Vatikanstadt

Die stille Revolution des Papstes

Die  Kardinäle  der Welt kommen in  Rom mit Franziskus zusammen. Und konnten der Konstitution "Praedicate Evanglium"  über die Kirchenreform schon einmal  entnehmen, dass sie nicht mehr  so wichtig sind wie zu  früheren Zeiten.
Papst Franziskus
Foto: IMAGO/VATICAN MEDIA / ipa-agency.net (www.imago-images.de) | Das seit langer Zeit erwartete Konsistorium könnte durchaus für Überraschungen gut sein.

Papst Franziskus misst den Kardinälen als Figuren der universalen Kirchenleitung längst nicht die Bedeutung bei, die sie vor über tausend Jahre gewonnen und spätestens seit dem Papstwahldekret des Jahres 1059 von Papst Nikolaus II. auch sichtbar zum Ausdruck gebracht hatten. Kardinäle waren päpstliche Legaten, große Bauherren und Mäzene. Sie entstammten oft großen Adelsgeschlechtern und aus ihrem früher sehr überschaubaren Kreis gingen die neuen Päpste hervor. Kardinäle trugen eine besondere Mitverantwortung für die Gesamtleitung der Kirche.

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Keine Angelpunkte der Kirche mehr

Noch "Pastor bonus", die Konstitution, mit der Johannes Paul II. 1988 die Kurienordnung aktualisierte, ging zum einen vom Communio-Gedanken des Zweiten Vatikanums aus, zum anderen vom historischen Gewachsen-Sein der Kurie. In der programmatischen Einleitung von "Pastor bonus" schrieb der polnische Papst den Kardinälen eine entscheidende Rolle bei der Kirchenleitung zu: Seit der Jahrtausendwende habe sich der Nachfolger Petri "immer mehr der Mitarbeit der Kardinäle bedient" und schließlich ab dem 14. Jahrhundert "alle Angelegenheiten der Kirche gemeinsam mit den Kardinälen behandelt, die im Konsistorium versammelt waren". So "Pastor bonus". Auch noch im 20. Jahrhundert waren die Kardinäle so etwas wie die "cardines", die Drehpunkte" oder "Türangeln" der Kirchenführung.

Mit dieser tausendjährigen Tradition, an der auch Benedikt XVI. nach Johannes Paul II. nichts geändert hat, wollte erst Papst Franziskus brechen. In der Konstitution "Praedicate Evangelium", mit der er der Römischen Kurie am 19. März ein neues Grundgesetz gab, kommen die Kardinäle zwar noch vor. Sie werden in einem Atemzug mit Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Laien genannt, wenn es um das Personal der römischen Behörden geht aber sie spielen keine besondere Rolle mehr. In der Präambel der Konstitution geht Franziskus von der Barmherzigkeit der Fußwaschung der Apostel durch Jesus und vom barmherzigen Samariter, der Communio einer synodalen Kirche, die hört, und der missionarischen Bekehrung der Kirche aus: Auch die Kurie soll der Evangelisierung dienen von daher der Titel der Konstitution: "Predigt das Evangelium".

Die Römische Kurie soll als Band zwischen dem Papst und den Bischöfen beziehungsweise den Bischofskonferenzen dienen. Jeder Christ sei ein Missionar, also gehörten auch Laien an die Kurie und unter ihnen natürlich auch Frauen. Jeder historische Bezug der Kurie fehlt aber in der Präambel. Was in Rom zählt, ist der Papst allein. Nur logisch, dass die Kurienreform von Franziskus keine "Kongregationen" mehr kennt, die Kardinalsversammlungen waren. "Praedicate Evangelium" kennt nur noch Dikasterien, zu Deutsch Behörden. Den purpurnen Flair der vergangenen tausend Jahre hat Franziskus der Römischen Kurie ausgetrieben.

Lange erwartet

Konsequenterweise hat der Papst seit 2014 auch keine Kardinalsversammlung mehr abgehalten, also ein ordentliches Konsistorium, in dem er Fragen der Kirchenleitung mit den Kardinälen aus aller Welt bespricht. Jetzt ist es wieder so weit. Am Samstag wird Franziskus 21 Kardinalshüte verleihen, 16 Empfänger davon werden papstwahlberechtigt sein. Die Messe mit den neuen Kardinälen, samt Überreichung des Kardinalsbiretts, hätte normalerweise am Sonntag stattgefunden. Aber da ist Franziskus zum Kurzbesuch in L Aquila, wo er ein Heiliges Jahr eröffnet. Am Montag und Dienstag wird er dann mit den Kardinälen zum ordentlichen und nicht öffentlichen Konsistorium zusammenkommen, bevor er mit ihnen am frühen Dienstagabend gemeinsam die Messe feiert, bei der es dann auch den Kardinalsring für die neuen Purpurträger gibt.

Dieses Konsistorium war von vielen und nicht nur Kardinälen seit langem erwartet worden. Denn die ab Samstagabend insgesamt 83 von Franziskus ernannten Kardinäle kennen sich weitgehend nicht. Und auch unter den 38 noch von Benedikt XVI. und den elf von Johannes Paul II. ernannten Kardinälen unter achtzig Jahren sind in einem kommenden Konklave große Unbekannte. Wie soll man aber einen Papst wählen, wenn man die Kandidaten nur vom Namen kennt?

Exoten im Purpur

Außerdem ist Franziskus seiner Gewohnheit treu geblieben, Bischöfe aus den Randgebieten der Kirche zu Kardinälen zu machen und traditionsreiche Metropolitanbischofssitze, die mit der Kardinalswürde verbunden waren, zu übergehen. So auch am kommenden Samstag: Nicht der als eher konservativ geltende Erzbischof von Los Angeles, José Gómez, wird Kardinal, sondern der liberale Robert McElroy, Bischof im nicht weit entfernten San Diego. Nicht der Erzbischof in der nigerianischen Hauptstadt Abuja, Ignatius Kaigama, erhält den Purpur, sondern Bischof Peter Okpaleke von Ekwulobia.

Auch am Mailänder Erzbischof Mario Delpini geht der Kardinalshut wieder einmal knapp vorbei und landet auf dem Kopf von Bischof Oscar Cantoni im gut 30 Kilometer entfernt liegenden Como. Jüngster Kardinal wird am Samstag übrigens der 48 Jahre alte italienische Missionar Giorgio Marengo, der seit April 2020 als Apostolischer Präfekt in der mongolischen Hauptstadt Ulanbaatar für 1359 Katholiken zuständig ist. 

Für ihn gilt, was für viele von Franziskus ernannte "Exoten" im Kardinalskollegium zu sagen ist: Sie sind der großen Mehrheit der in einem kommenden Konklave sitzenden Papstwähler vollkommen unbekannt. Auch Kurienleute erhalten am Samstag den Kardinalspurpur. So der Engländer Arthur Roche, 72 Jahre alt, Präfekt des Dikasteriums für die Gottesdienste und die Sakramentenordnung, und Lazzaro You Heung-sik, 71 Jahre alt, Fokolar und Präfekt des Dikasteriums für den Klerus. Wie auch der 77-jährige Gouverneur des Staates der Vatikanstadt, der spanische Legionär Christi Fernando Vergez Alzaga. In der Überzahl sind jedoch die Bischöfe, die aus fernen Weltgegenden stammen. Zum ersten Mal erhalten neben der Mongolei Paraguay, Singapur und Ost-Timor einen Kardinal. Insgesamt wird die Zahl der Papstwähler im Kardinalskollegium am Samstag auf 132 ansteigen, dann aber wegen der Altersgrenze von 80 Jahren bis September 2023 auf die kanonisch festgelegte Zahl von 120 absinken.

Überraschungen möglich

Mit den alten und neuen nun in Rom versammelten Kardinälen will Franziskus über die Kurienreform sprechen. Zudem geht der Vatikan in diesen Tagen von der ersten Phase des auf zwei Jahre angelegten synodalen Prozesses, die vor allem in der Beantwortung des vom vatikanischen Synodensekretariat verschickten Fragebogens zur praktisch gelebten Synodalität auf nationaler Ebene bestand, in die kontinentale Phase über, auf die dann im Oktober 2023 die abschließende Bischofssynode in Rom folgen soll.

Und es ist völlig offen, ob Franziskus nicht noch ganz überraschend ein weiteres Thema für die Beratungen mit den Kardinälen aus der Tasche ziehen wird: Die Spekulationen reichen von der Änderung der Konklave-Ordnung bis hin zur definitiven Regelung von zukünftigen Papst-Rücktritten. Immerhin macht Franziskus am Sonntag einen Kurzbesuch in L Aquila, wo Coelestin V. begraben liegt, der letzte Papst vor Benedikt XVI., der im fernen Jahr 1294 freiwillig von seinem Amt zurücktrat. Aber dass er selber in Kürze zurücktreten wolle, hat Franziskus jetzt in mehreren Interviews und zuletzt auf dem Flug von Kanada zurück nach Rom weit von sich gewiesen.

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Im Vorkonklave von 2013 hatte Kardinal Jorge Mario Bergoglio vor einer selbstbezüglichen Kirche gewarnt. Die "gute" Kirche gehe aus sich heraus und verkünde das Evangelium. Die "verweltlichte" Kirche lebe in sich, von sich und für sich selbst. Vielleicht meinte er damit den bisweilen byzantinischen anmutenden Hofstaat, der sich hinter den "heiligen Mauern" um den Papst herum gebildet hatte und in manchen Kardinälen den Mittelpunkt eines klerikalen Lebens mit allen Schattenseiten fand.

Nach der Revolution

Vatileaks, völlig überdimensionierte Wohnungen, Seilschaften, Machtspiele und ein lockerer Umgang mit dem Geld waren nur einige Aspekte dieses kurialen Apparats, dem Franziskus von Anfang an die kalte Schulter zeigte, indem er den Apostolischen Palast mied und im vatikanischen Gästehaus Santa Marta eine Wohnung bezog. Wie ein Jesuitengeneral legte sich Franziskus dann als Papst einen Beraterstab zu, der aus ursprünglich neun Kardinälen bestand, die, bis auf den Staatssekretär, nicht aus der Kurie kamen. Mit "Praedicate Evangelium" hat dieser Schwebezustand der Zwischenzeit eigentlich sein Ende gefunden. Das römische Kardinalskollegium ist nicht mehr das, was es einmal war. Das Konsistorium der kommenden Tage könnte Auskunft darüber geben, wie sich Franziskus die Zeit nach seiner stillen Revolution vorstellen könnte.

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