Im Blickpunkt

Ein blasphemischer Akt erschüttert die Ökumene

Als jetzt der vatikanische Ökumene-Rat nach der langen Corona-Pause wieder zusammenkam, hatte ein Krieg  das christliche Zeugnis für die Einheit und brüderliche Liebe zusätzlich verdunkelt.
Kardinal Koch zum Streit in der Orthodoxie
Foto: dpa | Die katholische Kirche hoffe und bete darum, „dass der Konflikt überwunden werden kann, da ihr die Einheit der Orthodoxen Kirche ein wichtiges Anliegen ist", so Kardinal Koch.

Auf völlig unerwartete Weise, so Kardinal Kurt Koch bei der Eröffnung der Vollversammlung des vatikanischen Einheitsrats, „wurde die Ökumene in diesem Jahr schweren Spannungen ausgesetzt“. Der letzte deutschsprachige und zugleich amtierende Kurienkardinal ist für gewöhnlich ein Mann der ausgewogenen Worte. Jetzt aber, als alle Mitglieder des Einheitsrats nach der Pandemie-Pause wieder in Rom zusammenkamen, wurde Koch deutlich.

Blasphemischer Verrat

Immerhin war er dabei gewesen, als der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill den Papst, Koch selber und anschließend auch den anglikanischen Primas Justin Welby per Video-Schalte für den Krieg Putins vereinnahmen wollte. Und so kam Kardinal Koch jetzt vor dem Ökumene-Dikasteriums des Vatikans auf den „schrecklichen Krieg Putins in der Ukraine“ zu sprechen, der „nicht nur neue und tiefe Spaltungen in der orthodoxen Welt geschaffen, sondern auch schwere ökumenische Verunsicherungen provoziert hat.

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Die Tatsache, dass ein dermaßen schrecklicher Krieg mit so vielen Flüchtlingen und Toten auch in religiöser Hinsicht gerechtfertigt wurde, muss ein ökumenisches Herz erschüttern und verdient die Bezeichnung, die ihm Papst Franziskus gegeben hat: blasphemisch.“ So war es gewesen. Bei der Generalaudienz in der Osterwoche hatte der Papst unmissverständlich klargestellt: „Die bewaffnete Aggression in diesen Tagen stellt wie jeder Krieg eine Schmähung Gottes dar, einen blasphemischen Verrat des Herrn von Ostern, man zieht den falschen Gott dieser Welt Seinem milden Gesicht vor.“

Christen gegen Christen

Der Vollversammlung des Einheitsrats war auch das Oberhaupt der griechisch-ukrainischen Kirche in der Ukraine, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk aus Kiew, persönlich zugeschaltet, dem Koch für die täglichen Botschaften an seine Gläubigen dankte. Aus diesen gehe aber auch hervor, so der Kardinal, „dass die Invasion Putins die Christen und die Kirchen in der Ukraine zur Einheit bewegt hat. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Gott auf sehr krummen Linien gerade schreiben kann.“

Doch diese „krummen Linien“ haben für Kardinal Koch ein dramatisches Ausmaß: „Wenn wir bedenken, dass auch im Krieg in der Ukraine Christen gegen Christen gekämpft und sich Orthodoxe gegenseitig umgebracht haben, müssen wir die Schwere der ökumenischen Verletzungen anerkennen, die da zugefügt wurden und nicht nur Zeit brauchen, um zu heilen, sondern vor allem Bekehrung."

Rückschrittliche Ökumene

Die jüngste Entwicklung in den Beziehungen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill, die sich jetzt auf absehbare Zeit nicht begegnen werden, stellen einen enormen Rückschritt dar. Dabei lagen große Hoffnungen auf der christlichen Ökumene, wie sie sich um zwanzigsten Jahrhundert entwickelt hat. Kardinal Koch sprach vor dem Einheitsrat ein bedeutsames Jubiläum an, das vor den Christen aller Konfessionen liegt: 2025 richtet sich der Blick auf eine synodale Versammlung der alten Kirche, die gerade für die kirchlichen Gemeinschaften des Ostens von historischer Bedeutung war.

Aber fast 1700 Jahre nach dem ersten ökumenischen Konzil von Nizäa 325, das damals mit seinem christologischen Bekenntnis den Grund für eine christliche Einheit schuf, liegt diese Einheit heute offensichtlich in Trümmern. Es ist nicht nur die russische Orthodoxie, mit der der Dialog stockt. Ist die Politik einem bekannten Diktum zufolge ein „Bohren harter Bretter“, so ist die christliche Ökumene wie das Bohren vernickelten Stahls. Ein Zeichen dafür, dass wohl nur der Herr der Geschichte die Spaltungen in seinem Volk überwinden kann. Wenn es sich denn bekehrt.

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