Bottrop ist ein Symptom – Amberg auch

Durch die Belastung einer Gesellschaft durch Migration und Integration entstehen in der Tendenz Spannungen. Von Felix Honekamp
Bottrop: Ein Polizeiwagen steht hinter Absperrband auf dem Berliner Platz.
Foto: Marcel Kusch (dpa) | Bottrop: Ein Polizeiwagen steht hinter Absperrband.

Ein Schatten liegt auf dem Jahreswechsel, genauer gesagt zwei Schatten, die man je nach politischer Ausrichtung als unterschiedlich stark wahrnimmt. In Amberg ergehen sich junge Asylbewerber in einer – selbst von der wohlmeinenden Presse so benannten – Prügelorgie. In Bottrop und Essen fährt ein offenbar rassistisch eingestellter Mann mit seinem Auto gezielt in Migrantengruppen um, wie er zitiert wird, „das Ausländerproblem“ zu lösen. Gewaltexzesse sind beide Ereignisse, trotzdem unterschiedlich gelagert. Während auf der einen Seite ein Mensch den Tod anderer in Kauf nimmt, soweit es sich um – in seinen Augen – Ausländer handelt, prügeln auf der anderen Seite junge Männer, die in Deutschland Zuflucht gesucht haben und unser Gastrecht in Anspruch nehmen, offenbar wahllos um sich. „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ ist das Motiv auf der einen, Gewaltaffinität das Motiv auf der anderen Seite.

Bottrop und Amberg sind nicht voneinander zu trennen

Trotz dieser Unterschiede sind Bottrop und Amberg nicht voneinander zu trennen, und das nicht nur, weil man mutmaßen kann, dass Bottrop aus Sicht des Täters auch eine mittelbare Reaktion auf Amberg darstellt. Beide Taten stellen einen Gewaltausbruch vor dem Hintergrund der Migrationspolitik dar und machen deutlich, woran es bei der Multikultur hapert: Sie ist kein Wert an sich! Natürlich können Kulturen voneinander profitieren, wobei es nicht nur um kulinarische Horizonterweiterungen geht. Das Schmoren einer Kultur im eigenen Saft tut niemandem gut, der Blick über den Tellerrand und die – durchaus erzwungene – Auseinandersetzung mit anderen Religionen, Gepflogenheiten und Hintergründen, lässt Menschen persönlich und dann auch die Gesellschaft wachsen.

Multikultur kann ein Wachstumsfaktor der Gesellschaft sein, Multikulturalismus ist es nicht

Das allerdings hat Grenzen. „Die Dosis macht, ob ein Ding Gift ist“ wird Paracelsus zitiert, und was in der Biologie und Medizin richtig ist, gilt auch hier. Multikultur kann ein Wachstumsfaktor der Gesellschaft sein, Multikulturalismus ist es nicht. Die Integration anderer Kulturen scheitert, wenn zu viele oder zu unterschiedliche Menschen anderer Kulturkreise Objekt dieser Integration sind. Und sie scheitert auf zwei Ebenen: Zum einen bei Zugezogenen durch den Mangel an Perspektive, teilweise auch durch den Mangel an eingeforderten Respekt für die führende Kultur eines Landes. Zum anderen scheitert sie aber auch bei den Einheimischen, wenn deren Belastbarkeit, die nicht objektivierbar ist, überreizt wird. Dabei ist es unerheblich, ob der Täter von Bottrop direkt mit den Auswirkungen von Migration konfrontiert war oder nur medial beeinflusst. Es ist auch unerheblich, ob die Täter von Amberg tatsächlich ein hohes Maß an Ablehnung durch die Menschen in Deutschland erfahren haben oder einfach nur unter Alkoholeinfluss einem generellen Frustgefühl Luft gemacht haben.

Durch die Belastung einer Gesellschaft durch Migration und Integration entstehen Spannungen

Durch die Belastung einer Gesellschaft durch Migration und Integration entstehen in der Tendenz Spannungen, die sich mal schneller mal weniger schnell entladen. Je höher die Belastungen umso schärfer aber auch die Entladungen. Das nur mit Rassismus einerseits oder mangelndem Integrationswillen andererseits erklären zu wollen, greift zu kurz. Die Belastung ist da, die Spannungen sind da, und die Politik, egal aus welchem Lager, kann nicht einfach zusehen und die Hände in Unschuld waschen. Wer Migration fördert, der fördert – bewusst oder unbewusst – auch Spannungen. Und wer kaum oder unbegrenzte Migration fordert, der macht sich mitschuldig an Entladungen dieser Spannungen. Eine solche Sichtweise gilt als reaktionär oder rechts. In Wahrheit zieht sie aber lediglich menschliche Reaktionen ins Kalkül, auch dann, wenn man diese ablehnt. Womöglich liegt hier der größte Mangel einer noch immer fehlenden Einwanderungspolitik.

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DT (jobo)

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