Aus den Internationalen Zeitschriften vom 14. November 2019

Als die Rhone in den Tiber floss; Generationenkonflikt im Klerus; Wenn die bischöfliche Mehrheit irrt; Ärzte in Gewissensnot
Aus den Internationalen Zeitschriften

Als die Rhone in den Tiber floss

Das Jahr 2019 steht für den Dominikanerorden im Zeichen des Gedenkens an den heiligen Ordensmann Vinzenz Ferrer (1350–1419). Dem Leben und Wirken des Predigers widmet die Quartalszeitschrift der Bruderschaft Saint-Vincent-Ferrier Sedes Sapientiae (148/2019) anlässlich seines 600. Todestags eine komplette Nummer. Darin geht der an der Sorbonne lehrende Rechtshistoriker Nicolas Warembourg auf den Dienst des Heiligen an der Einheit der Kirche ein. Zwischen 1378 und 1417 versuchte Vinzenz Ferrer, die innerkirchliche Aussöhnung zu fördern und die Gläubigen inmitten der Krise des abendländischen Schismas als Wanderprediger zu stärken. Insbesondere in Frankreich sorgten die verschiedenen sogenannten Obödienzen – Gehorsamsbereiche, die sich jeweils der Autorität eines Papstes unterstellten – für chaotische seelsorgliche Bedingungen. Der Artikel bietet eine komprimierte Darstellung der komplexen politischen und kirchlichen Gemengelage zwischen Päpsten und Gegenpäpsten. Zudem geht der Autor auf das Dilemma des Heiligen ein, der in Zeiten großer Verwirrung unter den Gläubigen seelsorglich für die Einheit der Kirche wirkte. Er kam dabei nicht umhin, auch sich selbst zu korrigieren. Dass er im Konflikt Partei ergriff und sich nicht mit ordensinternen Aufgaben auf eine vergleichsweise ruhige Position zurückzog, schreibt der Autor dem apostolischen Eifer Vinzenz Ferrers zu. Die Entscheidung, die Kirche auch in stürmischen Zeiten politisch mitzugestalten, trug ihm zahlreiche Enttäuschungen ein: Seine Hoffnung, als Beichtvater und Berater des Gegenpapstes Benedikt XIII. für eine Aussöhnung der verfeindeten Parteien wirken zu können, scheiterte. Ausführlich geht der Artikel auch auf das berühmte Traktat „Tractatus de moderno Ecclesiae schismate“ ein. Fazit: Klare Ansagen in der Predigt und die Fähigkeit zur Selbstkorrektur im Klerus sind unentbehrlich, um Gläubigen in Krisenzeiten Orientierung zu bieten.

Generationenkonflikt im Klerus

In den säkularisierten westlichen Ortskirchen entscheiden sich seit Jahren überwiegend wertkonservative junge Männer für den Priesterberuf. Welche Konflikte die jungen Traditionalisten und progressiv Geistliche aus der 68er Generation miteinander auszufechten haben, lässt der 1930 geborene belgische Jesuit Paul Thion in seinem Artikel „Priester im Generationenkonflikt?“ in der internationalen, in Belgien erscheinenden französischsprachigen Zeitschrift für Katechese und Pastoral Lumen Vitae (2019/3) durchblicken. Er berichtet über seine Begegnung mit einem jungen wertkonservativen französischen Geistlichen. Nehmen sich die Unterschiede zu Beginn des Gesprächs als Äußerlichkeiten aus – die Priesterkleidung des Jüngeren fällt Pater Thion sofort auf – kreist der Austausch bald um existenzielle Fragen. Der Jüngere vermutet bei der älteren Priestergeneration Standortvorteile, die für viele der heute 30-Jährigen unerreichbar sind und bleiben werden: vor allem eine religiöse Erziehung in der Familie und solides theologisches Grundlagenwissen. Wie sollen die jungen Geistlichen ihren Platz finden in einer Kirche, in der Priester scheinbar eine aussterbende Spezies darstellen? Thion widerspricht: Die Erfahrungen während der Kriegsjahre und die als defizitär empfundene vorkonziliare Priesterausbildung mit einer „nach und nach aus einem sklerotischen Thomismus herausgeholten Theologie“ wertet er nicht als Startkapital, sondern eher als Hypothek für das Wirken als Priester. Eingedenk der zermürbenden Auseinandersetzungen mit dem Gedankengut des Marxismus in den sechziger und siebziger Jahren, des Konfliktes um die Arbeiterpriester sowie der nachkonziliaren Turbulenzen verbietet sich der Ältere jeden Gedanken an die vermeintlich „solide Basis“ seiner Generation. Deren Hoffnungen seien bitter enttäuscht worden.

Der Glaube an die Unersetzlichkeit des katholischen Priestertums in der derzeitigen Gestalt ist Thion, der dem jungen Klerus keine Antworten auf die drängenden Fragen zutraut, längst abhanden gekommen. Er ist davon überzeugt, dass „das klerikale System nicht reformierbar ist“. Diese Auffassung prägt seine Zukunftsvision der Kirche. Thion hofft jenseits des bisher kirchenrechtlich und dogmatisch zulässigen Rahmens auf junge Gemeinden, „die Eigenverantwortung übernehmen“ – unabhängig davon, ob ein Priester unter ihnen ist oder nicht: „Das gilt auch für die Eucharistie, die ein männliches oder weibliches Mitglied, das jeweils bestimmt werden soll, feiert.“ Dass sich klerikale Generationenkonflikte nicht um Äußerlichkeiten drehen, sondern um den Kern geistlicher Existenz und priesterlichen Selbstverständnisses, zeigt der Artikel mit einer Klarheit, der sich der Leser kaum entziehen kann. Positiv fällt immerhin die Erinnerung an Paul VI. aus: Rückblickend bescheinigt Pater Thion dem Papst, den tiefen Graben zwischen der christlichen Botschaft und der zeitgenössischen Kultur der sogenannten entwickelten Länder klarsichtig erkannt zu haben.

Wenn die bischöfliche Mehrheit irrt

Die katholische Morallehre war zu keiner Zeit ein Selbstläufer. Auch vor der Veröffentlichung von „Humanae vitae“ stießen unbequeme päpstliche Verlautbarungen auf hartnäckigen bischöflichen Widerstand. Suzanne Krebsbach zeichnet in der Zeitschrift der Katholischen Universität von Amerika The Catholic Historical Review (Spring 2019) detailliert die Widerstände im nordamerikanischen Episkopat gegen das päpstliche Sklavenverbot nach. Ihrer Darstellung zufolge fehlte der Mehrheit der nordamerikanischen Bischöfe sowohl der gesellschaftspolitische Durchblick als auch die theologische Weite, um die prophetische Bedeutung der Bulle „Sublimis Deus“ von 1537 einzuordnen. Mit diesem Dokument hatte Papst Paul III. jede Form von Sklaverei untersagt. Nicht viel besser erging es Papst Gregor XVI.. Mit dem Apostolischen Schreiben „In supremo apostolatus“ (1839) verurteilte er unmissverständlich den Sklavenhandel. Das Schreiben wurde 1840 auf dem Regionalkonzil von Baltimore veröffentlicht, von den Bischöfen aber weitgehend ignoriert. Beide Texte fügten sich zwar nicht mühelos in die Lebenswirklichkeit der Katholiken des 19. Jahrhunderts ein, doch bewerten Kirchenhistoriker „Sublimis Deus“ heute als eine „Magna Charta des Völkerrechts“ (Hans-Jürgen Prien).

Dass die Rezeption und Umsetzung von „In supremo Apostolatus fastigio“ von den Bischöfen der Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts mehrheitlich nicht gefördert beziehungsweise aktiv unterbunden wurde, führt die Autorin auf die politische Angepasstheit der Bischöfe sowie nationale Ressentiments des überwiegend irischstämmigen nordamerikanischen Episkopats gegen Großbritannien zurück. Großbritannien hatte den Sklavenhandel bereits 1833 im gesamten Empire untersagt.

An mehreren Beispielen weist Krebsbach nach, dass es den Bischöfen jedenfalls nicht an Chuzpe fehlte, mit päpstlichen Texten umzugehen und Pseudoargumenten gegen das Lehramt an den Klerus weiterzugeben. Pars pro toto sei Bischof John England von Charleston (1786–1842) genannt. Er verteidigte die Sklavenhaltung mit der Begründung, es handele sich nicht um eine moralische Frage, sondern um eine politische. Auch könne er sich gar nicht vorstellen, dass der Papst sich gegen die Haltung von Haussklaven ausgesprochen habe. Sklaven im Haushalt arbeiten zu lassen war zu jener Zeit auch in renommierten katholischen Institutionen eine übliche Praxis. Die Autorin erwähnt die überschaubaren Versuche zur Überwindung des innerkirchlichen Rassismus nicht, etwa den Beschluss des neunten Regionalkonzils von Baltimore (1858), eine Schule für afroamerikanische Kinder zu gründen. Stattdessen zitiert sie einfache Gläubige, die sich in Rom brieflich über die Missstände in den Ortskirchen beschwerten. Korrekturen gegen den Kurs der Bischöfe forderten insbesondere Priester und Laien. Mehrere Bischöfe wurden von der „Propaganda Fide“ zwar ermahnt. Doch führte der Vatikan die amerikanischen Bischöfe an der langen Leine. Krebsbach sieht einen Grund dafür in der aktiven Sklavenmission katholischer Plantagenbesitzer. Erst der Sezessionskrieg (1861–1865) zwang die Kirche, ihr Laissez-faire aufzugeben und eindeutig Position zu beziehen. Dass Sklaverei nicht Gottes Wille war, wie mancher Südstaatenbischof seiner Herde predigte, erforderte Konsequenzen. Die Trägheit der Institution verortet Krebsbach im Episkopat: „Jeder Bischof, der die Sklaverei vor 1865 unterstützt hatte, setzte sich auch nach dem Sezessionskrieg dafür ein, Farbigen allenfalls untergeordnete Positionen zuzuweisen.“

Ärzte in Gewissensnot

Lediglich dem monatelangen politischen Stillstand in Spanien ist es zu verdanken, dass der von den Sozialisten betriebene Entwurf für das Euthanasiegesetz noch nicht verabschiedet worden ist. Doch die Mehrheit der Parlamentarier stimmte im September für die Einführung der Tötung auf Verlangen. Emilio García-Sánchez wendet sich in der von der theologischen Fakultät der Universität Navarra herausgegebenen Zeitschrift Scripta Theologica (Vol. 51/2019) gegen die Instrumentalisierung der Autonomie des Patienten zur moralischen Rechtfertigung der Euthanasie. Mit Nachdruck kritisiert er den Versuch, eine unmoralische Praxis argumentativ abzustützen, indem die vermeintliche Autonomie des Patienten gegen das Selbstbestimmungsrecht des Arztes ausgespielt wird. Die Wurzel des Problems verortet der Autor – wie der 2018 verstorbene Philosoph Robert Spaemann – im modernen Würdebegriff. Diesem zufolge fehlt der menschlichen Natur die Ausrichtung auf ein Ziel, so dass Würde faktisch mit Autonomie und Freiheit identifiziert wird. Die Achtung der Selbstbestimmung des Patienten müsse immer mit der Achtung vor dem ärztlichen Berufsethos vereinbar bleiben, unterstreicht der Autor. Aktive Sterbehilfe bedeute hingegen, dass der Arzt sich dem Willen des Patienten faktisch unterwerfe. Dies gelte umso mehr angesichts der Erfahrungen in Belgien, Holland und Oregon (USA). Einschlägigen Studien zufolge seien die Leitlinien zum Schutz der Patienten nicht eingehalten worden. „In etlichen Fällen liegt dem Scheitern die utopische Vorstellung zugrunde, man könne alle Voraussetzungen erfüllen.“ Der Ruf nach Autonomie habe in vielen Fällen nur die Macht des medizinischen Personals über die Kranken in ihrer verletzlichsten Phase verschleiert. „Ist die straffreie Euthanasie erst einmal eingeführt, wird es praktisch unmöglich, sie zu begrenzen und ausreichend zu kontrollieren“, so die Bilanz des Autors. Für den Arzt ergibt sich daraus ebenfalls ein Dilemma: Er würde vor diesem Hintergrund ein Dienstleister, der jedem noch so irrationalen Ansinnen eines Patienten nachgäbe und Wünsche erfüllte, die der ärztlichen Heilkunde direkt zuwiderlaufen. reg

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