Bangkok/Nagasaki/Hiroshima/Tokio

„Der Besitz von Atomwaffen ist unmoralisch“

Die Woche in Thailand und Japan war der vielleicht politischste Auslandsbesuch des argentinischen Papstes.
Papst Franziskus in Japan
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Gedenken an die Opfer des Atombombenangriffs auf Nagasaki: Papst Franziskus verharrt schweigend im Gebet.

Franziskus hat eine anstrengende Asienreise abgeschlossen, die ihn für eine Woche nach Thailand und Japan führte. Die Mühe, das dichte Programm ohne längere Pausen zu absolvieren, war dem Papst anzumerken. Er ging schleppend, brauchte Hilfe, wenn er Stufen herabstieg, wirkte manchmal minutenlang wie abwesend. Aber er schonte sich nicht. Noch in der Nacht zum letzten halben Besuchstag, dem Dienstag, feierte er mit Mitbrüdern aus dem Jesuitenorden um Mitternacht (Ortszeit) eine Messe in der Kapelle des Kulturzentrums der katholischen Sophia-Universität.

Vielleicht war es die politischste Reise des 82-Jährigen, der am kommenden 17. Dezember seinen nächsten Geburtstag begeht. Doch der Besuch in Fernost hatte auch einen ganz persönlichen Grund: Als junger Mann wollte Jorge Mario Bergoglio als Missionar nach Japan gehen. Und der Abschluss der Reise war eine Begegnung mit den Missionaren aus der Gesellschaft Jesu in Tokio. Ansonsten aber standen gesellschaftliche und durchaus politische Themen auf dem Programm: In Thailand sprach er ethnische Konflikte, den Menschenhandel, die Migration, Korruption, Prostitution, Sextourismus und die Bedrohung der Umwelt an, in Japan drehte sich vieles um den Frieden und die Ächtung nuklearer Waffen.

Am Montag sprach sich Franziskus bei einem Treffen mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe in dessen Amtssitz für eine multilaterale Lösung der Atomfrage aus. Im Anschluss hielt der Papst vor Politikern und Diplomaten eine Ansprache, in der er für eine Lösung der atomaren Abrüstung auf multilateraler Ebene warb. Franziskus mahnte eine „Kultur der Begegnung und des Dialogs“ an. Die Geschichte lehre, dass Konflikte zwischen Völkern und Staaten tragfähige Lösungen nur durch den Dialog finden könnten. Dieser sei „die einzige Waffe, die des Menschen würdig ist und einen dauerhaften Frieden gewährleisten kann“. Während sich die Staatengemeinschaft schwer tue, ihren Verpflichtungen zum Schutz der Schöpfung nachzukommen, seien es die jungen Menschen, „die immer mehr über mutige Entscheidungen sprechen und sie verlangen“. Die jetzigen Verantwortungsträger seien ihnen eine Antwort schuldig, so Franziskus.

Bei einer privaten Begegnung hatte Japans neuer Kaiser Naruhito dem Papst für sein Treffen mit Opfern der Fukushima-Katastrophe und den Besuch der beiden 1945 zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki gedankt. In Japan war der Besuch dieser beiden Städte am Sonntag der Höhepunkt der Visite. Wie zu erwarten war, stand der Aufenthalt dort ganz im Zeichen eines klaren päpstlichen Neins zu Besitz und Einsatz von Atomwaffen. Der „Hiroshima-Friedenspark“, in dem sich die sogenannte „Atombomben-Kuppel“ befindet, ein Gebäude, das den Atombombenabwurf von 1945 überstanden hat, diente Franziskus jetzt als Schauplatz für einen eindringlichen Appell. Der Papst nannte den Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken „heute mehr denn je ein Verbrechen“. Und: „Der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken ist unmoralisch, wie ebenso der Besitz von Atomwaffen unmoralisch ist, wie ich schon vor zwei Jahren gesagt habe. Wir werden darüber gerichtet werden!“

Eindringlich forderte Franziskus die politisch Verantwortlichen dazu auf, die Produktion der Atombomben und anderer Massenvernichtungsmittel zu beenden: „Die neuen Generationen werden unser Scheitern verurteilen, wenn wir zwar über Frieden geredet, ihn aber nicht mit unserem Handeln unter den Völkern der Erde umgesetzt haben. Wie können wir von Frieden sprechen, während wir an neuen, furchtbaren Kriegswaffen bauen? Wie können wir über Frieden sprechen, während wir bestimmte illegale Handlungen mit diskriminierenden und hasserfüllten Reden rechtfertigen?“

Bereits am Sonntagvormittag war Papst Franziskus für einen siebenstündigen Besuch in Nagasaki gelandet. Dort feierte er eine Messe, in deren Predigt er ebenfalls auf den Atombombenabwurf von 1945 einging. Japan habe wie kaum ein anderes Land die Zerstörungskraft erfahren, zu der der Mensch gelangen könne. Und „Nagasaki trägt in seiner Seele eine schwer zu heilende Wunde, ein Zeichen für das unerklärliche Leid so vieler Unschuldiger“, sagte er in seiner Predigt im Baseballstadion der Stadt. Das Stadion von Nagasaki wurde 1997 gebaut und liegt nur etwa hundert Meter vom Epizentrum der Atombombenexplosion entfernt.

Farbenfroh, sehr folkloristisch und mit vielen gelben Fähnchen hatte Thailand den Gast aus Rom empfangen. In der Kathedrale Mariä Himmelfahrt in Bangkok feierte er am Freitagabend mit Jugendlichen eine Messe und erinnerte in seiner Predigt an „die großartige Geschichte der Evangelisierung“, deren Erben die jungen Katholiken von heute seien. „Diese schöne Kathedrale”, sagte Franziskus, „bezeugt den Glauben an Christus, den eure Vorfahren hatten: Ihre tief verwurzelte Treue veranlasste sie, gute Werke zu tun und diesen anderen noch schöneren Tempel aus lebendigen Steinen zu bauen, um den Menschen ihrer Zeit die barmherzige Liebe Gottes zu bringen.“

Papst Franziskus in Japan
Foto: Ciro Fusco (ANSA POOL/AP) | Ein historischer Moment – auch für den Jesuitenorden: Japans Kaiser Naruhito empfängt den Papst im Kaiserpalast.

Der Papst bat die jungen Gläubigen, den christlichen Wurzeln ihrer Vorfahren treu zu bleiben. Es tue ihm weh, sagte Franziskus, „dass einige den jungen Menschen vorschlagen, eine Zukunft ohne Wurzeln aufzubauen, als ob die Welt jetzt anfangen würde“.

Ohne dieses starke Gefühl der Verwurzelung könne es leicht passieren, „dass wir uns von den konkurrierenden Stimmen dieser Welt verwirren lassen. Viele von ihnen kommen als attraktive, gut ,geschminkte‘ Angebote daher, die zunächst schön und solide erscheinen, mit der Zeit aber nur noch Leere, Müdigkeit, Einsamkeit und Lustlosigkeit hinterlassen und den Lebensfunken zum Erlöschen bringen, den der Herr einst in jedem von uns entzündet hat.“

Zuvor hatte der Papst am Freitagvormittag Priester und Ordensleute getroffen. Bei der Vorbereitung auf diese Begegnung habe er mit etwas Schmerz gelesen, dass der christliche Glaube für viele Thailänder ein fremder Glaube und eine Religion der Ausländer sei, sagte Franziskus. Das zwinge die Katholiken, nach Wegen zu suchen, den Glauben „im Dialekt“ der Einheimischen zu verkünden. „Verleihen wir dem Glauben in diesem Vertrauen ein thailändisches Gesicht und eine thailändische Gestalt, was weit mehr bedeutet, als Übersetzungen anzufertigen. Es bedeutet zuzulassen, dass das Evangelium sich seiner zwar guten, aber fremdartigen Kleidung entledigt, um in der hiesigen, euch eigenen Tonalität zu erklingen und die Seele unserer Brüder und Schwestern mit der gleichen Schönheit zum Schwingen zu bringen, die unser Herz entflammt hat.“

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