Kardinal Cupich und die "größere Agenda"

Wie die Aufklärung des McCarrick-Skandals durch Richtungsstreitigkeiten über das Selbstverständnis und die Aufgaben der Kirche überlagert wird. Von Tobias Klein
Erzbischof Cupich weist Vorwürfe zurück
Foto: Kamil Krzaczynski (EPA) | Auch bei der Zeremonie zur Amtseinführung, bei der Viganò anwesend war, habe dieser Cupich nur gratuliert und unterstützende Worte geäußert, so Cupich.

Von Empörung bis Spott reichen die Reaktionen, die der Erzbischof von Chicago, Blase Kardinal Cupich, durch ein Interview mit dem Fernsehsender NBC auf sich gezogen hat. Darin erklärte der Kardinal das Schweigen des Papstes zu den Vorwürfen, die im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal um Ex-Kardinal Theodore McCarrick gegen ihn erhoben werden, mit dem Hinweis, der Papst folge einer „größeren Agenda“: Wichtiger, als sich mit solchen Anschuldigungen zu befassen, sei es zum Beispiel, über den Umweltschutz und den Schutz von Migranten zu sprechen.

Kritik entzündete sich an zwei Aspekten dieser Äußerung: Einerseits wurde es als kaltschnäuzig, ja unverschämt empfunden, Forderungen nach einer umfassenden Aufklärung des kirchlichen Missbrauchs- und Vertuschungsskandals mit dem Hinweis abzubügeln, man habe schlichtweg Wichtigeres zu tun; und andererseits warfen die von Cupich genannten Schwerpunkte die Frage auf: Sind Klimaschutz und Migration wirklich die Themen, die auf der „Agenda“ eines Papstes ganz oben stehen sollten?

Ökologie und Migration: Politische Fragen brauchen christliche Antworten

Zweifellos gibt es eine nicht geringe Zahl von Katholiken – auch diesseits des Atlantik – die diese Frage bejahen würden. Gewiss: Das Stichwort „Bewahrung der Schöpfung“ spielt in der Kirche nicht erst seit Papst Franziskus' Enzyklika „Laudato Si'“ (2015) eine prominente Rolle; die Überzeugung, der Mensch trage vor Gott Verantwortung für die Schöpfung, ist in der Lehre der Kirche tief verankert. Und Fremde aufzunehmen zählt zu den Werken der Barmherzigkeit, die Christus explizit von seinen Jüngern fordert. Ökologie und Migration sind also durchaus Themen, zu denen die Kirche etwas zu sagen hat. Allerdings gehört es nach traditionell katholischer Auffassung zum Weltdienst der Laien, aus dem christlichen Glauben gespeiste Antworten auf politische Zeitfragen zu finden – während es die vorrangige Aufgabe der Geistlichkeit ist, die Sakramente zu spenden und das Kirchenvolk im Glauben zu unterweisen. Betrachtet man nun Äußerungen von Bischöfen und anderen hochrangigen Klerikern in den Medien, aber auch handelsübliche Sonntagspredigten einfacher Ortsgeistlicher, dann kann man den Eindruck haben, diese traditionelle Aufgabenverteilung sei vielerorts in Vergessenheit geraten: Von in engerem Sinne geistlichen Inhalten ist da kaum die Rede, immer geht es irgendwie um Fragen von Politik und Gesellschaft, und vielen Laien ist das ganz recht so: Die Verkündigung der Kirche müsse schließlich einen Bezug zur „Lebenswirklichkeit“ haben.

Missbrauchsopfer werden zu Kollateralschäden

So gesehen ist Kardinal Cupichs Äußerung über die „größere Agenda“ des Papstes – so ungeschickt sie gewesen sein mag – durchaus symptomatisch für eine gerade in der westlichen Welt recht verbreitete Sicht auf die Aufgaben der Kirche. All jene, die die Kirche vor allem als gesellschaftlich-politische Kraft im Einsatz für Frieden, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit sehen möchten und dabei ein an Dogma und Tradition orientiertes Glaubens- und Sakramentenverständnis als eher hinderlich ansehen, haben Papst Franziskus – ob zu Recht oder zu Unrecht – stets als „ihren Papst“ angesehen. Nachdem sie sich zu den Zeiten des Hl. Johannes Paul II. und Benedikts XVI. als innerkirchliche Opposition betrachtet haben, haben sie seit 2013 geglaubt, sie seien jetzt an der Macht. Und diese Macht sehen sie nun, da die laufenden Enthüllungen über Missbrauchs- und Vertuschungsnetzwerke innerhalb der Kirche zunehmend auch Papst Franziskus ins Zwielicht rücken, bedroht. So erklärt sich die Verbissenheit, mit der manche Vertreter eines in diesem Sinne „progressiven“ Kirchenverständnisses jegliche Kritik am Papst zurückweisen und dabei zum Teil nicht einmal davor zurückschrecken, die Taten Theodore McCarricks und seiner Clique zu verharmlosen. So werden Missbrauchsopfer zu Kollateralschäden, wenn eine „größere Agenda“ auf dem Spiel steht.

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DT (jbj)

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