Mombasa

Osterfestkreis in Mombasa: Festival der Glaubensfreude

Der Osterfestkreis geht zu Ende: Impressionen der wichtigsten Zeit im Kirchenjahr aus Changamwe in Mombasa.
Ostern in Mombasa
Foto: Privat | In der Osterzeit darf in Mombasa nach dem Verzicht in der Fastenzeit wieder getanzt werden.

Endlich ist es soweit! Nach ungefähr vier Stunden, kurz vor zwei Uhr morgens, neigt sich die Osternacht dem Ende zu. Die Kommunionspendung ist beendet, es folgt die Danksagung. Sie nimmt in wenigen Sekunden den Charakter eines Festivals der Freude an. Die Danklieder werden verstärkt durch liturgische Tanzgruppen. Die ganze Kirche ist in Bewegung.

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Begeisterung zu Ostern 

Die Melodien sind ergreifend, begeisternd und fröhlich. Ohne jedes Wort des Kiswahili-Textes zu verstehen, kann man dessen Bedeutung an den Gesten der Tanzgruppen ablesen: Wir waren am Boden, Gott hat uns gesucht, er hat uns gefunden, erhoben und den Himmel geöffnet, er bringt uns Segen und bewahrt uns vor dem Bösen.

Gute sechs Wochen mussten die Gläubigen darauf warten, um ihrer Glaubensfreude in dieser Weise Ausdruck zu verleihen. Denn hier wird in der Fastenzeit in der Kirche nicht getanzt, ein nicht unerhebliches Opfer für die Gläubigen. Die Lieder sind verhaltener, die Liturgie wird schlichter gefeiert - wie überall in der katholischen Welt. Doch jetzt wird die Auferstehung des Herrn besungen und bejubelt und betanzt. Die Stimmung hat mich in diesem Augenblick voll erfasst. Doch mein Versuch, mich in diese Schwingung des Gottesvolkes einzugeben, wirkten vermutlich etwas gestelzt. Afrikaner haben das Tanzen im Blut, wir Europäer - ich jedenfalls - nicht in diesem Maße.

Glaube ist präsent

Sogleich kamen mir in diesem Augenblick auch ein paar Tränen der Rührung. Viele der Gläubigen, die in der Kirche waren, habe ich in den letzten Monaten kennenlernen dürfen, nicht wenige darunter, die täglich zu kämpfen haben. Da ist die Person X, die mir ab und zu eine SMS schreibt, ob ich ihr nicht ein paar Schillinge für ein Frühstück schicken könne, das nächste Geld komme erst Tage später. Da ist die Familie Y, die einfach nicht die Schulgebühren für eine gute Ausbildung der Kinder aufbringen kann. Und da ist der Mann Z, der nach Monaten der Arbeitslosigkeit endlich einen Job gefunden hat, aber zunächst einmal kein Geld hat, um den Job mit dem Bus zu erreichen und viele andere.

Fliehen die Menschen vor ihren täglichen Herausforderungen und lassen sich für einige Momente betäuben? Das Gegenteil ist der Fall! Wirtschaftliche Entbehrungen sind hier der Alltag. Da wird gekämpft, oft mit viel Hoffnung, manchmal gegen alle Enttäuschung. Die Leute hier sind keineswegs lethargisch, viel mehr zupackend und fleißig. Aber die Gläubigen wissen, dass dieser tägliche Kampf nicht alles ist. Denn selbstverständlich gibt es über der Erde einen Himmel, über den Menschen einen Gott, der seinen Sohn in die Welt gesandt hat, der uns nie verlässt.

Unvergesslich ist mir ein Gespräch mit einer älteren Dame, die großes Leid zu tragen hat. Ich versuchte gerade einige ermutigende Worte zu stammeln, da sagte sie: „Ich bin in der Hand Gottes!“. By the way, ein bei uns verbreitetes gesellschaftliches Phänomen ist in Afrika weitestgehend unbekannt: Atheismus. „Ohne Bekenntnis“ gibt? nicht. Die Vorstellung, dass es nicht eine wie auch immer gedachte göttliche Macht gibt, verursacht eher Kopfschütteln, wie das im Übrigen ja auch in Europa vor der  „Aufklärung“ war.

Die – im wahrsten Sinne des Wortes – Feier des Glaubens macht die tiefe Überzeugung zum Erlebnis. Zeigt sich nicht hier eine wesentliche Grundfeste unserer katholischen Glaubenswelt? In Christus ist Gott uns Menschen sichtbar als Mensch erschienen. Was sichtbar war in Christus ist übergegangen in die Sakramente, sagt der hl. Papst Leo der Große. Die äußerlich sichtbare Seite des Glaubens und der Kirche ist nicht Verpackung, die weggeworfen werden könnte. Sie ist wie ein Instrument, das die Melodie Gottes zum Klingen bringt. Unser Glaube will und muss verleiblicht werden, sonst wäre er wie Noten ohne Musik.

Segnung der Häuser in der Fastenzeit 

 

Weihbischof Schwaderlapp
Foto: Privat

Zu dieser Verleiblichung des Glaubens gehört auch der Brauch, dass in der Fastenzeit die Wohnungen der Gläubigen gesegnet werden. So sind wir Geistlichen in dieser Zeit an mehreren Tagen in der Woche stundenlang – begleitet und geführt von den Gläubigen – durch die Straßen gezogen, um die Häuser und Wohnungen zu segnen. Dabei war der Segen nicht etwa der „Vorwand“ für ein gemütliches Beisammensein. Der Besuch in den einzelnen Häusern war in der Tat nur auf wenige Minuten begrenzt. Es wurden Gebete gesprochen und dann die Räume - nicht selten nur ein einziger - mit Weihwasser besprengt.

Die Menschen hier nehmen den Segen ernster als wir es oftmals tun. Sie wollen, wünschen und hoffen, dass Christus der Herr im Hause ist und niemand anders. Für mich persönlich war diese Erfahrung besonders bereichernd - konnte ich so einen tieferen Einblick in die Lebensverhältnisse der Gläubigen bekommen, aber auch gerade deshalb herausfordernd. Da gibt es schon krasse Gegensätze von Armut und Reichtum, von primitiven Hütten in den Slum-Gebieten bis zu sehr vereinzelten villenartigen Häusern.

Besonders bereichernd war für mich, dass diese Kurzbesuche seitdem den Ausgangspunkt für weitere seelsorgliche Kontakte und Gespräche bilden: „Sie haben doch unser Haus gesegnet. In der Nachbarschaft ist jemand erkrankt. Würden sie ihn besuchen? …“ Auch diese Sorge füreinander ist ja Verleiblichung des Glaubens.
Glaube will handfest und sichtbar sein. Das war besonders in der Karwoche zu erleben. Bei der Fußwaschung wurden nicht nur symbolisch ein paar Tropfen Wasser auf die Füße gegeben und dann abgetupft, sie wurden mit viel Wasser und Seife richtig und gründlich gewaschen.

Prozession am Karfreitag

Der Kreuzweg am Karfreitag war nicht nur mit einem Gang durch die Kirche verbunden, sondern mit einer zweistündigen Prozession durch Changamwe in der brütenden Hitze. Und als wir wiederkamen, ging es nach einer kurzen Pause fast nahtlos in die Karfreitagsliturgie über. Am Karsamstag war im ganzen Dekanat Beichttag. Dabei tauschten die Priester die Pfarreien, so dass jeder Gelegenheit hatte, auch bei einem unbekannten Beichtvater die Osterbeichte ablegen zu können. Von 10 Uhr bis 19:30 Uhr hatte ich mit kurzen Unterbrechungen reichlich zu tun. Was für ein erfüllter Tag!

Natürlich gehört zum Osterfestkreis auch die Erstkommunion, allerdings nicht so prominent wie bei uns. Hier wird an vier bis fünf Terminen im Jahr Erstkommunion gefeiert. Welche Kinder wann die heilige Kommunion zum ersten Mal empfangen, hängt davon ab, ob sie gut vorbereitet sind. Der Kommunionunterricht endet mit einer Art Prüfung.

Am Weißen Sonntag durfte ich etwa 20 Kindern die erste heilige Kommunion spenden. Fein und sauber bekleidet, kamen die Kinder mit ihren Familien. Natürlich wurde die heilige Messe durch die liturgische Kindertanzgruppe und ebenso durch den Kinderchor besonders festlich gestaltet. Nach der heiligen Messe blieben die Kinder mit ihren engsten Angehörigen auf dem Kirchplatz zusammen. Dort wurde dann auch ein Mittagessen für alle gereicht. Was es nicht, oder nur sehr selten gibt, das sind Erstkommuniongeschenke. Dafür ist in der Regel kein Geld da… Den strahlenden Kindergesichtern tut das keinen Abbruch.

Glauben und Leben zusammen

Glaube und Leben gehören hier selbstverständlich zusammen. Die Feier des Glaubens, aber auch das gemeinsame wie persönliche Gebet sind die Quellen, aus denen die Menschen hier Kraft schöpfen, ihren allzu oft mühsamen Alltag zu bewältigen, und nicht nur irgendwie zu bewältigen, sondern dabei die Freude im Herzen zu bewahren und einander in Not beizustehen. Nie habe ich so viele strahlende Gesichter gesehen wie hier – und nicht nur feiertags, sondern auch werktags.


Der Autor ist bis Ende Juli in einer Pfarrei im Erzbistum Mombasa als Seelsorger tätig.

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