Würzburg

Evangelisierung: Die heilige Mitte

In der Rede von der Evangelisierung verdichten sich derzeit viele Missverständnisse. Doch die Bibel verweist auf den eisernen Bestand der Verkündigung, nicht auf Versuchsballons.
Regensburger Dom
Foto: Harald Oppitz | Kathedrale Sankt Peter in Regensburg.

Es gibt Zeiten, in denen die alten Wörter leiden. Sie leiden an Auszehrung und werden zu billiger Münze, für die man sich alles kaufen kann. Während die Leiden des jungen Werther wenigstens einen prominenten Anwalt fanden, sind im Showgeschäft mit den Wörtern Anwälte für die alten sehr rar. Das Wort Evangelisierung, übrigens typisch katholisch verwendet, bedeutet gegenwärtig die Gesamtheit der kirchlichen Lehre, inklusive Papierflut und der Summe von Stellungnahmen „gewichtiger“ Autoritäten. Bei den Eifrigsten der Neuerer bedeutet es gar die Summe eben aller versuchten Neuerungen. Auch hier hat man offenbar den Boden unter den Füßen verloren.

Denn in seiner gesamten immerhin 2 500 Jahre währenden Geschichte bedeutet „Evangelium“ (griechisch: euangellion) und das zugehörige Verb „evangelisieren“ (gr.: euangellizesthai) weder die allgemeine Lehre noch den Nebel aller gängigen Meinungen noch Prozesse in Richtung ungeborener Reformen. Also auch nicht eine durch den Zeitgeist bedingte Reformstimmung oder – wie man in der Politik sagt – eine Wendestimmung.

Mit dem Wort Evangelium ist das "Reich Gottes" verbunden

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Vielmehr bezieht sich das Wort „Evangelium“ wie auch das Verb „evangelisieren“ stets auf einen sehr konkreten Punkt, auf eine scharf begrenzte Größe, ein klar festgelegtes Datum und unmissverständliche Forderungen daraus. So lernen Studierende bis heute im Proseminar, dass die Inschrift von Priene aus dem Jahre 9 v. Chr. der erste Beleg für die Bedeutung „Evangelium“ im Umkreis des frühen Christentums ist. Denn das Evangelium ist laut dieser Inschrift die Geburt des Kaisers Augustus, eine eindeutige Personalie. Und im griechischsprachigen Judentum bezeichnet „Evangelium“ die Botschaft von dem einen und einzigen Gott und „evangelisieren“ die konkrete Verkündigung. Im Unterschied zu dem später (vor allem durch die Reformation und Johannes 1, 17) üblich gewordenen Gegensatz von Gesetz und Evangelium kann aber „Evangelium“ hier schon das jüdische Gesetz bezeichnen. Sowohl bei Kaiser Augustus als auch bei dem Glauben an den einen und einzigen Gott und sein Gesetz geht es mithin nicht um eine unverbindliche „Kunde“, wie etwa dann, wenn in den Schulen bei uns nicht mehr von evangelischem oder katholischem Religionsunterricht die Rede ist, sondern von Religionskunde im umgangssprachlichen Sinne einer neutralen, allgemeinen, unverbindlichen Information.

Nein, Evangelium und Evangelisieren ist alles andere als eine derartige Information, bei der dann angeblich jeder Einzelne über wahr oder falsch entscheiden muss. Sondern bei Kaiser Augustus und bei dem mit dem Ersten Gebot verknüpften Glauben der Juden und Christen geht es um einen Herrschaftsanspruch. Daher ist mit dem Wort Evangelium auch das „Reich Gottes“ verbunden, eben der Anspruch eines Reichs. Gerade so spricht die Offenbarung des Johannes vom „ewigen Evangelium“, das der Engel nach Offenbarung 14, 6, für alle Völker verkündet. Und dabei geht es um das Kontrastprogramm zum römischen Reich und zu seinem Kaiserkult.

„Erfüllung“ der jüdisch-hellenistischen Wortbedeutung

Bis ins hohe Mittelalter hinein ist mit dem „ewigen Evangelium“ die Geschichtstheologie der Offenbarung verbunden. Nach dieser gehört am Ende alle Macht und Herrlichkeit allein dem Gott, der die Welt erschaffen und der Jesus Christus gesandt hat. Und diese Macht und Herrlichkeit ist sehr besonders und gehört und gebührt eben nicht irgendeinem politischen Weltreich. Und da ist kein Unterschied zur Botschaft der Propheten – namentlich Jesaja –, bei denen das hebräische Wort „besora“ zuerst in diesem Sinne gebraucht wird, das später dann mit euangellion beziehungsweise Evangelium übersetzt wird – übrigens schon 500 Jahre vor Luther in den älteren deutschen Übersetzungen der Bibel.

Und es gibt dann im Urchristentum eine christliche Neufüllung oder besser gesagt „Erfüllung“ der jüdisch-hellenistischen Wortbedeutung. An dieser Neufüllung, die ganz klar erkennbar ist im Ersten Korintherbrief 15, 1–3, kann man übrigens die ganze Verquickung und Unterschiedenheit von Judentum und Christentum gut erkennen. Paulus schreibt hier: „Liebe Brüder und Schwestern! Ich möchte euch an das Evangelium erinnern, das ich euch verkündigt habe. Ihr habt es angenommen und dadurch festen Stand gewonnen. Vom Evangelium hängt es ab, ob ihr selig werdet. Haltet das Wort, das ich euch verkündigt habe, in Treue fest, sonst war eure Bekehrung eine taube Blüte. So wie man es mir berichtet hat, konnte ich es auch von Anfang an weitersagen: Jesus, der Messias, ist stellvertretend gestorben für unsere Sünden, wie es schon in der Schrift steht, er wurde begraben und am dritten Tage auferweckt, wie es schon in der Schrift steht. Als Auferstandener ist er Petrus erschienen, danach den Zwölfen…“. Hier gilt: So wie in den Alten Sprachen – Hebräisch, Griechisch, Lateinisch – ist das Wort Evangelium klar terminiert auf die Osterwoche. Und der Glaube an den einen Gott ist nicht etwa ersetzt durch den Glauben an Jesus Christus, sondern findet in ihm seine Erfüllung. Nach Paulus wird das ganz speziell durch das Zeugnis der „Schrift“, das heißt des sogenannten Alten Testaments erkennbar. So gibt es jetzt keinen neuen Gott, sondern Gott handelt in und an seinem Sohn – mit dem Ziel, dass alle Kinder Gottes werden.

Im Unterschied zur gegenwärtigen Neigung, gerade mit dem Wort „Evangelium“ nur die angeblich weichen Seiten des Glaubens zu verbinden, nämlich insbesondere die, dass Glück und Frieden für alle Kinder Gottes in aller Welt sei, ist hier vom Herrschaftsanspruch Gottes („Evangelium“), von Tod und Sünde die Rede. Und wer dieses Evangelium annimmt, ist eben nicht schon immer, wie alle anderen Menschen, Gottes Kind, sondern zunächst einmal Gottes Geschöpf, das in Glauben und Taufe Gottes Kind werden kann (vgl. Paulus in Galater 3 et cetera).

Keine beständige Totalrevision der gesamten christlichen „Apotheke“

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Und im Blick auf das publizistische Gefälle, das dem Wort „Evangelisieren“ in unseren Tagen anhaftet, betont ausgerechnet der angeblich traditionsfeindliche Paulus, dass Evangelisieren nicht die beständige Totalrevision der gesamten christlichen „Apotheke“ sein kann, sondern hebt hervor, dass er an die Anfangsverkündigung anknüpft und dann noch einmal, dass er nur verkündigt hat, was er empfangen hat und was im übrigen in der Schrift steht und also noch viel, viel älter ist.

Um Missverständnisse auszuschließen: Paulus redet hier nicht einem ideologischen Traditionalismus das Wort, sondern hebt die Substanz klar hervor. Nicht ganz unerheblich ist, dass der nächste Teilsatz sogleich mit Petrus und den Aposteln beginnt. Wie auch immer man das alles später gedeutet hat, klar ist, dass Paulus hier nicht die Gelegenheit nutzt, dem Phänomen „Petrus und andere Apostel“ eins auszuwischen und diese unauffällig sich selbst zu überlassen. In einem koptischen Text aus dem vierten Jahrhundert, der apokryphen „Einsetzung des Erzengels Gabriel“ sagt Jesus zu den 72 Jüngern: Ihr seid die Bischöfe dieser 72 Länder. Und wenn eines meiner Schafe verloren geht, dann werde ich es von euch fordern. denn ihr seid die Bringer des Evangeliums von meinem Tod und meiner Heiligen Auferstehung.“

Mit seiner partiellen Neufüllung von „Evangelium“ beschreibt Paulus weder die Summe kirchlicher Verlautbarungen noch kirchlicher Lehre. Er meint alles andere als Versuchsballons, sondern den eisernen Bestand der Verkündigung. Jeder kirchliche Reformer täte mithin gut daran, sich sehr konzentriert um eben diese Mitte zu bemühen. Diese Mitte ist heilig. Und alles, was je in dieser Religion heilig war, konnte es nur sein als Mitte lebendigsten Lebens.

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