Orthodoxie

Kein Ende des Blutvergießens in der Ukraine

Bruch der Kircheneinheit. Die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche bricht mit Patriarch Kyrill, aber Moskau will die Botschaft nicht hören. Kyrill vollends isoliert.
Patriarch Kyrill
Foto: Oleg Varov | Auch ohne den Segen von Patriarch Kyrill sucht die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche jetzt maximale Distanz zum Moskauer Patriarchat. Doch die Orthodoxie in der Ukraine bleibt gespalten.

Einen gewagten Spagat lebt die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOK-MP) bereits seit 2014: Seit der Annexion der Krim und dem Beginn des russischen Terrors im Donbass war ihre Loyalität zu Patriarch Kyrill und seinem Moskauer Patriarchat mit der ukrainischen Identität kaum zu vereinbaren. Mit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar war dieser Widerspruch klar erkennbar: Während ihr Patriarch Kyrill Putins Krieg rechtfertigte und für die russische Armee betete, verurteilten Metropolit Onufrij „von Kiew und der ganzen Ukraine“ und die Bischöfe der UOK-MP diesen Krieg und beteten für die Verteidiger des Vaterlands.

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Harter Schnitt

Mehr als 400 ihrer Kirchengemeinden und mindestens 120 Geistliche verließen seit 24. Februar die UOK-MP und schlossen sich der konkurrierenden, von Konstantinopel (aber nicht von Moskau) anerkannten „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ (OKU) an. Hunderte Priester forderten öffentlich eine Amtsenthebung Kyrills. 21 der 53 Diözesen der UOK-MP nennen Kyrill nicht mehr im Hochgebet. Zuletzt kommemorierte sogar Onufrij den Moskauer Patriarchen nur mehr in der Reihe der Patriarchen, aber nicht als sein Kirchenoberhaupt. Zugleich wehrte man sich gegen das Werben der OKU.

Am Freitag hat die UOK-MP bei einem Landeskonzil in Kiew nun den Bruch mit dem Moskauer Patriarchat gewagt. Der Bischofsrat erklärte die „volle Unabhängigkeit und Autonomie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche“. Was genau das kirchenrechtlich und kirchenpolitisch bedeutet, wird wohl noch länger diskutiert werden, denn die Autokephalie (die jurisdiktionelle und hierarchische Selbstständigkeit) kann sich keine Kirche selbst geben; die Autonomie (also Selbstverwaltung) hat das Moskauer Patriarchat seiner ukrainischen Filiale bereits vor mehreren Jahren zugestanden, um den Autokephalie-Bestrebungen Wind aus den Segeln zu nehmen. Erfolglos, wie sich ab 2018 zeigte.

Trennung proklamiert

So unklar die kirchenrechtliche Lage ist, so klar ist die offizielle Begründung der bisher Moskau-treuen Bischöfe für den Bruch: „Wir stimmen nicht mit der Position von Patriarch Kyrill von Moskau und ganz Russland zum Krieg in der Ukraine überein.“ Im Gegensatz zur russischen Sprachregelung ist in dem Dokument klar von „Krieg“ und von der „militärischen Aggression der Russischen Föderation gegen die Ukraine“ die Rede. Das am Freitag zusammengetretene Landeskonzil verurteilte den Krieg als Übertretung der Gebote Gottes und sprach allen, die darunter leiden, sein Beileid aus. Jene, die ins Ausland flohen, sollen in der Diaspora die Möglichkeit erhalten, ukrainisch-orthodoxe Pfarreien zu eröffnen. Sie werden künftig also nicht mehr den Diaspora-Gemeinden der russischen Orthodoxie zugerechnet.

Mit der proklamierten Trennung von Moskau ist zwar nicht jedes, wohl aber das größte Hindernis für eine Wiedervereinigung der gespaltenen Orthodoxie in der Ukraine beseitigt. Wörtlich heißt es dazu im Beschluss des Bischofsrates: „Im Bewusstsein der besonderen Verantwortung vor Gott bringt das Konzil sein tiefes Bedauern über die mangelnde Einheit der ukrainischen Orthodoxie zum Ausdruck. Das Konzil empfindet die Existenz eines Schismas als eine tiefe Wunde am Leib der Kirche.“

Viele Ressentiments 

Man habe weiter die Hoffnung, den Dialog wiederaufzunehmen. Dazu jedoch müssten die Vertreter der autokephalen OKU „die Beschlagnahmung von Kirchen und die Zwangsverlegung von Pfarreien der UOK-MP stoppen“. Es sei auch „offensichtlich, dass es zur Anerkennung der Kanonizität der Hierarchie der OKU notwendig ist, die apostolische Sukzession seiner Bischöfe wiederherzustellen“. Zudem sei der Status der OKU „in Wirklichkeit nicht autokephal“, sondern „den Freiheiten und Möglichkeiten“ der UOK-MP „erheblich unterlegen“. Im Gegensatz dazu hatte die OKU wiederholt zur Vereinigung unter ihrer Regie eingeladen und diesbezügliche Verhandlungen ohne Vorbedingungen angeboten.

Auch wenn einer Vereinigung der gespaltenen Orthodoxie in der Ukraine noch viele Ressentiments entgegenstehen: Für die russische Orthodoxie ist die nun beschlossene Loslösung ihrer Ukrainer ein schwerer Schlag, denn etwa 12 000, also ein gutes Drittel aller Kirchengemeinden des Moskauer Patriarchats liegt in der Ukraine.

Noch während die russischen Bischöfe in Moskau berieten, sagte ihr Medienbeauftragter, Wladimir R. Legoyda, am Freitagabend, man wolle auf Informationen, die man nur aus dem Internet kenne, nicht reagieren. Allerdings machte er wieder einmal äußere Kräfte für das Malheur verantwortlich: Die ukrainisch-orthodoxe Kirche stehe „unter dem Druck von verschiedenen Seiten: von Behörden, Schismatikern, nationalistisch gesinnten Vertretern eines Teils der Öffentlichkeit und von Medien“. Es würden „externe Kräfte versuchen, die Einheit der russisch-orthodoxen Kirche zu zerstören“.

Hilarion bestreitet Trennung

In diese Suada stimmte der Außenamtschef des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion, ein: Auch er bekundete der UOK-MP sein Mitgefühl angesichts des „beispiellosen Drucks von verschiedenen Seiten: von extremistischen Gruppen, schismatischen Strukturen, lokalen Behörden... sowie nationalistisch gesinnten Kreisen“. Der Status der UOK-MP werde vom Dekret des verstorbenen Moskauer Patriarchen Alexej II. aus dem Jahr 1990 bestimmt. Änderungen müssten „vom Heiligen Synod der Russisch-Orthodoxen Kirche geprüft werden“.

Dass sich die ukrainischen Brüder ohne Erlaubnis Moskaus trennen, scheint für Hilarion undenkbar. „Es gibt die Meinung, dass sich die ukrainisch-orthodoxe Kirche von der russisch-orthodoxen Kirche getrennt hat. Das ist nicht so.“ Vielmehr sei der Beschluss aus Kiew so zu deuten, dass sich die UOK-MP unter „beispiellosem Druck“ befinde. Selbst der Name werde ihr streitig gemacht: „Sie versuchen zu erzwingen, dass sie ,Russisch-Orthodoxe Kirche in der Ukraine‘ genannt wird; und das Ziel ist, alle Pfarreien der UOK-MP neu zu registrieren und sie zugunsten einer schismatischen Struktur zu entfremden.“ Wen genau er mit „sie“ meint, sagte Hilarion nicht.

Weithin wortgleich argumentiert der Kirchenrat des Moskauer Patriarchats in seinem sonntäglichen Beschluss. Die Ukrainer werden daran erinnert, dass jede Änderung ihres Statuts von Patriarch Kyrill zu genehmigen ist. An dessen Rechtfertigung des Krieges wird hier ebenso wenig Kritik geübt wie an Putins Krieg selbst. Immerhin sind die russisch-orthodoxen Bischöfe für „die baldige Beendigung des Blutvergießens“.

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