Zum Tod von George Kardinal Pell

George Kardinal Pell ist gestorben: Ein Nachruf

Mit George Kardinal Pell starb ein Fels der Kirche und ein großer Zeuge des Glaubens. Ein Nachruf.
Verstorbene George Pell
Foto: imago images | Ging keiner Diskussion aus dem Weg: der verstorbene George Kardinal Pell, hier im November 2021 bei einem Interview im italienischen Fernsehen.

Mit George Kardinal Pell starb am 10. Januar 2023 ein Fels der katholischen Kirche und ein großer Zeuge des Glaubens. Er hatte sich in einem römischen Krankenhaus einer Hüftoperation unterzogen, an deren Ende er einen Herzstillstand erlitt. Pell wurde 81 Jahre alt. Am 8. Juni 1941 in Ballarat in Australien geboren, wurde er, ein Hüne von Gestalt, gebildet, intelligent, humorvoll und ebenso weltgewandt wie traditionsbewusst, von Papst Johannes Paul II. 1987 zum Weihbischof und 1996 zum Erzbischof von Melbourne ernannt. Fünf Jahre später wurde er Erzbischof von Sydney. Im Jahr 2003 in das Kardinalskollegium aufgenommen, war er 2008 Gastgeber des Weltjugendtages mit Papst Benedikt XVI. Er war Mitglied des Päpstlichen Rates „Iustitia et Pax“ und wurde im Jahr 2013 von Papst Franziskus zum Mitglied des Kardinalsrats zur Kurienreform und zum Präfekten des neuen Wirtschaftssekretariates berufen, um die Finanzen des Vatikans zu ordnen.

„Habt keine Angst“ war sein bischöflicher Wahlspruch. Furchtlos verteidigte er die Lehre der katholischen Kirche auch in moralischen Fragen, immer bereit zur Diskussion. Furchtlos ging er an die Reform der vatikanischen Finanzen, die ihm zahlreiche Feinde in der Kurie bescherte.  Furchtlos, um nicht zu sagen barsch, konnte er einem Prälaten der Kurie, der in einem Vortrag versuchte, einen umstrittenen Begriff der Sozialenzykliken („echte politische Weltautorität“) zu verteidigen, entgegnen: „Forget it“. Furchtlos kehrte er im Juni 2017 nach Melbourne zurück, um sich gegen die Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen zwei Chorknaben zu verteidigen, die er Ende 1996 in der Sakristei der Kathedrale von Melbourne missbraucht haben soll. Am 27. Februar 2019 wurde er schuldig gesprochen und in Handschellen aus dem Gerichtssaal geführt. Furchtlos ertrug er 404 Tage der Haft, bevor das Oberste Gericht Australiens am 7. April 2020 alle vorherigen Urteile aufhob und ihn freisprach. Er war das Opfer einer aggressiven antikatholischen Stimmung, die im Bundesstaat Victoria Medien und Justiz beherrschte und mit dem Diktum Benedikts XVI. von der „Diktatur des Relativismus“ bezeichnet werden kann.

„Verlängerte Exerzitien“ im Gefängnis

In der Haft, in der ihm die Feier der heiligen Messe verboten war, schrieb Pell ein Tagebuch, das er nach seiner Entlassung in drei Bänden veröffentlichte. Es gibt Auskunft über den Gefängnisalltag und den Prozess, über die zahlreichen Briefe, die er erhält, über seine Arbeit im Wirtschaftssekretariat des Vatikans und seine Gegner in der Kurie, über das Zweite Vatikanische Konzil, die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus und nicht zuletzt über die Irrwege des Synodalen Wegs der deutschen Katholiken. Es spiegelt auch seine Sportbegeisterung. Er entspannt sich bei den Spielen der Victorian Football League, soweit sie in seinem Zellenfernseher übertragen werden. Über Australiens Niederlage gegen England im Cricket empfindet er „größere Scham“ als über seinen Gefängnisaufenthalt.

Vor allem aber ist das Tagebuch ein geistliches Dokument. Es ist ein großartiges Zeugnis seines Glaubens und seines Starkmuts. Die Aufzeichnungen beginnen jeden Tag mit Betrachtungen zur Heiligen Schrift: „Das Buch Hiob war perfekt, um mich ans Gefängnisleben zu gewöhnen.“ Sie enden mit einem Gebet. Am 12. März 2019, dem Vorabend der Verkündung des Strafmaßes, schreibt er: „Lieber Herr Jesus, gib mir die Kraft, morgen meine Fassung und meine christliche Würde zu bewahren und mich nicht vom Zorn darüber hinreißen zu lassen, wie ungerecht das alles ist. Möge Maria, deine Mutter, unsere Mutter und daher auch meine Mutter, bei mir sein, damit ich ein annehmbares Opfer zum Wohl der Kirche bringen kann.“ Die Zeit im Gefängnis betrachtet er als „verlängerte Exerzitien“. Der Glaube gibt ihm „Sinn und Richtung, und die christliche Lehre über das Leiden ist der Schlüssel“. Hier trifft sich Pell mit Joseph Ratzinger, der in seinem Buch „Eschatologie. Tod und ewiges Leben“ die Auseinandersetzung mit dem Leid als die „eigentliche Entscheidungsstätte des Menschlichen“ bezeichnet hat: Der Mensch, der sich dem Leiden nicht stellt, verweigere sich dem Leben. Erzbischof Gänswein berichtete Pell nach dessen Besuch am Katafalk Benedikts XVI. am 3. Januar 2023, dass der erste Band seines Gefängnistagebuchs das letzte Buch war, das der emeritierte Papst vor seinem Tod gelesen habe.

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Vermächtnis eines Leidenden

Pell stellte sich dem Leiden. Er ertrug es ohne Verbitterung und ohne Groll. Nach seinem Freispruch kehrte er am 20. September 2020 nach Rom zurück, ohne seine Arbeit im Wirtschaftssekretariat wiederaufzunehmen. Aber sein bischöflicher Wahlspruch „Habt keine Angst“ leitete ihn weiterhin in der Beobachtung und Kommentierung der kirchlichen Entwicklungen „urbi et orbi“. Furchtlos kritisierte er in einem Artikel, der am Tag nach seinem Tod im britischen „Spectator“ erschien, das römische Papier für die Bischofssynode über die Synodalität, die im Oktober 2023 beginnen und bis 2024 dauern soll. Dieses Papier sei ein „giftiges Trugbild“ (siehe Seite 13). Nie habe Rom ein widersprüchlicheres Papier versandt. Es widerspreche in vielen Punkten der apostolischen Tradition und der Lehre der Kirche in moralischen Fragen. Es erzeuge tiefe Verwirrung mit seinem LGBTQ-Jargon und der Verdrängung christlicher Begriffe wie Vergebung, Sünde, Opfer, Heilung und Befreiung. Die Bischofssynode sei gezwungen, die kirchliche Lehre zu moralischen Fragen, insbesondere zur Sexualität, die der Relator der Synode, der luxemburgische Kardinal Jean-Claude Hollerich, öffentlich zurückgewiesen hat, zu bekräftigen. Pell bezeichnete den von Papst Franziskus eingesetzten Relator als ungeeignet. Sein Verbleiben im Amt wäre „in normalen Zeiten“ unmöglich.

Aber was sind „normale Zeiten“? Dass wir von ihnen weit entfernt sind, zeigt ein seit dem letzten Konsistorium unter Kardinälen zirkulierendes „Memorandum für das nächste Konklave“, das ein Autor namens „Demos“ im März 2022 verfasst hat und das vom Vatikan-Insider Sandro Magister veröffentlicht wurde. Nun weiß man, dass Pell der Autor ist. Wieder der Hinweis auf Irenäus von Lyon, wie in dem Artikel im „Spectator“, wenn es um die Aufgabe des Papstes geht, die Kompetenz in der ausführlichen Erörterung der Probleme der vatikanischen Finanzen, der Ruf nach einer Reform des Jesuiten-Ordens sowie die Kritik am Synodalen Weg der deutschen Katholiken und an den Häresien von Kardinal Hollerich.  Das gegenwärtige Pontifikat wird in diesem Memorandum ein Desaster, ja eine Katastrophe genannt. Der Papst schweige zu den Häresien Hollerichs und des Synodalen Weges in Deutschland und dieses Schweigen stehe in einem auffälligen Kontrast zur aktiven Verfolgung der Traditionalisten und der kontemplativen Orden. Das Kardinalskollegium sei durch exzentrische Nominierungen geschwächt worden. Der nächste Papst müsse weder der beste Prediger der Welt noch eine politische Macht sein. Seine erste Aufgabe werde auch nicht die Sanierung der vatikanischen Finanzen sein, sondern die Wiederherstellung der Klarheit des Glaubens und der Moral und die Sicherung der Einheit der Kirche.

Das Memorandum ist Pells Vermächtnis. Die Aufgaben in Angriff zu nehmen, die darin genannt werden, erfordert Hirten, die sich an seiner Furchtlosigkeit und seiner Treue zur apostolischen Tradition orientieren. Pell wird zusammen mit Benedikt XVI. im Haus des Vaters für sie eintreten.

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