Budapest

Blitzbesuch in Budapest

Budapest bereitet sich auf eine große spirituelle Zusammenkunft vor. Ein Blick auf Ungarns katholisches Geistesleben vor dem Papstbesuch und dem Internationalen Eucharistischen Kongress.
Papst Franziskus zu Besuch in Ungarn
Foto: Alessandra Tarantino (AP) | Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban traf Papst Franziskus 2017 im Vatikan. Anlass der Begegnung war der 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

Vor dem in der ungarischen Hauptstadt vom 5. bis 12. September ausgerichteten 52. Internationalen Eucharistischen Kongress richten sich die Augen der katholischen Welt auf Ungarn. Dabei steht die von Papst Franziskus am 12. September zelebrierte Messe im Mittelpunkt der Zusammenkunft. Sie beflügelt das mediale Interesse an Ungarn und seinem katholischen Geistesleben.

Heute nicht mehr mehrheitlich katholisch

Im Jahr 1000 wurde Stephan der Heilige als erster ungarischer König christlichen Glaubens gekrönt; wenige Jahre zuvor war er getauft worden. Der mit der bayerischen Herzogstochter Gisela verheiratete Staatsgründer gilt als Nationalheiliger des ungarischen Volkes und Begründer des christlichen Ungarn. Die Verbindung der Eheleute wurde zum festen Fundament der tausendjährigen Bande zwischen Ungarn und Bayern, aber auch zwischen Ungarn und dem deutschsprachigen Raum im Allgemeinen. König Stephan I. wird auch heute noch als Wegbereiter der Verankerung des Landes im abendländischen Europa gesehen. Zu Ehren des Heiligen Stephan wurde im Jahre seines 900. Todestages, im Mai 1938, der 34. Internationale Eucharistische Kongress in Budapest durchgeführt, erstmals in einem Land Mittel- und Osteuropas und als letzter Kongress vor der kriegsbedingt langen Pause bis 1952. Damals nahmen mehr als 100.000 Menschen aus aller Welt an dieser Großveranstaltung teil.

Der wechselvollen ungarischen Geschichte ist es zuzuschreiben, dass Ungarn heute nicht als mehrheitlich katholisches Land gilt, weder in Zahlen, noch in Religiosität, Brauchtum und Sitten. Anders als im stark katholischen Polen oder Kroatien vermochte es der ungarische Katholizismus nicht, zu einer Volksreligion zu werden. Hierfür ist unter anderem die Reformation verantwortlich. Ungarn galt lange als ein Kernland der Reformation.

Im Jahr 1526 wurden die ungarischen Truppen bei der Schlacht von Mohács von den Türken vernichtend geschlagen. In der Folge wurde das Land dreigeteilt: Im Norden und Westen herrschte Habsburg, die Landesmitte bis weit nördlich des heutigen Budapest geriet unter osmanische Herrschaft, und im Osten konnte sich eine eigene ungarische Staatlichkeit, das Fürstentum Siebenbürgen, etablieren. Dort waren Reformation und calvinistischer Glaube besonders stark; sie dienten als Rückzugsort und Unterpfand der Bewahrung der ungarischen Traditionen und einer eigenen, selbstorganisierten Staatlichkeit.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren die meisten Ungarn in allen Landesteilen reformiert. Dagegen konnte die Gegenreformation unter Péter Pázmány nur langsam Fuß fassen, am wenigsten in Siebenbürgen. Die Protestanten in Ungarn haben sich indes ebenfalls geteilt: Die Reformierte Kirche und die Lutherische Kirche sind strikt getrennt. 

Mentalitätsbrüche und Spaltungen

Noch heute lassen sich viele Verhaltensmuster und Mentalitäten der Ungarn am Schisma des Landes festmachen. Die leidvolle ungarische Geschichte repetierte diese Muster bis in die Gegenwart, wenngleich das Trennende manchmal über Gebühr betont wurde. Die beiden großen Persönlichkeiten des ungarischen Vormärz im 19. Jahrhundert, István Széchenyi und Lajos Kossuth, stritten um die Frage von Nation, Souveränität und Staatlichkeit. Es war ein Aufeinandertreffen zweier Antipoden, zweier Welten und Mentalitäten. Vereinfacht ausgedrückt stand der Westen des Landes, vertreten von Széchenyi, für das katholische, monarchische, deutschsprachige, Habsburg-treue Ungarn, während der Osten des Landes um Lajos Kossuth das reformierte, rebellische, ungarischsprachige, gegen Habsburg gerichtete Ungarn versinnbildlichte. Diese Muster lassen sich mit Nuancierungen und Verästelungen noch in heutigen öffentlichen Debatten feststellen. Sie erklären zugleich, warum die Ungarn mit einer besonderen Art und Weise auf die Welt reflektieren.

Fakten zum Katholizismus in Ungarn

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Die Religionsspaltung findet auch im 21. Jahrhundert, wenngleich unter anderen Vorzeichen, ihre Fortsetzung. Nun haben wir es nicht nur mit einer Dreiteilung der maßgeblichen Glaubensgemeinschaften in römisch-katholisch, reformiert und lutherisch zu tun, sondern auch mit einer Zweiteilung zwischen Gläubigen und Atheisten. Nach den Daten der letzten großen Volkszählung aus dem Jahr 2011 sind 37 Prozent der Bewohner des Landes römisch-katholisch, 12 Prozent reformiert, zwei Prozent evangelisch und zwei Prozent griechisch-katholisch. Zu den Befunden der Volkszählung 2011 gehörte es, dass die Zahl der Gläubigen im Vergleich zu den Ergebnissen von 2001 rapide abnahm, bei allen Glaubensrichtungen in ungefähr demselben Ausmaß.

Als ärgerliche Anomalie gilt der Umstand, dass die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft als eine "sensitive Frage" galt. Demnach wurde es den Fragestellern anheimgestellt, die Befragten nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass hier keine Antwort gegeben werden müsse. Von dieser "Möglichkeit" machten dann auch 27 Prozent der Menschen Gebrauch (2001 waren es nur zehn Prozent). Zudem wurden aufgrund eines Datenfehlers im internetbasierten Selbstauskunftsverfahren eine ganze Woche lang die Antworten "katholisch" nicht gewertet, da die Eingabemaske nicht zwischen "römisch-katholisch" und "griechisch-katholisch" differenzierte. Somit könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Befragte in seinem Auskunftsrecht beschränkt werde, so die damalige Stellungnahme. Kritikern zufolge war diese Volte ein weiterer Beleg für die individualistisch geprägte ungarische Gesellschaft und den übertriebenen Geltungsdrang vermeintlicher Freiheitswerte. Die katholische Kirche protestierte - wenn auch nur leise.

Darüber hinaus gaben 18 Prozent der Ungarn an, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören. Unter den übrigen waren 68 Prozent römisch-katholisch, 21 Prozent reformiert, vier Prozent evangelisch, drei Prozent griechisch-katholisch. Da sich diese Prozentsätze im Vergleich zu 2001 kaum veränderten, liegt die Vermutung nahe, dass es unter den Antwortverweigerern eine hohe Dunkelziffer an Katholiken, Reformierten und Lutheranern geben mag   wenngleich diese Personen wohl nicht als besonders gläubig gelten dürften, sonst hätten sie die Aussage ja nicht verweigert.

Überraschendes Schweigen der Kirche

Im Vergleich zu Deutschland ist es verblüffend, dass sich die katholische Kirche Ungarns mit gesellschaftspolitischen Stellungnahmen zurückhält. Ihre Repräsentanten stehen indes nicht selten für eine Lebenswirklichkeit, die der deutschen katholischen Alltagswelt seltsam anmuten mag. In der Hoch-Zeit der Flüchtlingskrise nahmen führende Vertreter der katholischen Kirche Ungarns eine migrationskritische Haltung ein, die mit der Meinung einer großen Mehrheit der Landesbevölkerung wie auch der politischen Führung des Landes kongruierte.

In dieser Frage war somit ein Gegensatz zu den gesellschaftspolitischen Ansichten von Papst Franziskus auszumachen. Dieser wurde übrigens ob seiner Positionen von namhaften ungarischen Publizisten aus konservativen Kreisen verbal gehörig angegriffen; die Proteste der katholischen Kirche gegen diese Art der Kritik an ihrem Oberhaupt waren jedoch kaum vernehmbar und leise. Auch dieser Umstand belegt, wie sehr eine Kirche in ihrer Ganzheit in die sie umgebende Gesellschaft und deren Muster eingebettet ist.

Einer der besagten Publizisten konvertierte 2018 aus Protest gegen eine aus seiner Sicht migrationsfreundliche Predigt eines evangelischen Dorfpfarrers zum Katholizismus. Dabei erklärte er auch noch, dass er weiterhin Benedikt XVI. für das legitime Oberhaupt der katholischen Kirche halte, tadelte die Haltung von Franziskus in Migrationsfragen und schlug dessen Ausladung vom Eucharistischen Kongress vor. Auch bei diesen Seitenhieben blieb ein lautstarker Protest der kirchlichen Würdenträger in Ungarn aus.

Der Papstbesuch wirft eine Frage auf

Papst Franziskus

Während die öffentlichen Stellungnahmen zum Papstbesuch freundlich sind, wird hinter den Kulissen die kurze Aufenthaltsdauer von Franziskus in Ungarn   nur einige wenige Stunden   bedauert, insbesondere vor dem Hintergrund der unmittelbar anschließenden dreitätigen Visite in der Slowakei. Viele religiöse Ungarn fragen sich, warum der Papst sich nicht mehr Zeit für Ungarn nimmt. Den ursprünglichen Plänen zufolge war ein offizielles Zusammentreffen des Pontifex Maximus mit Staatspräsident  der und Ministerpräsident Orb n gar nicht erst vorgesehen gewesen. Dies änderte sich freilich.

Der letzte Papstbesuch in Ungarn erfolgte 1996 durch Papst Johannes Paul II., der ein großer Freund der Ungarn war. Sicherlich gehört ein päpstlicher Besuch nicht zwingend zu den Grundpfeilern eines Eucharistischen Kongresses, dennoch hätte sich ein solcher Aufenthalt nach Ansicht vieler Katholiken für die Mission von Franziskus urbar machen lassen. Anhänger des Papstes sehen hier eine verpasste Chance, Gegner eine fein dosierte politische Note.

Wie dem auch sei, Budapest bereitet sich auf eine große spirituelle Zusammenkunft vor und möchte die schönen Erinnerungen aus dem Jahr 1938 nach 83 Jahren wiederaufleben lassen. Für den ungarischen Katholizismus ist der Kongress eine gute Möglichkeit, sich deutlich und klar zu artikulieren und auf die religiöse Vielfalt des Landes hinzuweisen. Diese Vielfalt findet im Geistesleben des Landes ihre Entsprechung in der toleranten und liberalen Art der Akzeptanz anderer Glaubensgemeinschaften   allen voran des Judentums, das in Ungarn erkennbar stark und lebendig ist. 

Aber auch die nationale und kulturelle Vielseitigkeit des Landes mit seinen 13 anerkannten autochthonen Minderheiten, die im europäischen Vergleich vorbildliche Mitbestimmungsrechte genießen, zeigt sich als eine Erkennungsmarke des Landes. Dabei ist die wachsende und selbstbewusste ungarndeutsche Gemeinschaft mit einem eigenen Parlamentsabgeordneten ein symbolgeladenes und schönes Bild der guten tausendjährigen Beziehungen der christlichen Länder Deutschland und Ungarn. Auch dieses geistige Band zu stärken, kann die Aufgabe der gläubigen Katholiken beider Länder sein. 


Der Autor ist Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit, Mathias Corvinus Collegium in Budapest.

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