IM BLICKPUNKT

Ein fragwürdiger Parlamentsbeschluss

Spaniens Parlament zwingt der katholischen Kirche eine unabhängige Untersuchung von Missbrauchsfällen auf. Das Misstrauen gegenüber der Entscheidung ist begründet.
Spanisches Parlament
Foto: J.J. Guillen / Pool (EFE POOL) | Das spanische Parlament hat beschlossen, der katholischen Kirche eine unabhängige Untersuchung von Missbrauchsfällen zu verordnen.

Ein überparteilicher Konsens im spanischen Parlament hat Seltenheitswert. Insofern deutet mancher Beobachter die Geschlossenheit, mit der Spaniens Sozialisten, Kommunisten, Separatisten und Konservative kirchliche Missbrauchsfälle untersuchen lassen wollen als eine politische Demonstration: Die katholische Kirche ins Visier zu nehmen verspricht ein politisches Ablenkungsmanöver und suggeriert der Öffentlichkeit Tatkraft.

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Katholische Krise

Die ehrliche Sorge um das Schicksal von Missbrauchsbetroffenen hätte das Parlament wohl auch zur Prüfung staatlicher Einrichtungen bewogen. Der Eindruck einer staatlichen PR-Kampagne scheint manchen Politiker auch deswegen zu verlocken, weil Spaniens Bischöfe im gegenwärtigen Pontifikat wenig Rückhalt in Rom finden – eine gänzlich neue Situation und 180-Grad-Wende im Vergleich zu den Pontifikaten Benedikts XVI. und Johannes Pauls II..

Die katholische Kirche in Spanien hat es zwar mit allen Krisenerscheinungen säkularisierter westlicher Gesellschaften inklusive eines dramatischen Glaubensverlustes zu tun, kann aber dennoch immer wieder bei der Bevölkerung punkten: In der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise war die Caritas ein Stabilisierungsanker für zahlreiche strauchelnde Existenzen.

Umstrittene Aufgabe

Dass die Aversion einiger Politiker durch praktizierte Nächstenliebe nicht zu besänftigen ist, zeigte das ursprünglich verfochtene Ansinnen der radikalen Linken, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss beziehungsweise eine „Wahrheitskommission“ mit Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu befassen. Dieser Gedanke setzte sich zwar nicht durch, aber dass es so weit kommen konnte, sagt einiges über den unsichtbaren Graben zwischen den „zwei Spanien“ aus. Er spaltet das Land nach wie vor in einen kirchen- und traditionsverbundenen und einen mehr oder minder militant linken und atheistischen Teil.

Nun steht Ombudsmann Ángel Gabilondo, unter dessen Federführung die unabhängige Untersuchungskommission arbeiten soll, vor einer durchaus umstrittenen Aufgabe. Der Gesetzgeber beschränkt seine Rolle eigentlich auf staatliche Einrichtungen. Dazu gehört die Kirche allerdings nicht, auch wenn sie nun gute Miene zum bösen Spiel macht. Als Zeichen guten Willens wird erwartet, dass sie der Kommission vertrauliche Daten und Informationen zur Verfügung stellt.

Kein kirchliches Gutachten

Dass die Bischöfe, anders als die Kirche in Deutschland oder Frankreich, bisher kein unabhängiges Missbrauchsgutachten in Auftrag gegeben haben, um dem Staat zuvorzukommen, hat mehrere Gründe. Eine allen 66 Diözesanbischöfen genehme Regelung zu finden käme einer Quadratur des Kreises gleich – schon die Nationalitätenfrage lastet auf ihr. Spaniens Hirten verwalten teilweise Bistümer von der Größe deutscher Dekanate und hängen am Finanztropf der anderen. Dass in der Öffentlichkeit mitunter der Eindruck intransparent agierender Bischöfe entstanden ist, liegt allerdings weniger am Umgang mit Missbrauchsfällen als an schwierigen Bischofspersonalien. Wie in anderen Ländern sind Spaniens Bistümer in puncto Missbrauchsaufarbeitung und Prävention den öffentlichen und privaten Institutionen weit voraus, auch wenn Politiker das geflissentlich ignorieren.

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