Fehlurteil

Der Fall Pell als Chronik eines Justizskandals

Zu Unrecht verurteilter Kardinal. Das Gefängnistagebuch von Kardinal George Pell gibt Einblicke in seine Haft und in sein Herz. Eine Rezension des Buches.
George Kardinal Pell während seines Prozesses
Foto: Erik Anderson (AAP) | George Kardinal Pell während seines Prozesses. Die Erfahrung, zu Unrecht verurteilt zu werden, hat er in Tagebüchern dokumentiert.

Im März 2019 wurde George Kardinal Pell, der als Erzbischof von Sydney 2014 von Papst Franziskus zum Präfekten des neuen Wirtschaftssekretariats der Kurie berufen worden war, um die Finanzen des Vatikans zu ordnen, von einem Gericht in Melbourne zu sechs Jahren Haft verurteilt.

Er soll als Erzbischof von Melbourne Ende 1996 zwei Chorknaben in der Sakristei der Kathedrale sexuell missbraucht haben. Im Juni 2017 war er von Rom nach Australien zurückgekehrt, um sich gegen die Anschuldigungen zur Wehr zu setzen. Wider Erwarten ignorierte das Gericht seine Argumente und alle Zeugen, die ihn entlastet hätten, und verurteilte ihn mit der Begründung, der Kläger sei glaubwürdig. Der zweite Chorknabe war schon vor dem Verfahren verstorben. Das Oberste Gericht des Bundesstaates Victoria bestätigte das Urteil am 21. August 2019 mit zwei zu eins Stimmen. Erst das Oberste Gericht von Australien hob das Urteil am 7. April 2020 einstimmig mit sieben zu null Stimmen auf.

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Zeugnis aus der Haft

Die 404 Tage in Haft nutzte Pell, um ein Tagebuch zu schreiben, das er nach seiner Entlassung in drei Bänden veröffentlichte. Der erste Band mit dem Titel „Unschuldig angeklagt und verurteilt“ erschien im Mai in einer hervorragenden deutschen Übersetzung. Er umfasst die ersten 20 Wochen seiner Einzelhaft im Hochsicherheitsgefängnis von Melbourne. Pells Notizen geben einen faszinierenden Einblick nicht nur in seinen Gefängnisalltag und in seinen Prozess, sondern auch in sein Herz. Darüber hinaus enthalten sie Anmerkungen zu vielen Themen in Kirche und Welt.

George Weigel hat ein Vorwort verfasst, dessen erste Zeilen den Bogen schlagen vom Justizskandal, dem Pell zum Opfer fiel, zu den geistlichen Früchten, die daraus hervorgingen: „Dieses Gefängnistagebuch hätte niemals geschrieben werden dürfen. Dass es dennoch geschrieben wurde, zeugt von Gottes Gnade, die es inmitten von Niedertracht, Bosheit und Ungerechtigkeit vermag, Einsicht, Großmut und Güte hervorzubringen. Und dass etwas so Schönes daraus entstanden ist, zeugt von der christlichen Gesinnung, die seinen Verfasser, George Kardinal Pell, prägt.“ Das Tagebuch ist das Zeugnis eines souveränen Hirten der katholischen Kirche, der eine ungewöhnliche Schule der Demütigung durchläuft und der säkularen Welt in einer Weise entgegentritt, die dem Wahlspruch in seinem Bischofswappen alle Ehre macht: „Fürchtet euch nicht.“

Zelebration untersagt

Pell betrachtet seine Zeit im Gefängnis als „verlängerte Exerzitien“, die er täglich mit der heiligen Messe im Fernsehen, der „Mass for you at home“, und mit Meditationen zu einem Buch der heiligen Schrift beginnt. Die Zelebration der heiligen Messe ist ihm untersagt. Jeden Tag beschließt er seinen Eintrag mit einem Gebet. Am 12. März, dem Vorabend der Urteilsverkündung, lautet sein Gebet: „Lieber Herr Jesus, gib mir die Kraft, morgen meine Fassung und meine christliche Würde zu bewahren und mich nicht vom Zorn darüber hinreißen zu lassen, wie ungerecht das alles ist. Möge Maria, deine Mutter, unsere Mutter und daher auch meine Mutter, bei mir sein, damit ich ein annehmbares Opfer zum Wohl der Kirche bringen kann.“ Die ersten Tage meditiert er über das Buch Hiob.

Es „war perfekt, um mich ans Gefängnisleben zu gewöhnen“. Am 12. März schreibt er: „Die Fastenzeit im Gefängnis zu verbringen, beinhaltet größtenteils die Dimension der Buße. Außerdem hat man genug Zeit zum Beten, nur das Almosengeben fällt aus.“ Die Beschreibung seiner Zelle beschließt er mit der Feststellung: „Anders als in vielen noblen Hotels gibt es an der Wand über dem Bett eine gute Leselampe. Es ist sehr bequem, alles, was man braucht, ist in Reichweite.“

Trost aus Briefen

Einen erheblichen Teil seiner Zeit nehmen die Briefe ein, die er täglich erhält – in den ersten vier Wochen allein rund 350. Sie sind ihm ein großer Trost. Meist enthalten sie Gebete, Gebets- und Fastenversprechen, Gedichte, Psalmen oder Schriftworte, Ermutigungen oder Versicherungen, dass sein Leiden geistliche Früchte hervorbringen werde. Aus vielen dieser Briefe zitiert er. Er lässt den Leser auch wissen, wie er sich entspannt: Neben Tolstois Roman „Krieg und Frieden“, dem besten, den er je gelesen habe, und täglich zwei Sudoku-Rätseln sind es vor allem die Spitzenspiele der Australian Football League, die im Fernsehen übertragen werden: „Football hat das Gefängnisleben für mich leichter gemacht.“ Dazu muss man wissen: Pell stand 1959 selbst vor einer Profi-Karriere im australischen Football, bevor er sich entschloss, alle Vertragsangebote abzulehnen und Priester zu werden.

Nicht nur Pell sieht im Prozess ein Resultat des in Australien verbreiteten Antikatholizismus. Er soll für seine konservativen Positionen sowohl in gesellschaftlichen als auch kirchlichen Fragen büßen. Im ersten Prozess mahnt der Richter die Geschworenen noch, niemanden zum Sündenbock zu machen. Eine Frau schreibt ihm ins Gefängnis, der Anfang der Katholikenverfolgung in Australien sei der Moment gewesen, als er „denen, die mit Regenbogenschärpen in die Sankt Patricks-Kathedrale in Melbourne gekommen waren, die Kommunion verweigert hatte“.

Kaum Unterstützung aus Rom

Am Tag vor der Urteilsverkündung notiert er: „Nicht ein einziger der 20 Zeugen hat die Geschichte des Klägers bestätigt, und ich hatte vier Personen, die mir ein Alibi gegeben haben: den Zeremoniar, den Küster und zwei Ministranten.“ Wie Pell mit der Ablehnung seiner Berufung durch das Oberste Gericht des Bundesstaates Victoria umgeht, wird erst der zweite Band des Tagebuches zeigen.

Aufschlussreiche Reflexionen enthält Pells Tagebuch zu Entwicklungen in Kirche und Welt, zu seinen theologischen Positionen, zu den Päpsten seit Paul VI., zum Zweiten Vatikanischen Konzil, zur Kurie, zum Opus Dei und nicht zuletzt zu den Themen des Synodalen Weges der Kirche in Deutschland. Die Unterstützung, die Pell im Gefängnis von Rom erhält, bleibt gering. Er freut sich über eine Nachricht von Kardinal Parolin, der ihm Unterstützung zusichert. Zu Papst Franziskus gibt es bis zum 13. Juli, dem Ende des ersten Bandes, keinen persönlichen Kontakt.

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Er hadert mit dem Rücktritt Benedikts

Zu seiner Arbeit in Rom schreibt Pell: „Die Bemühungen des Wirtschaftssekretariats um eine Finanzreform wurden vereitelt und haben keine Ergebnisse gebracht.“ Er bewundert Kardinal van Thuan, der in Vietnam nach der kommunistischen Machtübernahme 13 Jahre im Gefängnis verbrachte und der für ihn ein Heiliger ist, ebenfalls Papst Johannes Paul II., den er „den Großen“ nennt, und Benedikt XVI., der als Theologe zusammen mit de Lubac, Daniélou und von Balthasar beim Zweiten Vatikanischen Konzil die Grenze zwischen Kontinuität und Bruch markierte. Er stellt sich hinter den Brief des emeritierten Papstes zur Missbrauchskrise vom zehnten April 2019, hadert allerdings mit Benedikts Rücktritt und schlägt Regelungen vor zum Status eines zurückgetretenen Papstes, die aber „am besten von einem Papst eingeführt werden, dessen Vorgänger nicht mehr lebt“.

Rolle der Laien

Mehrfach rühmt Pell die Stärkung der Rolle der Laien durch das Zweite Vatikanische Konzil: „Die vielleicht wichtigste Errungenschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils war, dass es die Laien zur Mission berufen hat, wie wir es beim Neokatechumenalen Weg und dem Opus Dei erkennen können“, die er mit den großen Erneuerungsbewegungen der Kirche, jener der Benediktiner, der Dominikaner und Franziskaner und der Jesuiten vergleicht. Die Erneuerungen, die beim „Synodalen Weg“ in Deutschland vorgeschlagen werden, hält er für eine „Sackgasse“.

Ihnen stellt er kirchliche Entwicklungen in Frankreich gegenüber. Kardinal Lustiger habe gezeigt, „wie die Kirche auch in einer weitestgehend säkularisierten Gesellschaft ihren Beitrag leisten und überleben kann. Der gegenwärtige Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, komme aus der gleichen Tradition“. Pell hält ihn für „papabile“ und hofft, dass er bald zum Kardinal ernannt wird.


Kardinal George Pell: Unschuldig angeklagt und verurteilt. Das Gefängnistagebuch, Band 1. Vorwort von George Weigel, Übersetzung von Gabriele Stein und Cornelia M. Knollmeyer. Verlag Media Maria, Illertissen, 415 Seiten, EUR 24,90

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