreifend. Das gilt auch für die Darstellung, für die Georg gemeinhin bekannt ist: die Rettung einer Jungfrau oder Prinzessin vor dem Bösen, das sich in Gestalt eines hässlichen Drachens vor dem heroisch auf einem weißen Pferd sitzenden Georg in prächtiger Rüstung beugen muss. Wie mag der heute noch so wirkmächtige fünf Meter breite, wie ein reichhaltiges Bilderbuch gestaltete Altar erst auf die Menschen respektive Gläubigen im Mittelalter gewirkt haben, denen durch die Werke der damaligen Handwerker biblische Geschichten, Geschehnisse, Personen und Heilige so lebendig, so nahbar, so dynamisch wie möglich vor Augen gestellt wurden? Der hier beschriebene Georgs-Altar aus der Nicolaikirche in Kalkar ist dafür ein staunenswerter Beleg, vor dem die Besucher nach langem Verweilen noch längst nicht alle Details und seine so ungemein ansprechende Beseeltheit erfasst haben.

„Arnt der Bilderschneider – Meister der beseelten Skulpturen“ ist denn auch treffend die großartige Sonderausstellung überschrieben, mit der das Museum Schnütgen in Köln aufwartet. Dabei handelt es sich um die erste monografische Schau überhaupt, die dem einem breiteren Publikum sicherlich noch weithin unbekannten Holzschnitzer gewidmet ist. Die Ausstellung versammelt rund 60 Exponate aus der Bildschnitzerschule des spätgotischen Handwerkers vom Niederrhein. Der Georgs–Altar wird dabei erstmals überhaupt in einer Einzelausstellung außerhalb des Kirchenraumes präsentiert. „Die Werke bestechen durch außerordentliche Lebendigkeit, Themenreichtum und Erzählfreude“, sagt Museumsdirektor Moritz Woelk und verweist beispielsweise auf die beseelte und emotionale Darstellung eines predigenden Dominikaners: „Da glauben Sie alles.“ Der Museumsleiter ist davon überzeugt, dass die Menschen schon im Mittelalter diese Art der erzählerischen Darstellungen als Kunst zu würdigen wussten. Das gilt für die fast überbordenden figurenreichen Darstellungen ebenso wie für die markanten Einzeldarstellungen von Heiligen, der Muttergottes mit Kind, Engeln oder von Christus. Hinzu kommt, dass alle Arbeiten durch höchste handwerkliche Qualität bestechen, die den Vergleich mit dem weitaus bekannteren Würzburger Holzschnitzer Tilmann Riemenschneider (1460–1531) in keinster Weise scheuen müssen.

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„ic, aernt die beeldesnider“ steht auf einer ebenfalls in der Ausstellung gezeigten Quittung, mit der „Ich, Arnt der Bilderschneider“ im Jahr 1460 den Empfang eines Honorars bestätigt. Mit diesem Beleg konnten Kunsthistoriker in den vergangenen rund 60 Jahren nicht nur die Existenz von Meister Arnt und dessen Wirken bis etwa 1492 am Niederrhein sowie in Zwolle erschließen, sondern ihm selbst und der von ihm begründeten Schule zahlreiche Holzschnitzarbeiten zuordnen. Somit lädt die Sonderausstellung besonders Fachkundige zu einer Neuentdeckung ein, die meisten Interessierten wohl aber überhaupt zu einer faszinierenden Entdeckung dieses genial begabten Künstlers. Im vergangenen Jahr hat die von dem Kölner Geistlichen Alexander Schnütgen (1843–1918) begründete Sammlung drei verschollene Fragmente erworben, um eines in der Sammlung bereits befindlichen Hauptwerke von Meister Arnt zu vervollständigen: das Relief mit der Anbetung der Heiligen Drei Könige. Freilich, ein sattsam bekanntes und mannigfach gestaltetes Motiv.

Lebensnahe und metaphysische Motive

Doch hier werden die Betrachter gleichsam unmittelbar hineingezogen in eine farbenfrohe und realistische Szenerie mit der so dankbar blickenden Gottesmutter und dem lieblichen Jesuskind mit roten Pausbäckchen. Das mit der spürbaren Lust am Erzählen und so ergreifend gestaltete Relief steht gleich zu Beginn des klar gegliederten und thematisch gestalteten Rundgangs unter der Überschrift „Wieder zusammengeführt“. Weitere Themenräume sind etwa das Pariser Kartäuserretabel, die Marien-, Heiligen- und Christusbilder, der unter der Überschrift „Superheld“ platzierte Georgs-Altar sowie die Werke aus der St. Nicolaikirche. Besinnliche und dramatische Darstellungen wechseln sich dabei ab mit sinnlich-lebensnahen und geistlich-metaphysischen Sujets sowie ausdrucksstark und höchst individuell gestalteten Figuren.

Am Ausgang der Ausstellung fällt der Blick auf eine Predella. Dieser Altarsockel sollte ein Werk von Arnt zieren, das er nicht mehr vollenden konnte: eine Darstellung der Kreuzigung für den Hochaltar in St. Nicolai. Die Predella zeigt die Fußwaschung Petri. Jedes Gesicht, jeder Ausdruck, jede Körperhaltung von Christus und seinen Jüngern ist dabei höchst individuell und eben einfach: beseelt dargestellt. Nicht nur bei diesem letzten Werk aus der produktiven Werkstatt von Arnt, sondern bei allen ausgestellten Objekten spiegeln sich Emotionen wider und übertragen, so Moritz Woelk, die Emotionalität und Dynamik der dargestellten Personen auf die Betrachter. Wer die Ausstellung gesehen hat, verlässt sie wahrlich beseelt.

Information:

Museum Schnütgen, Cäcilienstraße 29-33, Köln.
Bis 20. September, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags 10.00 bis 20.00 Uhr

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