Freiburg i.Br.

Weihnachten unter Corona wird kein Desaster

Corona macht Weihnachten für die Kirche zur Herausforderung. Es wird weder ein Desaster, noch eine große Chance werden. Der Theologe Helmut Hoping im Interview zu Corona und Weihnachten.
Coronavirus - Advent und Weihnachten in der Kirche
Foto: Friso Gentsch (dpa) | Helmut Hoping im Interview: "Ein Desaster wird Weihnachten unter Coronabedingungen für die Kirche nicht, ein große Chance aber ebenso wenig." Im Bild: «Bitte halten sie 1,5 Meter Abstand» steht auf einem Schild an ...
  • Weihnachten wird in diesem Jahr still und mancherorts traurig.
  • Der Schwund beim Gottesdienstbesuch ist deutlich. Auf die Weihnachtschristen hat das nur wenig Einfluss.
  • Gesellschaftlich schwindet die Akzeptanz für geöffnete Kirchen bei geschlossenen Restaurants.

Weihnachten unter Pandemiebeschränkungen: Chance für die Kirche oder Desaster mit Ansage?

Es wird ein noch stilleres und teilweise, wenn ich etwa an Alleinstehende und ältere Menschen in Seniorenheimen denke, noch traurigeres Fest werden. Es wird nicht nur der Gang über den „Weihnachtsmarkt“ fehlen.

Ein Desaster wird Weihnachten unter Coronabedingungen für die Kirche nicht, ein große Chance aber ebenso wenig, auch wenn mit großem Engagement alles versucht wird, das Beste daraus zu machen. DBK und EKD haben z.B. hilfreiche Materialien für das besondere Weihnachtsfest in diesem Jahren online gestellt.

"Wo die katholische Kirche eindeutig versagt hat,
ist beim ausgebliebenen Protest gegen das oft einsame,
isolierte Sterben in Kliniken und Senioren- und Pflegeheimen."

 Sehen Sie jetzt nach acht Monaten Corona schon Bindungskräfte der Kirche gegenüber Kirchgängern schwinden? Im Sinne von: mir fehlt ohne Kirchgang nix. Gibt es Zahlen?

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Repräsentative Zahlen habe ich nicht, nur eigene Eindrücke und Berichte von anderen. Ein Schwund an Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem bei den sonntäglichen Gottesdienstes ist nicht zu übersehen. Wer will auch schon mit Maske und mit stark reduziertem oder gar keinem Gesang Gottesdienst feiern. Das ist für viele eine recht trostlose Sache, vor allem für jene Gläubige, die (weitgehend) stillen Messen, wie sie an Werktagen gefeiert werden und  ja auch ihren Reiz haben, nicht gewöhnt sind. Wo die katholische Kirche eindeutig versagt hat, ist beim ausgebliebenen Protest gegen das oft einsame, isolierte Sterben in Kliniken und Senioren- und Pflegeheimen. Gelegentlich sind in Diözesen sogar schärfere Maßnahmen ergriffen worden als vom Gesetzgeber vorgesehen. Dass es teilweise sogar verboten war, älteren Menschen zuhause die Kommunion zu bringen, war ein schwerer Fehler. Nicht nur das Kirchensteueraufkommen wird einbrechen, wohl auch das Vertrauen in die Kirche, die ja stark unter Druck geraten ist (Missbrauchskrise, Finanzkrise, Korruption, Selbstgenügsamkeit- und vielfach auch Selbstgefälligkeit).

Sind die Menschen, die nur Weihnachten in die Kirche gehen und die in diesem Jahr nicht zur Christmette kommen können, unwiederbringlich weg?

Das glaube ich nicht. Ich bin mir fast sicher, dass das  „Weihnachtschristentum“  überleben wird, die sogenannten „„Weihnachtschristen“  im nächstem Jahr also wieder kommen und die Kirchen füllen werden. Enttäuscht hat die Kirche vor allem die viele treuen und regelmäßigen Gottesdienstteilnehmer. Ich kenne eine ganze Reihe von Gläubigen, die bislang jeden Sonntag zu Kirche gegangen sind, die nicht mehr kommen, und zwar nicht nur aus Angst vor Corona, sondern weil sie sich sagen, das tue ich mir nicht an, mit Maske in den Bänken zu sitzen, nicht oder fast nichts singen zu dürfen und die Kommunion von Priestern und Kommunionhelfern, die wie Ärzte und Pfleger mit Maske und Plastikhandschuhen ausgerüstet sind.    

Wie wichtig sind die Weihnachtsgottesdienste für die Kirche im Blick auf Fernstehende grundsätzlich?

Die Gottesdienste an Weihnachten, vor allem Krippenfeiern und  Christmette, sind immer noch für sehr viele wichtig. Und die Gemeinden vor Ort sollten sie Weihnachten mit entsprechenden Gottesdienstformen willkommen heißen, das muss nicht die Messfeier, das kann und sollte vielleicht vor der nächtlichen Christmette ein Wortgottesdienst mit Krippenfeier sein. 

"Eine Mette muss nicht die Form der Messe habe."

Es wird überlegt, Metten ökumenisch zu begehen. Ist das ein starkes Zeichen der Einheit oder Aufweichung des Eigenen?

Die Mette als nächtlicher oder frühmorgendlicher Gottesdienst ist in Verwandtschaft mit der Matutin, dem Nachtoffizium des Stundengebets zwischen Mitternacht und frühem Morgen zu sehen. Eine Mette muss nicht die Form der Messe habe. Eine Mette könnte daher in diesem Jahr an Weihnachten auch ökumenisch als Wort-Gottes-Feier gefeiert werden, in der Kirche oder außerhalb, um so mehr Menschen die Gelegenheit zu geben, daran unter Coronaschutzbestimmungen teilzunehmen. Dadurch wird nichts aufgeweicht, zumal  die Messe in der Nacht von Weihnachten es schon seit Jahren schwer hat gegenüber den Gottesdienst am Nachmittag und frühen Abend des 24. Dezember, ebenso die Messe am Tag von Weihnachten, es gibt natürlich Ausnahme, etwa in Kathedralkirche und anderen Kirchen mit besonderem kirchenmusikalischem Programm.  

Helmut Hoping.
Foto: Archiv | Helmut Hoping.

Haben die Kirchen aus ihrer Sicht gegenüber der Politik deutlich genug gemacht, wie wichtig Weihnachten ist und aus Ostern gelernt?

Eindeutig nein, was das Osern bzw. das Triduum Sacrum mit Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag betrifft. Ostern ist theologisch und liturgisch das bedeutendste Fest im ganzen Kirchenjahr, denn hier gedenkt sie feierlich des Todes und Auferstehung Christi. Was wäre Weihnachten ohne Ostern. An Weihnachten sind öffentliche Gottesdienste, wenn auch mit erheblichen Einschränkungen,  nicht untersagt, wie dies in anderen Ländern Europas und in Teilen der USA ist. Viele verstehen aber nicht, warum öffentliche Gottesdienste an Weihnachten stattfinden können, Restaurants, Theater, Museen und Kino aber geschlossen sind. Allzu groß dürfte die Akzeptanz für die Religions- und Kultusfreiheit in unserer Gesellschaft nicht mehr sein.

Was raten Sie einem Pfarrer und seiner Gemeinde: Wie feiert man in diesem Jahr am besten Weihnachten unter Pandemiebedingungen?

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Das ist schwierig, die Situation in den Pfarreien und größeren seelsorglichen Räumen ist so unterschiedlich, dass es mir schwer fällt, etwa zu raten, zudem Pfarrer auf den Rat von Theologen zumeist auch nicht viel oder gar nichts geben. Wichtig ist auf jeden Fall, dass an Weihnachten öffentliche Gottesdienste stattfinden, ob drinnen oder draußen. An manchen Orten wird man vielleicht auch überlegen, die Christmette zu verkürzen und dafür zweimal zu feiern. Wo sie als Messe in der Nacht von Weihnachten gefeiert wird, auch wenn dies vom Zeitansatz und der zur Verfügung stehenden Priester natürlich nicht ganz einfach ist.

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