Als Goethe den Sinn der Gnade erkannte

Hiob und Faust, irdische Gerechtigkeit und himmlische Erlösung – Eine Betrachtung in München. Von Marie-Thérese Knöbl
"Satan erscheint vor Gott", Sicht des Malers Corrado Giaquintos (um 1750)
Foto: IN | Die Wette um Hiob: Satan erscheint vor Gott, in der Sicht des Malers Corrado Giaquintos (um 1750).

Wie werden sie aussehen, die große Gerichtsverhandlung, der „Epilog im Himmel“ am Ende des Lebens? Wir wissen es nicht. Auch Goethe wusste es nicht und er tat gut daran, keines dieser beiden Szenarien, die er vorübergehend dafür in Erwägung gezogen hatte, an den Schluss des Faust zu setzen. Stattdessen hat er eine Erlösung Gretchens und auch eine Erlösung Fausts durch die Fürbitte der Sünderin in die Handlung des Ablaufs der Lebensgeschichte des Doktor Faustus gebracht. Wie katholisch, so fragte kürzlich der in Augsburg lehrende Germanist Mathias Mayer in der Katholischen Akademie in München, ist also Goethes Faust?

Erlösung kann nur von Gott kommen

Nimmt man die in Goethes Werk verstreuten Bemerkungen über Kirche und Katholizismus in Augenschein, bedenkt man den ihn umgebenden Geist der Aufklärung, aber auch die im Drama verhandelten Themen der geistigen Übersättigung, der seit Augustinus verurteilten curiositas (die Faust zum Abschluss einer Wette mit dem Teufel verführt), der Magie und der rasenden Sinnenlust, so mag man vermuten: Natürlich kein bisschen katholisch. Auch die Text- und Motivgeschichte des Dramas hält wenig Katholisches bereit. Die Ende des 16. Jahrhunderts gedruckte Historia des Doktor Faustus speiste sich maßgeblich aus protestantischen Quellen und die darin enthaltenen antiklerikalen Tendenzen etwa der Szene von Fausts Besuch in Rom sind klar lutherisch inspiriert. Zudem endet der Urfaust unversöhnt mit der Hinrichtung Gretchens, das heißt mit Goethes Text von 1808 gesprochen, der Teufel hat im Urfaust mit seinem „Sie ist gerichtet!“ das letzte Wort. Ganz anders dann in Goethes Text von 1808: In Bezug auf Gretchen lässt Goethe Gnade vor Gerechtigkeit walten und auch der Teufel muss darin seine Begrenztheit anerkennen, die in seinen Worten „Ich bin ein Teil der Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ zum Ausdruck kommt. Oder, wie Goethe es in einem Brief von 1820 an Karl Ernst Schubarth ausdrückte: „Mephisto darf seine Wette nur halb gewinnen.“

Um den Aspekt der Wette sollte es auch vergangene Woche in der Katholischen Akademie gehen, die im Rahmen des Münchner Faust-Festivals unter dem Titel „eine Wette zu dritt? Gott – Mensch – Teufel. Hiob und Faust im Vergleich“ zu einem anregenden Abend mit drei Fachvorträgen lud. Zunächst sprach der Literaturwissenschaftler Julian Werlitz über die logische Struktur der Wette und unterlegte seine Modelle mit Beispielen aus der europäischen Literaturgeschichte. Eine Wette, so Werlitz, enthalte stets Elemente des Zufalls und dessen Verneinung, sei jedoch im Unterschied zum Glücksspiel nicht an Zeitvertreib und Gewinn interessiert, sondern an einer Bekräftigung widerstreitender Meinungen. Ob man mit dem Teufel eine Wette abschließen dürfe oder ob Gott imaginiert werden darf als einer, der sich auf Wetten einlässt, ließ Werlitz dabei offen.

Auch Mathias Mayer überließ derlei Fragen den Theologen, arbeitete jedoch in seiner Analyse von Goethes Faust überzeugend die ethische Tiefendimension des Dramas heraus. Erst die Wette zwischen Gott und Mephisto in der später von Goethe hinzugefügten Szene des Prologs im Himmel ermögliche die Erlösung für Faust und Gretchen, und am Ende des Stücks verweise die Unerschütterlichkeit der Liebe das Böse in seine Schranken, womit Goethe den Schritt weg von der Schuld- und Anrechnungsmoral hin zu Begnadigung und Güte vollzieht. Konfessionell hat sich Goethe jedoch nicht festgelegt. Bewusst hat er die berühmte Gretchenfrage „Sag, wie hast du's mit der Religion?“ in der entsprechenden Szene ausweichend beantwortet. Auch im Hiob-Text des Alten Testaments sind Nuancen der Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit des Menschen zu erkennen, wie der in Wien lehrende Theologe Ludger Schwienhorst-Schönberger herausarbeitete. Hiob werde ja nicht von Gott geschlagen, sondern von Satan, aber auch er wird in seinem Leid zwischenzeitlich zum Opfer seiner eigenen Fehlinterpretation. Hiob und Faust sieht Schwienhorst-Schönberger deshalb auch als stellvertretende Figurationen der ganzen Menschheit, an ihnen würden Fragen des Glaubens, aber auch der Liebe exemplarisch dargestellt. Bei Goethes Zeitgenossen sei das Wissen über den Wahrheitsgehalt der Religion bereits so gut wie verschollen gewesen, und auch der Text der Hiob-Erzählung erinnert daran, dass Erlösung nur von Gott kommen, dass letztlich nur Ihm vertraut werden kann: Durch die Antwort, die Gott Hiob in Form von Fragen gibt, wird dieser wieder aufgerichtet. Weder Goethes Faust noch der alttestamentarische Text der Hiob-Erzählung enden somit in Ausweglosigkeit. Eine strukturelle Ähnlichkeit der beiden Texte ist in der Wette des Teufels mit Gott zu sehen.

Schon Goethe hob sie in einem Brief an Eckermann sich selbst lobend hervor („Hat daher die Exposition meines ,Faustus‘ mit der des ,Hiob‘ einige Ähnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als zu tadeln“) und noch heute ist ein Vergleich der beiden Wetten ein bei Gymnasiallehrern beliebtes Aufsatzthema. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Faust und Hiob liegt jedoch nach Ludger Schwienhorst-Schönberger darin, dass Satan Hiob über Unglück und Leid, Mephisto Faust hingegen über Glück und Genuss zu verführen sucht. Doch gerade die Wette im Himmel des Faust-Textes von 1808 ermöglicht nach Ansicht von Mathias Mayer eine überkonfessionelle Entschuldigung des schuldig gewordenen Faust. Nicht Mephisto hat somit bei Goethe das letzte Wort, sondern die Liebe. Oder, wie Goethe es in dem in seinen „Kurzen religiösen Schriften“ enthaltenen, von Mathias Mayer zitierten fiktiven „Brief des Pastors“ formuliert: „Wer der Liebe Gottes Grenzen setzen wollte, würde sich noch mehr verrechnen.“

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