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Thomas Becket: Schon zu Lebzeiten als Märtyrer verehrt

Er kämpfte gegen weltliche Machthaber und war ein Vorbild im Glauben: der heilige Thomas Becket.
Der Mord des heiligen Thomas Becket, 1879, von Albert Pierre Dawant (1852-1923).
Foto: Frederic Soreau via www.imago-im (http://www.imago-images.de/) | Der Mord des heiligen Thomas Becket, 1879, von Albert Pierre Dawant (1852-1923).

Die Anbiederung an den Zeitgeist stellt gegenwärtig eine der größten Gefahren für den katholischen Glauben dar. Nicht wenige Bischöfe im deutschen Episkopat können ein Liedchen davon singen, wie bequem es sich leben lässt, wenn man dem Kirchenvolk einfach nach dem Mund redet. Auch die gegenteiligen Erfahrungen sind in den Köpfen der Menschen fest verankert, werden sie doch medial zumeist genüsslich ausgeschlachtet: als abschreckendes Beispiel und eindringliche Warnung an mögliche Zauderer.

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Ja, wer heutzutage der katholischen Glaubens- und Sittenlehre treu bleiben möchte und dies demonstrativ nach außen propagiert, hat keinen leichten Stand, auch und gerade als Bischof. Da hatten es die Vorgänger im Amt doch bedeutend einfacher, vor allem in Zeiten, in denen das Ansehen und der gesellschaftliche Einfluss der katholischen Kirche noch nennenswert waren. Dies zumindest könnte man annehmen. Und tatsächlich dürften nicht wenige Priester und Bischöfe von einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz des Glaubens in ihrer alltäglichen Arbeit profitiert haben. Und doch verdeutlichen die Geschehnisse um den heiligen Thomas Becket, dass zu allen Zeiten der Kirchengeschichte Gefahren lauerten und Kirchenleute ihre Treue zum Evangelium nicht selten mit dem eigenen Leben bezahlten; auch deshalb, weil sie sich beharrlich weigerten, die erwartete Anbiederung an den Zeitgeist zu akzeptieren

Nicht gerade ein bescheidener Diener Christi

Dabei schien ebendieser Thomas Becket zunächst alles andere als ein bescheidener und demütiger Diener Christi zu sein. Bereits aufgrund seiner familiären Herkunft waren ihm materielle Armut und mangelnde Bildung fremd. 1118 in London als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren, besuchte der junge Thomas nicht nur englische Schulen, sondern auch solche in Paris, Bologna und Auxerre. Von früh auf wurde er damit zum gebildeten und einflussreichen Weltbürger und Diplomat herangezogen, der sich als Student sodann mit weltlichem und kirchlichem Recht beschäftigte.

So mag es nicht verwundern, dass der junge Mann nach seinem Studium tatsächlich eine vielversprechende Karriere begann. Als Sekretär des Erzbischofs von Canterbury durfte er als Abgesandter in Rom verhandeln. Erst 30 Jahre alt, kam er im Jahre 1148 auf dem Konzil von Reims mit Bernhard von Clairvaux zusammen, der als maßgeblicher Architekt dieses Konzils gilt. Es folgten Beckets Aufstieg zum Archidiakon von Canterbury (1154) und damit zum Stellvertreter des Erzbischofs sowie zum englischen Lordkanzler (1155) unter König Heinrich II. Vor allem dem engen freundschaftlichen Verhältnis zum König, dessen Kinder er höchstpersönlich erziehen durfte, war es geschuldet, dass er nach dem Tod Erzbischof Theobalds im Jahre 1161 dessen Nachfolge als Erzbischof von Canterbury antreten durfte. Dass er dabei noch nicht einmal Priester war, schien kein Hindernis darzustellen. So wurde er kurzerhand im Juni 1162 zum Priester und einen Tag später zum Bischof geweiht.

An diesem Punkt jedoch endete Beckets kometenhafter Aufstieg, zumindest in weltlichen Kategorien. Denn die Aufgabe als Erzbischof von Canterbury, traditionell zugleich Primas der Kirche von England, ging für Becket mit einem grundlegenden Wandel seiner Denkweise einher. Hatte Heinrich II. seinen Protegé mit der Absicht ins Amt gehievt, damit einen loyalen Ja-Sager an der Spitze der englischen Kirche in Stellung zu bringen, musste er sich schon kurz darauf eines Besseren belehren lassen. Der Überlieferung nach hatte Becket den König schon im Vorfeld seiner Ernennung zum Erzbischof gewarnt: „Sollte das geschehen, so würde sich die Liebe, die Ihr jetzt zu mir hegt, in bittren Hass verwandeln; denn Ihr würdet von mir manches verlangen, das ich nicht ruhig ertragen könnte.“

Wie ernst ihm der bischöfliche Dienst war, verdeutlicht die Tatsache, dass er sein Amt als Lordkanzler kurzerhand niederlegte. Auch hinsichtlich des zuvor prunkvollen Lebenswandels, der sich in Kleidung, Jagden, Turnieren, Hoffesten und so weiter niedergeschlagen hatte, folgte eine Kehrtwende. Frühes Aufstehen, regelmäßiges Gebet, einfache geistliche Kleidung traten an ihre Stelle. Und als wäre das noch nicht genug Abkehr vom bisherigen Kurs, nahm der neue Erzbischof kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Missstände anzuprangern; so beispielsweise die Plünderung von Kirchen und Klöstern durch den Adel oder manch allzu weltliches Leben bestimmter Geistlicher. Selbst der einstige Freund, Heinrich II., musste erfahren, wem Becket als Erzbischof von Canterbury größeren Gehorsam schuldete. Denn seine Bestrebungen, aus der englischen Kirche eine Nationalkirche zu machen, wurden vom Ziehsohn offen kritisiert.

Nach Kritik an der Krone floh Becket ins Exil

Eindringliche Worte legt diesbezüglich der Priester und Schriftsteller Wilhelm Hünermann in seinen groß angelegten Heiligenlegenden aus dem Jahr 1948 dem Erzbischof in den Mund. So lässt der Erzähler den Erzbischof vor seinen Mitbrüdern im Bischofsamt eine flammende Rede halten: „Ich sehe wohl, meine Brüder, dass ihr, eure Schwäche und Verzagtheit als Klugheit ausgebend, entschlossen seid, die Freiheit der Kirche ersticken zu lassen. Wie nur konntet ihr euch so weit verblenden lassen? Klugheit nennt ihr, dem völligen Untergang der Kirche zuzustimmen? […] Wenn der Sturm die Kirche erschüttert, ist es die Pflicht der Hirten, in aller Gefahr standzuhalten. Wisset, dass die Bischöfe der ersten Jahrhunderte kein größeres Verdienst um die Kirche haben, da sie deren Fundament mit ihrem Blute besiegelten, als wir selbst, wenn wir unser Leben für die Verteidigung ihrer Freiheit hingeben.“ So oder ähnlich musste Becket die Bischöfe von seinem Kurs überzeugt haben. Denn tatsächlich stellte er sich in der Folge als Primas der englischen Kirche gegen die Pläne des Königs. Dessen Wut war so groß, dass er den Erzbischof vor Gericht stellen ließ. Dieser musste das Land verlassen und im berühmten Kloster Pontigny in Burgund Unterschlupf finden.

Sechs Jahre sollte sein Exil andauern, ehe Heinrich II. ihn wieder nach Canterbury zurückkehren ließ. Vor seiner Abreise in die Heimat soll Becket einem Freund gesagt haben: „Ich gehe nach England, um zu sterben.“ Von Volk und Klerus bei seiner Rückkehr umjubelt, war doch klar, dass die politisch Einflussreichen bis hin zum König ihm nach dem Leben trachteten. Tatsächlich wurde er am 29. Dezember 1170 von vier königlichen Rittern in der Kathedrale erschlagen.

Ein König kehrt um

Damit endete zwar das ereignisreiche Leben, das Becket auf der Erde geführt hatte, nicht aber sein Einfluss auf das Volk, das ihn schon zu Lebzeiten in seinem Kampf gegen die weltlichen Machthaber als Märtyrer verehrt hatte. An seinem Grab kam es immer wieder zu Heilungswundern. Das womöglich größte Wunder bestand jedoch darin, dass Heinrich II. öffentlich Buße tat und „sich an Beckets Grab von Mönchen geißeln [ließ]“; damit verbunden war zugleich eine Abkehr von seinem Vorhaben, eine englische Nationalkirche zu errichten. Das Beispiel Thomas Beckets zeigt, dass ein Bischof stets die Möglichkeit hat, dem Evangelium Jesu Christi und der Lehre der Kirche treu zu bleiben. Er muss allerdings bereit sein, ein bequemes Leben aufzugeben, Anfeindungen auszuhalten und im schlimmsten Falle sogar den Märtyrertod zu erleiden. Vor derart drakonischen Maßnahmen dürften deutsche Bischöfe heutzutage jedoch gefeit sein.

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