Würzburg

Kirche und Corona: Im liturgischen Ausnahmezustand

Ostern ohne Beichte und Eucharistieempfang? Was die Kirche den Gläubigen angesichts der Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie nun empfiehlt.
Coronavirus - Heilige Messen als Internet-Livestream
Foto: Jochen Wiedemann (Diözese Rottenburg-Stuttgart) | Ausnahmesituation: Der Bischof des Bistums Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, feiert am Sonntagvormittag im Rottenburger Dom die heilige Messe wegen der Coronavirus-Pandemie ohne Gläubige.

Vor dem vierten Fastensonntag "Laetare" hat Kardinal Robert Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, im Auftrag von Papst Franziskus das Dekret "In Zeiten von Covid-19" erlassen. Das Dekret enthält Richtlinien für die Feier des "Triduum Sacrum": Die Gottesdienste von Gründonnerstag bis Ostersonntag können von Priestern, sofern nötig, in Pfarrkirchen und Kathedralen auch "ohne physische Teilnahme von Gläubigen" gefeiert werden. Das Verbot für Priester, die Messe vom Letzten Abendmahl einzeln ohne Anwesenheit von Gläubigen zu zelebrieren, ist in diesem Jahr aufgehoben. Der Ritus der Fußwaschung, der nicht obligatorisch ist, entfällt.

Die digitale liturgische Welt gewinnt an Bedeutung

Den Priestern wird aus gutem Grund die tägliche Zelebration der Messe von der kirchlichen Autorität empfohlen. Denn eine Messfeier ist, "auch wenn eine Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist, eine Handlung Christi und der Kirche" (Can. 904, CIC 1983). Dies gilt es in der gegenwärtigen Pandemie in Erinnerung zu rufen. Der Wiener Kirchenrechtler Andreas Kowatsch unterstreicht gegenüber "kathpress" (20. März), dass "auch die allein durch den Priester gefeierte Eucharistie eine Feier Christi und der ganzen Kirche" ist, denn "sie geschieht in Gemeinschaft mit der konkreten Ortskirche und ihrem Bischof ebenso wie mit der Universalkirche mit dem Papst als Hirten".

Die Digitalisierung von Pastoral und Liturgie ist kein Phänomen der Corona-Pandemie. Allerdings gewinnt die digitale Welt im gegenwärtigen epidemiologischen Ausnahmezustand, in dem öffentliche Gottesdienste ausgesetzt sind, wachsende Bedeutung. Wo von einem Priester allein die heilige Messe gefeiert und per Livestream übertragen wird, sprechen manche abschätzig von "Geistermessen". Zumindest vorsichtige Bedenken gegenüber medial übertragenen Messfeiern von Priestern haben einige Dogmatiker geäußert. Von einer Virtualisierung des Gottesdienstes ist die Rede: statt realer Präsenz virtuelle Präsenz. Doch per Livestream übertragene Gottesdienste werden real gefeiert. Sie sind etwas anderes als die "virtual reality" eines Flugsimulators oder einer digital simulierten Operation.

Gottesdienste per Livestream nur als Notlösung

Lesen Sie auch:

Bei der Liveübertragung eines Gottesdienstes kommt es zu einer Verbindung von realer und digitaler Welt. Die damit verbundenen Möglichkeiten werden schon seit längerem nicht nur für die Krankenpastoral genutzt. Warum dann nicht auch in der gegenwärtigen Krise? Man kann die Texte der heiligen Messe natürlich auch mit Hilfe des "Schott" meditieren und sich so mit der Messfeier des Priesters vor Ort und des Bischofs verbinden. Wer über keine Buchausgabe des Volksmessbuchs verfügt, kann im Internet das Portal der Erzabtei Beuron besuchen.

Es ist keine Frage: Die Teilnahme an per Livestream übertragenen Gottesdiensten ist eine Notlösung für den Fall, dass Gläubige - und derzeit sind es die meisten - an ihnen physisch nicht teilnehmen können. Es gehört zum Wesen eines Gottesdienstes, dass sich die Gläubigen besonders am Sonntag, dem Tag des Herrn, vor Ort zur Feier der Eucharistie versammeln. Dass die sakramentale Praxis der Kirche in der digitalen Welt an ihre Grenzen stößt, ist offensichtlich. So kann man via Fernsehen oder Internet zwar an einer Messfeier andächtig teilnehmen und geistlich kommunizieren, nicht aber sakramental. Es fehlt die Erfahrung leiblicher Präsenz hinsichtlich der gottesdienstlichen Versammlung wie des Empfangs der Eucharistie. Schmerzhaft deutlich wird dies auch bei den ausgesetzten Gottesdiensten in Krankenhäusern und Seniorenresidenzen. Die Sterbesakramente können nur noch nach vorhergehender Konsultation der behandelnden Ärzte beziehungsweise des Pflegepersonals gespendet werden.

Die Beichte ist nicht augesetzt

Im Unterschied zu öffentlich zugänglichen Messfeiern ist die Beichte nicht ausgesetzt. Die Osterbeichte ist damit, wenn auch eingeschränkt, möglich. Wo Kirchen geschlossen sind und der Beichtstuhl - der reguläre Ort für das Sakrament der Versöhnung) nicht zur Verfügung steht, muss nach einem anderen Ort für die Beichte gesucht werden. Für die Ortskirchen in den Ländern und Regionen, "die von der pandemischen Ansteckung am meisten betroffen sind", gewährt die Apostolische Pönitentiarie jetzt die Möglichkeit der Generalabsolution ohne individuelles Sündenbekenntnis. Generalabsolutionen sind allerdings schwer durchführbar, wo es weitreichende Ausgangs- und Aufenthaltsbeschränkungen gibt. Die Pönitentiarie erwähnt die Möglichkeit von Generalabsolutionen vor Krankenhäusern, bei denen der Einsatz von Lautsprechern möglich ist. Sollte jemand nicht beichten können, empfiehlt Papst Franziskus, dass er Gott aufrichtig um Vergebung bittet: "Wenn du keinen Priester zum Beichten findest, dann sprich mit Gott - er ist dein Vater -, sag ihm die Wahrheit und bitte ihn aus ganzem Herzen um Vergebung" - so in der Frühmesse vom 20. März.

Durch ein Dekret der Apostolischen Pönitentiarie wird den SARS-CoV-2-Infizierten und allen, die für sie beten, ein vollkommener Ablass gewährt. Einzige Bedingung ist, für das Ende der Pandemie und die Infizierten zu beten. Am 27. März feiert Papst Franziskus um 18.00 Uhr auf dem Vorplatz des Petersdomes eine Andacht mit Verkündigung des Wortes Gottes, Bittgebet und eucharistischer Anbetung. Alle Gläubigen sind eingeladen, daran über die Medien teilzunehmen. Am Ende der Feier spendet der Bischof von Rom den besonderen Segen "Urbi et Orbi", der sonst nur an Ostern und Weihnachten erteilt wird.
Papst Franziskus hat die Priester aufgefordert, den infizierten Menschen und denen in Quarantäne und sozialer Isolation nahe zu sein, natürlich unter strengen hygienischen Bedingungen. Es darf nicht dazu kommen, dass Priester bei der Corona-Pandemie zu Zuschauern werden, während sich Ärzte, Pflegepersonal und Psychologen um die Menschen kümmern, die erkrankt sind oder unter Ängsten und Einsamkeit leiden. Wenn kirchliche Autoritäten es jetzt untersagen, kranke Menschen in ihren Häusern zu besuchen und ihnen die Kommunion zu bringen, stellt sich die Frage, ob ein solches Ausmaß an "social distancing" seelsorglich noch vertretbar ist.

"An der Pastoral für Kranke und Sterbende
in der Corona-Pandemie wird sich zeigen,
wie ernst die Kirche es mit ihrer diakonischen Sendung meint"

An der Pastoral für Kranke und Sterbende in der Corona-Pandemie wird sich zeigen, wie ernst die Kirche es mit ihrer diakonischen Sendung meint. In Italien haben sich mehr als fünfzig Priester bei Kranken, die sie besucht haben, angesteckt und sind an Covid-19 gestorben. Während die einen im Einsatz der Priester ein starkes Zeugnis des Glaubens und der Nächstenliebe sehen, betrachten andere ihn als unvernünftig. Auf die Frage, wie hätte sich Jesus verhalten, gibt es keine einfache Antwort. Die Kirche Christi befindet sich mit ihrem Sendungsauftrag in einem Dilemma, denn die körperliche Nähe bei den Menschen ist für sie ebenso essenziell wie die leibhaftige Gemeinschaft der gottesdienstlichen Versammlung.

Lesen Sie auch:

Im epidemiologischen Ausnahmezustand vorübergehend öffentlich zugängliche Gottesdienste auszusetzen, ist kein Zeichen des Unglaubens, wie nun aus bestimmten Kreisen zu hören ist. Der Verzicht darauf ist für die nächste Zeit unabdingbar. Es ist allerdings ein fatales Zeichen, jetzt dauerhaft Kirchen zu schließen, so dass selbst das persönliche Gebet vor dem Allerheiligsten unmöglich ist.

Wenn im epidemiologischen Ausnahmezustand weiterhin regelmäßig Märkte stattfinden, auf denen frische regionale Lebensmittel sowie Bio-Produkte zum Kauf angeboten werden, sollten auch verschiedene Formen der Kommunionspendung außerhalb der Messfeier möglich sein - natürlich unter den notwendigen hygienischen Bedingungen und bei Berücksichtigung der Abstandsregeln. Manche Priester sind hier sehr erfinderisch. Für die Osterkommunion hat der Innsbrucker Dogmatiker Joz f Niewiadomski vorgeschlagen, dass Gläubige die konsekrierte Hostie für sich und die Personen, die mit ihnen in häuslicher Gemeinschaft leben, vor der Kirche in würdiger Weise für die anschließende Hauskommunion empfangen ("kathpress", 18. März; "katholisch.de", 23. März).

Staatlich verordnete Isolation, wie es sie noch nie gab

Eine nachdenkliche Bemerkung zum Schluss: Unter Juristen und Politikern wird inzwischen vorsichtig über die Verhältnismäßigkeit der Einschränkung bürgerlicher Freiheits- und Sozialrechte diskutiert. Denn nicht nur die Gesundheit ist ein hohes Gut, sondern auch die Freiheit und das soziale Leben. Was bedeutet es, eine Gesellschaft für längere Zeit in die häusliche Gemeinschaft und die digitale Welt einzuschließen? Ärzte und Psychologen weisen auf die Folgen hin: eine extreme Zunahme von familiärem Stress, Vernichtung beruflicher Existenzen, mehr häusliche Gewalt, verstärkte Depressionen, vermutlich auch eine höhere Suizidrate. Was derzeit an staatlich verordneter Isolation besteht, hat es in der Geschichte der Quarantäne noch nie gegeben. Das Wort Quarantäne leitet sich von "quarantaine de jours" ("vierzig Tage") ab. Es ist zu hoffen, dass der epidemiologische Ausnahmezustand nicht viel länger anhält.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Helmut Hoping Bischöfe Diakonie Geistliche und Priester Gläubige Jesus Christus Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchenrechtler Ostern Papst Franziskus Päpste

Weitere Artikel

Nicht der Papst begründet die Leitungsgewalt in der Kirche, sondern der durch das Weihesakrament wirkende Heilige Geist. Eine gebotene Klarstellung.
14.10.2022, 15 Uhr
Paul Josef Cordes

Kirche

Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke äußert sich zum „Ad-limina-Besuch“ der deutschen Bischöfe, zur Gefahr eines Schismas und zum neuen kirchlichen Arbeitsrecht.
26.11.2022, 14 Uhr
Dorothea Schmidt
Der Vatikan hat die Kritik der Kardinäle Ladaria und Ouellet am Synodalen Weg veröffentlicht. Diese Transparenz schafft Orientierung, wo bisher nur ungläubiges Staunen über die Bischöfe war.
25.11.2022, 11 Uhr
Guido Horst
Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt in zwei Fällen gegen den Kölner Kardinal wegen des Verdachts der falschen eidesstattlichen Versicherung. Ökumenisches Gebet abgesagt. 
25.11.2022, 11 Uhr
Meldung
Im Wortlaut die Stellungnahme von Kardinal Marc Ouellet zum Synodalen Weg beim interdikasteriellen Treffen mit den deutschen Bischöfen.
24.11.2022, 17 Uhr
Kardinal Marc Ouellet