Vatikanstadt

Hier findet sich ein römisches Eldorado für Historiker

Die Öffnung des Vatikanischen Geheimarchivs war der Startschuss: Das Römische Institut der Görres-Gesellschaft legt wieder einen Tätigkeitsbericht vor.
Campo Santo Teutonico
Foto: Johannes Müller / CC BY-Sa 3.0 | Der „Campo Santo Teutonico“ von der Kuppel des Petersdoms aus gesehen.

Es gibt viele Orte in der Kirche, wo Geschichtsforschung betrieben wird. Man denke nur an die historischen Institute an den Fakultäten für katholische Theologie. Aber es gibt wohl kaum ein historisches Institut deutscher Zunge, das selber eine so abwechslungsreiche und interessante Geschichte aufzuweisen hat wie das Römische Institut der Görres-Gesellschaft (RIGG) im Schatten des Petersdoms zu Rom.

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Bericht erschienen

In diesen Tagen ist beim Verlag Schnell & Steiner der Tätigkeitsbericht des RIGG für die Jahre 2011 bis 2021 erschienen und lenkte erneut die Aufmerksamkeit auf eine akademische Stätte der ganz besonderen Art. Er schließt an einen Vorgängerband an, den der ehemalige Rektor des Instituts, der 2011 verstorbene Professor Erwin Gatz, noch im Jahr vor seinem Tode für die Jahre 1975 bis 2010 herausgegeben hatte. Sein Nachfolger an der Spitze des RIGG wurde der Kirchenhistoriker und Archäologe Stefan Heid, der auch den jetzt veröffentlichten Tätigkeitsbericht vorgelegt hat.

Viele Rom-Besucher standen wohl schon vor dem Institut der Görres-Gesellschaft, ohne das überhaupt zu wissen. Gerne lassen einen die Schweizer Gardisten nach der obligatorischen Sicherheitskontrolle zwischen Glaubenskongregation und Kolonaden über die Grenze des kleinen „Staats der Vatikanstadt“, wenn man nur das Wort „Campo Santo“ sagt. Anmeldungen, Genehmigungen oder vatikanische Begleiter sind nicht nötig. Da steht man dann also nach ein paar Steinwürfen Entfernung vor einer Mauer, schlüpft durch den Eingang und betritt einen Friedhof – den „Campo Santo Teutonico“, der auf die „Schola francorum“ Karls des Großen zurückgehen soll, wo seit dem achten Jahrhundert Rompilger aus dem Norden betreut wurden.

Erzbruderschaft

Im fünfzehnten Jahrhundert entstand hier eine deutschsprachige Bruderschaft, die seit 1576 den Namen „Erzbruderschaft zur schmerzhaften Muttergottes der Deutschen und Flamen“ trägt und das, was im achten Jahrhundert begonnen hatte, in institutionalisierter Form weiterführte: die Sorge um diejenigen, die aus dem Heilige Römischen Reich Deutscher Nation kommend in Rom Pflege und Aufnahme, bisweilen auch eine letzte Ruhestätte brauchten. 1876 kam auf dem Gelände des „Campo Santo“ ein Priesterkolleg hinzu, das noch heute existiert, und 1888 schließlich ein römischer Ableger der in Bonn ansässigen Görres-Gesellschaft.

Eine besondere Art von Goldgräberstimmung war damals der Grund dafür. 1879 war der Würzburger Kirchenhistoriker Josef Hergenröther, seit deren Bestehen Ehrenpräsident der Görres-Gesellschaft, Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs geworden und öffnete es schon zwei Jahre später der Forschung. Wie Instituts-Direktor Stefan Heid in dem Sammelband „Orte der Zuflucht und personeller Netzwerke“ über die Tagung „Der Campo Santo Teutonico und der Vatikan 1933 bis 19552“ schreibt, eilten bereits 1880 „die ersten ,Görresianer?mit spitzen Bleistiften nach Rom“, zumal sie „im allgemeinen Goldrausch vatikanischer Aktenflut gegenüber nicht-katholischen Wissenschaftlern gewisse Vorzüge genossen“. 1888 wurde der Luxemburger Priester Johann Peter Kirsch mit der Eröffnung einer römischen „Station“ der Görres-Gesellschaft beauftragt, die ab 1891 durchgängig als Römisches Institut der Görres-Gesellschaft bezeichnet wurde.

Deutsche Besatzung

Wie der jetzt veröffentlichte Tätigkeitsbericht festhält, ist das RIGG mit vielen akademischen Institutionen vor allem in Deutschland und Italien vernetzt. Das hat dazu beigetragen, dass das Institut in den vergangenen elf Jahren 25 Tagungen am „Campo Santo“ veranstalten und Hunderte von Wissenschaftlern zu Konferenzen und Vorträgen einladen konnte. Zum 125-jährigen Bestehen des Römischen Instituts wurde 2013 die bereits genannte Tagung über den „Campo Santo“ und den Vatikan in den Jahren 1933 bis 1955 veranstaltet, die mit hochkarätigen Referenten tief eintauchte in eine für Rom, den kleinen Kirchenstaat und die deutsche Präsenz im Vatikan hoch dramatische Zeit.

Es waren auch die Jahre der deutschen Besatzung der Ewigen Stadt, der Judenverfolgung und der Geflohenen, die in den Institutionen des Heiligen Stuhls und auch im „Campo Santo“ Zuflucht fanden. Der Bonner Ordinarius Hubert Jedin, dessen Mutter Jüdin war, fand als einer der weltweit bekanntesten katholischen Kirchenhistoriker ebenso den Weg zum „Campo Santo“ wie etwa die aus Berlin stammende Studentin Eva-Maria Jung, die wegen antinationalsozialistischer Gesinnung denunziert worden war.

Für die Jahre 1943/44 verzeichneten die Schwestern, die im „Campo Santo“ den Haushalt führten, 65 bis 70 Hausbewohner, wobei man von „Gästen“, „Flüchtlingen“ und solchen sprach, die völlig anonym Zuflucht fanden.

Dankbares Forschungsobjekt

Doch das RIGG arbeitet selbstverständlich nicht nur die Geschichte des eigenen Standorts auf (obwohl der „Campo Santo Teutonico“ mit seiner jahrhundertelangen Tradition ein überaus dankbares Objekt für historischen Forscherfleiß ist), sondern beackert ein weites Feld. Ende Oktober lädt es etwa zu einer internationalen Tagung ein, die sich mit der Organisation, dem Zeremoniell und der Rezeption der Papstreisen im Mittelalter befassen wird. Ein bis zwei Fachtagungen im Jahr, die häufig in Zusammenarbeit mit auswärtigen akademischen Einrichtungen veranstaltet werden, decken das gesamte Gebiet der Kirchengeschichte vom Altertum bis in die Gegenwart sowie die Christliche Archäologie ab. Gemeinsam mit dem Priesterkolleg am „Campo Santo“ gibt das Institut die Fachzeitschrift „Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte“ heraus.

Bis 2021 war die Mitgliederzahl des Instituts auf 229 gestiegen, davon 171 Männer und 58 Frauen. Insgesamt hatte das RIGG von 2011 bis 2021 248 neue Mitglieder für die Görres-Gesellschaft geworben, die selber 2020 insgesamt 2 763 Mitglieder zählte. Aufs Ganze gerechnet hatte sich damit in den neun Jahren zuvor der Anteil des römischen Ablegers an der Gesamtgesellschaft der „Görresianer“ verdreifacht. So schreibt Professor Bernd Engler, Präsident der Görres-Gesellschaft, in seinem Geleitwort zu dem jetzt erschienenen Tätigkeitsbericht des römischen Instituts: Dank seiner Leistungen sei „das Römische Institut für die Görres-Gesellschaft insgesamt von höchster Bedeutung.

Es ist erfreulich, dass das Institut in den vergangenen Jahren sein wissenschaftliches Profil schärfen und vermehrt in die Öffentlichkeit hinein wirken konnte“.

In den kommenden Jahren wird der „Campo Santo Teutonico“ baulich erneuert werden. Das wird auch dem Institut, wie es im Tätigkeitsbericht heißt, „neue Anstrengungen“ abverlangen. Doch es gehe um die Zukunft: „Die Kirchengeschichte wird ein immer wichtigeres und größeres Feld der Forschung und Bildungsarbeit in einer entchristlichten Gesellschaft werden, die immer weniger über ihre eigenen kulturellen Wurzeln weiß.“


https://goerres-gesellschaft-rom.de

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