Zukunft der Kirche

Als Weltkirche sind wir im Aufbruch

Kirchenstatistik als mögliches Antidepressivum: Wir Katholiken im deutschen Sprachraum sind zu einer Fußnote der globalen Weltkirche geworden.
Pater Karl Wallner
Foto: Missio | "Verdrängung bringt nichts. Jeder Bischof, der heute eine Diözese übernimmt, muss aufgrund der demographischen Entwicklungen davon ausgehen, dass er am Ende seines Dienstes viel weniger Gläubige hat", meint Karl Wallner.

Mit Statistik haben wir Katholiken es nicht so! Das ist gut, aber auch schlecht. Jüngst hatte ich ein Aha-Erlebnis, als ein österreichischer Bischof bei einem Vortrag von "sechs Millionen Katholiken in Österreich" sprach. Keine Unruhe unter den Zuhörern. Es fiel nicht auf. Weil man die genaue Zahl auch nicht wusste? Weil man einen Bischof nicht korrigiert? Wir sind in Österreich schon lange nicht mehr sechs Millionen; die Zahl der Katholiken lag mit Stichtag 31. Dezember 2020 bei 4,91 Millionen, jährlich schrumpfen wir um 1,5 Prozent, während die Bevölkerung zwischen 1960 und 2020 von sieben auf derzeit knapp neun Millionen gewachsen ist. Der Katholikenanteil betrug im Jahr meiner Geburt, 1963, noch 89 Prozent und ist seither auf 54 Prozent geschmolzen.

Die Schrumpfungen betreffen alle Bereiche

Noch dramatischer ist es in Wien, wo es nur mehr 550.000 Katholiken bei einer Bevölkerungszahl von 1,9 Millionen Einwohnern gibt. Stark wächst hier die Zahl der Konfessionslosen, viele davon sind aus der Kirche Ausgetretene; zudem leben in Wien 220.000 Muslime. Während die Shell-Jugendstudie 2015 für Deutschland ausweist, dass neun Prozent der jungen Katholiken beten, weist eine Studie für 2019 in Österreich nur sieben Prozent aus. Es waren 2019 österreichweit auch nur sieben Prozent, die regelmäßig in den Gottesdienst gehen. Aufgrund der Pandemie sind es nochmals signifikant weniger. Die Schrumpfungen betreffen alle Bereiche. Das einzige, was steigt, sind die Einnahmen aus dem Kirchenbeitrag beziehungsweise der Kirchensteuer: In Deutschland und der Schweiz um schwindelerregende Prozentsätze, in Österreich auf 484 Millionen Euro im Jahr 2020.

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Es ist an sich ehrenvoll, wenn ein Bischof sich in Kirchenstatistik nicht gut auskennt, und zwar nicht nur, weil unsere Zahlen traurig machen, sondern weil es theologisch und biblisch problematisch ist, auf Quantitäten zu schielen. Gott will keine Hirten, die sich nach Zahlen und Mehrheiten richten. Im Alten Testament wird mahnend erzählt, was Gott davon hält, dass König David eine Volkszählung veranlasst (2 Sam 24; 1 Chr 21). Gott bestraft ihn dafür, dass er sein Vertrauen auf eine Statistik setzt. Die Botschaft des Evangeliums ist klar: Christus will zuerst Qualität. Die "kleine Herde" (Lukas 12,32) braucht sich nicht zu fürchten, wenn sie im Gottvertrauen lebt. Quantität sagt nichts über Qualität.

Im Umgang mit Statistiken gilt aus theologisch-spiritueller Perspektive: Sie sind nur dann erlaubt, wenn sie uns (wo sie positiv sind) nicht hochmütig machen, und (wo sie negative Trends zeigen) uns nicht in Depressionsstarre verfallen lassen.

Europa ist das Krisengebiet des Glaubens

Beginnen wir mit den negativen Trends, die es nur bei uns, in den alten Kirchen gibt, vor allem in Europa, das zum Krisengebiet Nummer eins des christlichen Glaubens geworden ist. Hier sind wir oft nicht bereit, uns der Realität des Schrumpfens, ja des Kollabierens der Kirchlichkeit zu stellen. Wir haben Verdrängungsmechanismen entwickelt, was man daran sieht, mit welchem Euphemismus kirchenoffizielle Stellen die jährlichen Kirchenstatistiken kommentieren. Wir schrumpfen "nur um 1,5 Prozent" ist da zu lesen. Dass es sich um ein exponentielles Schrumpfen handelt, das sich von Jahr zu Jahr beschleunigt, kann jeder Kirchgeher am Fehlen der Jugend wahrnehmen. Die gestiegene Lebenserwartung zögert den Kollaps der Kirchen in unseren Ländern nur hinaus, kann ihn aber nicht verhindern.

Verdrängung bringt nichts. Jeder Bischof, der heute eine Diözese übernimmt, muss aufgrund der demographischen Entwicklungen davon ausgehen, dass er am Ende seines Dienstes viel weniger Gläubige hat. Solche Überlegungen rate ich allen, die einen kirchlichen Dienst antreten. Nicht, um deprimiert zu sein, sondern damit der Eifer für die Gläubigen auf dem Fundament der Realität steht. Eine solche Haltung macht alles, was gelingt und wächst, unendlich wertvoll! Gerade das Hinsehen auf die negativen Zahlen kann Freude schenken, wenn wir mit einzelnen, konkreten Menschen zu tun bekommen, die zum Glauben und zum kirchlichen Leben finden. Wenn man die triste Schrumpfung nicht verdrängt oder schönredet, sondern sie als Chance für die Mission im Konkreten, für Dankbarkeit am kleinen Gelingen, wahrnimmt, kann dies schon ein wichtiges Antidepressivum sein. Das ist auch der Grundduktus des Appells zur Mission, den uns Papst Franziskus in seinem Schreiben "Evangelii Gaudium" gegeben hat.

Das katholische Bewusstsein endet oft an der Pfarrgrenze

In den Kirchenstatistiken liegt ein noch größeres Antidepressivum: der Blick auf die Weltkirche, die sich im Aufbruch befindet. Leider endet das katholische Bewusstsein oft an der Pfarrgrenze. Ich selbst hatte bis 2016, als ich zum Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke ernannt wurde, wenig Ahnung von den dynamischen Dimensionen meiner Kirche, die eine Zahl von 1,34 Milliarden Gläubigen ausweist. Entweder sind wir Katholiken im deutschen Sprachraum so sehr in der "Selbstreferentialität" (Franziskus) gefangen, dass wir es nicht wahrhaben wollen, oder wir sind so doch noch kolonial-europäisch präpotent, dass wir uns nicht für die statistische Realität interessieren: Wir Katholiken im deutschen Sprachraum sind eine Fußnote der globalen Weltkirche geworden. In Österreich gab es 2020 rund 4,9 Millionen Katholiken, in Deutschland 22,2 Millionen, in der Schweiz 2,4 Millionen: in Summe also 29,5 Millionen Katholiken in den deutschsprachigen Ländern. Das sind nur 2,2 Prozent der gesamten Weltkirche. Ein Klacks, freilich ein reicher!

Jedes Jahr zum Weltmissions-Sonntag veröffentlicht der Vatikan eine weltkirchliche Statistik; die Zahlen vom 23.10.2021 beziehen sich auf 2019. Die Zahl der Katholiken wuchs von 2018 auf 2019 um 15,41 Millionen. Waren wir 1919 bloß 266 Millionen Katholiken weltweit, so sind wir jetzt eine Weltkirche mit 1,34 Milliarden Katholiken. Jährlich wachsen wir um 1,1 Prozent. Der Anstieg betrifft alle Kontinente   außer Europa! Am stärksten wächst die Kirche in Afrika. Hier gibt es jedes Jahr acht Millionen zusätzliche Katholiken.

Afrikas Kirche ist jung und liebt die Liturgie

Afrika öffnet sich für das Evangelium, zugleich bedrängt von Armut, neokolonialer Ausbeutung durch Xi Jinpings China und - in der Bruchzone zum subsaharischen Afrika - bedrängt von einem irrational-brutalen Islamismus. Vor 110 Jahren waren nur zwei Millionen Afrikaner katholisch. Heute sind es mehr als 222 Millionen. Die Kirche in Afrika ist also innerhalb eines Jahrhunderts um das Hundertfache gewachsen. Diese Kirche ist jung und liebt die Liturgie, das Gebet, die auch nach außen getragene Gläubigkeit. In Afrika gibt es keine Diskrepanz zwischen der "kultischen" Kirche und der "sozial engagierten" Kirche. Die Kirche unterhält in Afrika 187 Leprastationen, 669 Pflegeheime, 6 476 Krankenhäuser, 1 191 Waisenhäuser, 21 801 Kindergärten und 53 221 Schulen mit 23 Millionen Schülerinnen und Schülern.

Die Kirche boomt in einigen Ländern ganz besonders, etwa in Nigeria und Tansania. In Afrika gibt es derzeit 52.829 Priester und 71.567 Ordensfrauen, Tendenz stark steigend. Es gibt zudem 29 000 Priesterstudenten, also halb so viele wie es Priester gibt. Missio Österreich hat deshalb einen Schwerpunkt auf die Förderung von Priesterberufungen gesetzt. Hier geht es um Übernatürliches: Eine Berufung ist kein Beruf, dahinter steckt ein übernatürlicher Ruf Gottes, der zum Dienst im sakramentalen Priestertum führt. Deshalb ist es uns nicht genug, dass die Gläubigen bei einer Priesterpatenschaft für einen konkreten Studenten 600 Euro im Jahr spenden, sondern dass sie auch täglich beten. Umgekehrt betet der Priesterstudent für seinen Paten. Es gibt viele Berufungen, aber immer noch kommen auf einen Priester 5.000 Gläubige. Ist es nicht schon ein  Antidepressivum, zu wissen, dass es 414.000 geweihte Priester gibt und dass sich mehr als 130.000 junge Männer auf das Priestertum vorbereiten?

Das Übernatürliche, das Gebet, die Sakramente werden geschätzt

In den Ländern des Südens ist die Kirche im Aufbruch, weil dort das Übernatürliche, das Gebet, die Sakramente, die Anbetung und die Liebe zur Muttergottes geschätzt werden und der Glaube stark ist. Sie ist es auch durch Ämter und Dienste der Laien, die sich hier entwickelt haben, und die es bei uns nicht gibt. Die Laien sind ein Schatz und Motor des Aufbruchs; freilich ein Laientum, das nicht gegen, sondern mit den Hirten zieht und von Hirten geleitet wird, die ihre Verantwortung wahrnehmen. Es gibt drei Millionen Katechisten, die entscheidend sind für die Glaubensverkündigung, den kirchlichen Religionsunterricht und die Organisation der Pfarreien. Es sind Laien, die verkündigen und bezeugen. Missionarische Laien mit Verkündigungs-Power wie Johannes Hartl (Gebetshaus Augsburg), Georg Mayr-Melnhof (Loretto Salzburg) oder Maximilian Oettingen (Loretto Wien) sind bei uns Ausnahmen und Berühmtheiten. In Afrika ist das der Normalfall eines Laien-Katechisten.

Eine Formel bringt die Diskrepanz zwischen den alten Kirchen im Norden und den jungen Kirchen im Süden auf den Punkt: Die Kirche hier hat das Geld, die Kirche in Afrika hat den Glauben! Das ist sicher überspitzt. Sicher ist: Wir sind die größte Glaubensgemeinschaft dieses Planeten. Der Blick auf das Schrumpfen bei uns sollte uns motivieren, denn auch das kleinste Gelingen wird unendlich wertvoll; und das Wachsen im Süden wird uns nicht stolz und vermessen machen, sondern einladen, die Weltmission in ihrer Dynamik zu unterstützen. Und wir dürfen von den jungen Kirchen lernen, damit auch wir wieder dynamisch werden.


Karl Wallner ist Zisterzienserpater des Stiftes Heiligenkreuz, leitete von 1999 bis 2019 als Rektor die "Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz", wo er Dogmatik und Sakramententheologie unterrichtet. Seit 2016 ist er Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, der drittgrößten Hilfsorganisation der Kirche in Österreich.

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