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Papst Franziskus: „Der Mensch selbst ist Berufung“

Berufen, seiner göttlich gegebenen Natur zu folgen: Ein Berufungs-Kongress in Rom widerspricht der Gender-Ideologie.
Michelangelos  Freskoaus der  Sixtinischen Kapelle
Foto: Picasa | Das berühmte, von Michelangelo gefertigte Fresko in der Sixtinischen Kapelle imaginiert den Moment der Erschaffung Adams.

 Wie ein Paukenschlag klangen die Worte, die Papst Franziskus zum Auftakt der kürzlich in Rom stattgefundenen Konferenz „Mann-Frau-Gottesbild. Für eine Anthropologie der Berufungen“ sprach: „Es ist sehr wichtig, dass es diese […] Begegnung zwischen Männern und Frauen gibt, denn die hässlichste Gefahr ist heute die Gender-Ideologie, die die Unterschiede aufhebt.“ Die Gefahr bestehe darin, dass „diese hässliche Ideologie unserer Zeit […] die Unterschiede auslöscht und alles gleichmacht“. Er selbst habe die Forschung der Gender-Ideologie angeregt, da „Unterschiede auslöschen heißt, die Menschlichkeit auslöschen“.
Kardinal Marc Ouellet, vormaliger Präfekt des Bischofsdikasteriums und Gründer des in Frankreich ansässigen „Zentrums für die Erforschung und die Anthropologie der Berufungen“, äußerte den Wunsch, Verallgemeinerungen als Reaktion auf das Missbrauchsdrama zu vermeiden. Solche Verallgemeinerungen würden den Schatten des Verdachts auf zahlreiche positive charismengeleitete Bewegungen, Gemeinschaften und Vereinigungen werfen.

Vor diesem Hintergrund appellierte er an den Papst und seine Delegierten für einen authentischen Dialog und dankte Franziskus für die Teilnahme an den bisherigen Symposien des Zentrums. Das erste hatte sich 2022 mit dem Priestertum befasst. Das Thema der aktuellen Begegnung sei, so Kardinal Ouellet, gewählt worden, „um über die anthropologischen Fundamente des Lebens als Berufung nachzudenken, in der Hoffnung auf eine erneute Aneignung der konstitutiven Wahrheiten unserer menschlichen und in der Taufe gegründeten Identität“. Dieses Anliegen entfaltete sich in vier Vortragsgruppen, in denen sich internationale Fachleute für Philosophie, Theologie und Glaubensbildung aus den drei kirchlichen Berufungsständen – Weltchristen, Priester, Ordensleute – mit aktuellen anthropologischen Herausforderungen befassten.

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Der Heilige Vater wies in seinem Vortrag darauf hin, „dass der Mensch selbst Berufung ist“. Dies sporne dazu an, „aus der Isolierung eines selbstreferenziellen Ichs herauszukommen und uns selbst als eine Identität in Beziehung anzuschauen“. Damit wurde der breite anthropologische Horizont der Konferenz aufgezeigt: Berufung als eine Sendung, die das ganze Leben des Menschen als Mann und Frau nach dem Bild Gottes einbezieht.

Michele Schumacher, Privatdozentin für Moraltheologie in Fribourg, analysierte ausgehend von der Krise des teleologisch bestimmten Guten die Wurzeln der anthropologischen Krise. Das Fehlen des in der menschlichen Natur gründenden normativen Guten sei der Grund für jede anthropologische Krise. Folglich ergebe sich ein Gegensatz zwischen Natur und Freiheit: Entweder werde die Natur zur bloßen Materie ohne Freiheit oder die Freiheit entbehre der Natur. Denn beim Wegfall einer vorgegebenen Wirklichkeit werde die Maxime „Das Handeln folgt dem Sein“ durch den Grundsatz „Das Sein folgt dem Handeln“ ersetzt.

Menschliche Freiheit richtig verstehen 

 Konsequenterweise ließ Schumacher auf diese Kritik an der Hegemonie des Handelns gegenüber normativen anthropologischen Konstanten eine Kritik an der Gender-Theorie Judith Butlers folgen, die die Auflösung natürlicher Normen in der Performativität des Soziokulturellen vertritt. Der Ausweg aus dieser Krise bestehe, so Schumacher, in der Erfüllung der menschlichen Freiheit, die sich aus der erneuten Ausrichtung am göttlichen Guten ergebe.

In Kontext der anthropologischen Krise wurden auch die unterschiedlichen Zugänge verschiedener Wissenschaften zum Thema „Mensch“ thematisiert. Philippe Capelle, Professor am Institut Catholique de Paris, plädierte in seinem Vortrag über „unseren anthropologischen Augenblick“ im Anschluss an Paul Ricœur für eine Allianz von vier „Eckrationalitäten“: Philosophie, Theologie, Humanwissenschaft und Ästhetik. Simon Gaine OP, Dozent am Angelicum in Rom, erklärte außerdem, wie die Subsistenz einer immateriellen, unsterblichen und nach Gottes Ebenbild erschaffenen Seele den Menschen als einzigartiges Seiendes gegenüber der Tierwelt auszeichne: Der Mensch als einziger Adressat des göttlichen Rufes sollte vor allen anderen Lebewesen den Vorrang behalten.

Im Rahmen der systematischen Beiträge referierte der Mailänder Ethiker Alberto Frigerio über das „Rätsel der menschlichen Sexualität“ und sprach sich für das personalistische Modell aus, das den biologistischen und den kulturalistischen Ansatz ernst nimmt, seine Extreme jedoch meidet. So könne man im Personalismus die von den Gender Studies herkommende Betonung der kulturellen Prägung von Mann- und Frausein aufnehmen, ohne die naturgegebene Geschlechterdifferenz zu relativieren. 
Schwester Marie de l'Assomption OP verdeutlichte dagegen die bleibende Bedeutung der thomanischen Anthropologie, die der Komplexität des Menschen und seiner Berufung Rechnung trage und fähig sei, seine unveräußerliche Würde in seiner körperlich-geistlichen Verfassung zu rechtfertigen.

Die Größe der menschlichen Berufung und die Teilhabe des Menschen am trinitarischen Leben war das Thema des vormaligen Kardinalpräfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, der sich dafür auf die Anthropologie von Hans Urs von Balthasar stützte. Die biblische Fundierung des Paradoxons der „imago dei“ – Abbild von etwas zu sein, was kein Bild hat – wurde durch den Madrider Theologen Carlos Granados DCJM erläutert: Die „imago dei“ werde im Kontext der Befreiung des Menschen gegenüber der Sklaverei des Götzendienstes verständlich. Der Madrider Dogmatiker Raúl Orozco verwies in einem auf Christus, den „perfekten Menschen“, zentrierten Vortrag auf die Untrennbarkeit von Anthropologie und Christologie.

Humanwissenschaften nicht überschätzen

 Die Konferenz bot auch praxisrelevanten Beiträgen ein Forum. So trugen Christoph Betschart OCD und Mutter Maria F. Righi OCSO jeweils aus ihrer eigenen monastischen Tradition zur Anthropologie der Berufungen vor. Einen spezifischen pastoralen Akzent setzte Pater Clemens Blattert SJ mit seinem Bericht über die Arbeit mit jungen Menschen auf der Suche nach Gott in der Frankfurter „Zukunftswerkstatt“. Deren Anliegen ist es, zu Glaubenserfahrungen zu befähigen und auf diese Weise Berufungen als Motor gelingenden Lebens aufzuzeigen.

Wie eine Mahnung in Richtung mancher deutschen Debatte klangen abschließend die Worte des Philosophen Rodrigo Guerra bezüglich der „Sozialwissenschaften, die sich als Heilmittel für die Theologie präsentierten“. Stattdessen plädierte er für einen Perspektivwechsel: Es seien nicht die Human- und Sozialwissenschaften, die den Glauben und die Theologie „erlösen“, sondern es sei die Glaubenserfahrung und der theologische Diskurs, die die Ersteren retten könnten – und zwar vom Schiffbruch, den diese erleiden würden, wenn sie ideologische oder reduktionistische Ansichten beinhalteten. Dadurch nämlich würde „die notwendige Offenheit für die Möglichkeit des Heilsmysteriums“ im Keim erstickt. So zeigte sich die römische Konferenz als im wahrsten Sinne des Wortes „katholisch“: Das positive Sowohl-als-auch der verschiedenen Dimensionen des Menschen wurde in einer alle Einseitigkeiten aufbrechenden Ausrichtung auf Gott deutlich.

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