Astana

Der Tradition eine Stimme geben

Wie Tradivox alte Glaubensstimmen wieder neu zum Klingen bringt.
Klosterbibliothek in Admont
Foto: Katharina Ebel (KNA) | Lesestoff für Generationen: Es gibt schier unerschöpfliche Schätze zu entdecken in den Schriften der Kirchenlehrer und Kirchenväter.

Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt“, sagt Jesus im Matthäusevangelium. Bezieht man diese Schriftstelle auf den Umgang mit dem Katechismus, sind die Jünger des Himmelreichs unter den Schriftgelehrten hierzulande eher selten. Denn wie reich der Schatz der Katechismen ist, scheinen nur wenige zu wissen. Es entsteht vielmehr der Eindruck, dass viele Gemeinden ungeachtet der Erfolge der Youcath-Bewegung in Sachen Katechismuswissen eher Ödland sind. Damit das nicht so bleibt und das breite Spektrum komprimierten Glaubenswissen wieder neu ins Bewusstsein gerückt werden kann, gibt es nun das Projekt Tradivox. Dessen Macher sind überzeugt, dass es ein großes Interesse daran gibt, zu erfahren, was die Kirche wirklich lehrt, dass viele einen verlässlichen und gut erreichbaren Zugang zu diesem Wissen suchen und dass der Katechismus oder vielmehr die Katechismen auf diesem Gebiet einem reichen Quellgrund gleichen. Die Katechismen? fragt sich der eine oder andere hier vielleicht besorgt und denkt an die hierzulande übliche Verwässerung des Glaubenswissens.

Den Glauben der Kirche unverkürzt verkünden

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Doch bei Tradivox geht es nicht darum, herauszufinden, dass die Gebote alle nicht so eng zu sehen sind, dass Gott nicht straft, weil er dazu viel zu lieb ist oder dass dieses oder jenes doch nicht Sünde sein könne. Hier werden vielmehr die vielen Stimmen neu zum Klingen gebracht, in denen der Katechismus über die Zeiten hinweg zu hören und zu lesen war. Denn tatsächlich verfolgen alle Ausgaben in zahlreichen Sprachen das eine Ziel: den Glauben der Kirche unverkürzt zu verkünden und ihn je neu in verständlicher Sprache zu verkünden.

Im letzten Jahr gewann dieses bemerkenswerte Projekt, dessen Spiritus Rector Weihbischof Athanasius Schneider ist, nach Jahren der Forschung Gestalt. Tradivox nutzt für die Festigung und Verkündung des Glaubens die Möglichkeiten der neuen Medien. Es geht darum, jedem, der dies wünscht, Zugang zur Vielfalt der im Laufe der Geschichte entstandenen Katechismen zu geben. Da die meisten davon heute weitgehend unbekannt sind und nur in Handschriften oder alten Drucken vorliegen, müssen sie erst durch Transkription dem Vergessen entrissen werden. An diesem Projekt arbeitet weltweit ein großes Team von freiwilligen mit. Jeder ist zur Mithilfe eingeladen.

Das Projekt läuft in drei Phasen ab

Je nach Vorbildung und Zeitbudget reichen die Möglichkeiten von der Transkription alter Texte, deren Redigierung bis zur Vorbereitung der Veröffentlichung mit den entsprechenden fachlichen Einführungen und Vorworten. Durch das Voluntärsystem, bei dem alle, die mitarbeiten selbstverständlich kostenlos ihre Zeit zur Verfügung stellen und jeder so viel beiträgt, wie er leisten kann, liegt das Projekt auf vielen Schultern und die Arbeit erfolgt in bemerkenswertem Tempo und mit ebensolcher Effizienz. Die Mitarbeit ist faszinierend, denn schon beim reinen Abschreiben alter Texte taucht man in eine andere Welt ein und erlebt hautnah, wie es sich anfühlt, beispielsweise im Schottland des 16. Jahrhunderts um das Verstehen und Nachvollziehen des Glaubenswissens zu ringen.
Das Projekt läuft in drei Phasen ab. In der ersten stehen Recherche und das Sammeln von Informationen auf dem Programm. Über 30 englischsprachige Katechismen aus dem letzten Jahrtausend wurden dabei im ersten Gang in den Fokus genommen. Ihr Text wird derzeit anhand hochauflösender Scans von Tradivox Voluntären in Word Dokumente übertragen.

In Phase zwei werden die Transcirptionen überprüft, in ein gut lesbares Layout umgewandelt. Danach werden die einzelnen Katechismusbände für die Veröffentlichung in Printformat vorbereitet. Beta Versionen dieser Editionen werden dann für die Verwendung in Suchmaschinen vorbereitet und Indices mit Verweisen erstellt.

Was wäre, wenn Google katholisch wäre?

In Phase drei soll es dann eine Katechismus-Suchmaschine geben, die auf die miteinander vernetzten Texte zugreifen kann. Der große Vorteil dieses Verfahrens: Durch die Eingabe eines Stichwortes erscheinen dann alle Fundstellen aus dem reichen Traditionsschatz der Kirche. Zwei Bände sind dank des Engagements der Voluntäre und natürlich auch dank der zahlreichen Spender, die Tradivox finanziell unterstützen, bereits entstanden, weitere sind in Vorbereitung. Die Tradivox-Macher kommen ihrem Ziel, dass sie mit der Frage: „Was wäre, wenn Google katholisch wäre?“, auf den Punkt gebracht haben, also immer näher. Und sie zeigen noch mehr. Denn sie verdeutlichen, dass die Verheutigung des Glaubens keine Verwässerung bedeutet. Eine Verkündigung, die je neu bei den Menschen ankommt basiert vielmehr auf der untrennbar engen Verbindung mit Jesus Christus und auf Menschen, die bereit sind, auf ihn zu schauen und sich von ihm prägen zu lassen.

Dieser Blick auf das Zentrum unseres Glaubens unterscheidet sich radikal von den lautstarken und sinnlosen Bauarbeiten an äußeren Strukturen. Dass die Tradivox-Macher die richtige Blickrichtung ernst nehmen, zeigt sich schon im Logo des Projektes, einem in roter Tinte kalligraphierten Tau-Kreuz. Es macht die pulsierende Verbindung zwischen Jesus Christus und der seine Botschaft in lebendiger Tradition weitergebenden Kirche sichtbar. Wäre es nicht wunderbar, wenn es ein solches Projekt auch in deutscher Sprache gäbe? Es wäre eine große Chance für die Verkündigung, dies in ökumenischer Verbundenheit zu tun und so wieder neu bewusst zu machen, wo die Fundamente unseres Glaubens liegen.

Wer Interesse daran hat, als Tradivox Voluntär zu arbeiten, findet die notwendigen Informationen und Kontaktadressen unter https://www.tradivox.com

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