Würzburg

Den Engeln eine Stimme geben

Rainer Schwindt entdeckt eine andere Welt in Form einer Reise durch die Jahrhunderte von Angeleologie und Liturgiegeschichte.
Palermo Kuppel mit Mosaiken.
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Der Pantokrator, umgeben von den Erzengeln.

Engel sind in unseren Tagen allgegenwärtig. Zumindest außerhalb von Kirche und Theologie. Deshalb kann man Rainer Schwindts Idee, eine Summe der Theologie und Kulturgeschichte des himmlischen Gottesdienstes zu schreiben, nur begrüßen. Das anspruchsvolle und umfangreiche Werk bietet auf 248 Seiten zunächst einen fundierten Überblick über die Ursprünge und die Geschichte dessen, was die Hauptaufgabe der Engel und das teleologische Ziel des menschlichen Lebens ist, das Gotteslob.

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Beginnend bei den altorientalischen Vorstellungen über Engel, die Darstellungen von Gottes himmlischem Thronrat und der Götterversammlungen der kanaanäisch-syrischen Religion zeichnet der Autor nach, wie sich die Vorstellungen von Wesen und Aufgaben der Engel im Kontext des Alten Testamentes entwickelt haben. Vergleiche mit den Mythen über himmlische Klänge und Sänger in der griechisch-römischen Götterwelt kontrastieren die monotheistisch orientierte frühjüdische Angelologie und vertiefen das Verständnis über deren Entwicklung in Auseinandersetzung mit Definition und Funktion der Geistwesen in den polytheistischen Religionen.

Engel sind Boten und Singen unaufhörlich zur Gloria Dei

Dass Engel im Christentum als Boten und den himmlischen Lobpreis singende Wesen eine wichtige Rolle spielen, ist angesichts ihrer Erwähnung bei der Verkündigung und der Geburt Christi unstrittig. Dementsprechend bedeutsam war für die frühen Christen das sich Einschwingen in den angelischen Lobgesang innerhalb ihrer Gottesdienste.

Dies betrifft sowohl den Gesang des Gloria – einer der Gründe, weshalb man an dieser Stelle nicht „Lasst uns miteinander“ anstimmen kann – als auch des Sanctus und Te deum.

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Ein eigenes Kapitel widmet sich der kosmischen Liturgie der Ostkirche. Ausführlich entfaltet Schwindt die theologische Rezeption des Konzeptes der Himmlischen Hierarchien und folgt dessen Spuren von Dionysius Areopagita über Gregor den Großen und Hildegard von Bingen bis zu Dante. Dabei berücksichtigt der Autor nicht nur die theologischen Grundlinien, sondern auch den Bereich der theologia sonans, der sich in den singenden Engeln in den geistlichen Spielen des Mittelalters und den Klangspuren in den geistlichen Kompositionen des Mittelalters entfaltet.

Der zweite, gut hundert Seiten umfassende Hauptteil des Buches ist der Wiedergabe der Perspektiven der systematischen Theologie zum Thema himmlischer Gottesdienst gewidmet.

Umfassende Darstellung

Hier findet der Leser den erhellenden Hinweis auf die Wiederentdeckung des angelischen Lobgesanges durch Erik Peterson, einen Überblick über die Angelologie Karl Barths, den Versuch Heinrich Rombachs, die Chöre der Engel als Deutungsmodell für die mannigfaltige Wirklichkeit zu verstehen, einen Rekurs auf die Rolle der Engel in Rilkes Gedichten, Welkers und Witheheads Überlegungen zu Engeln im Prozess und eine Angelologie aus Sicht der Systemtheorie.

Schwindts Ansatz, bei der wichtigsten und vornehmsten Aufgabe der Engel beginnend und deren Geschichte in Erinnerung rufend, den Bogen zu neuen theologischen Denkmodellen zu spannen, überzeugt. Er bereitet damit den Weg für die notwendige Erinnerung an den Zehnten Chor und damit an jene Berufung, die wir alle teilen.

Rainer Schwindt: Der Gesang der Engel. Theologie und Kulturgeschichte des himmlischen Gottesdienstes. Herder, Freiburg, 2019, 395 Seiten, ISBN 978-3-451-3812-0, EUR 42,–.

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