Beständiges Beten

„Ich bin die Mutter der Schönen Liebe“

Gebetsgemeinschaften haben eine besondere Spiritualität: Die katholischen Bruderschaften und die Zukunft der Kirche.
Bruderschaften erwiesen sich als Erfolgsrezept in wirren Zeiten der Kirche.
Foto: Adobe Stock | Verlässliche Konstanten: Bruderschaften erwiesen sich als Erfolgsrezept in wirren Zeiten der Kirche.

Unübersichtliche Situationen haben, ganz egal, zu welcher Zeit und an welchem Ort sie sich abspielen, eines gemeinsam: Es herrscht viel Bewegung. Als Kaiser Augustus nach den Wirren des Bürgerkrieges wieder Ruhe in sein Reich bringen wollte, griff er gewissermaßen diesen Grundimpuls auf und veranstaltete eine Volkszählung, die jeden Bürger des Reiches dazu nötigte, sich an einem bestimmten Ort in die Steuerlisten einzutragen. Der Vorteil dieses Verfahrens war, dass die Unruhe in feste Bahnen gelenkt und gewissermaßen unter der Hand zu einem Muster wurde, das dabei half, die Ordnung wieder herzustellen.

Was aus der Sicht des Kaisers ein praktisches Handlungsinstrument mit positiven Nebenwirkungen war, erwies sich für Maria und Josef als Pilgerweg in ein neues Leben. Denn während sie mit den äußeren Ohren der Botschaft des Kaisers gehorchten, lauschten sie mit den Ohren ihres Herzens einer anderen, tiefer wirkenden Botschaft, deren berührende Wahrheit ihnen in einem armen Stall aufleuchten würde, als der Gesang der Engel ihn in einen himmlischen Freudensaal verwandelte.

„Das Gnadenbild macht in seiner zarten Schönheit etwas
von dem fleischgewordenen Sehnen der Seele nach der umarmenden Liebe Gottes sichtbar“

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Die fraglose Bereitschaft Marias und Josefs, zu tun, was man ihnen zumutet, ist bemerkenswert. Sie diskutieren nicht, stellen keine Anträge auf Befreiung von der Reise wegen der fortgeschrittenen Schwangerschaft und beschweren sich bei niemandem, als in Bethlehem für sie kein Platz mehr in der Herberge ist. Stattdessen tun sie, was notwendig ist, stehen füreinander ein und versuchen, mit dem, was sie vorfinden, zurecht zu kommen. Damit sind sie als Familie, die sich schier unüberwindlich scheinenden Herausforderungen stellt, ein Vorbild für jene Institutionen, die den Menschen im Mittelalter in einer Zeit der Pandemien und mitunter brüchigen Ordnungen Trost und Halt gaben: die Bruderschaften.

Wenn gewohnte Wege nicht mehr gangbar sind, wenn kleine oder große Katastrophen über einzelne Menschen, Familien oder ganze Staaten hereinbrechen, braucht es verlässliche Beziehungsnetzwerke, die uns auffangen, kleine, lebensnahe Schutzräume, in denen wir Antworten auf unsere Fragen, ein gutes Wort und eine helfende Hand finden. Die Bruderschaften bieten genau dies und noch mehr. Denn im Gegensatz zu den Zünften, in denen sich die Handwerker organisierten, sind die Bruderschaften ein Lichtnetzwerk, dessen Strahlkraft über die irdische Wirklichkeit hinausreicht.

Ein Erfolgsrezept in wirren Zeiten

Als Gebetsgemeinschaften waren und sind sie durch eine je eigene Spiritualität geprägt. Es gab Bruderschaften, die einen bestimmten Heiligen, wie beispielsweise Antonius, Anna, Sebastian oder die Gottesmutter Maria als geistliche Weggefährten wählten.

Andere konzentrierten sich auf die Verehrung des heiligen Kreuzes oder des Altarsakraments. In der Barockzeit entstanden Bruderschaften zur Verehrung des Herzens Jesu und Rosenkranzbruderschaften, in der frühen Neuzeit rückte das Gebet für die Armen Seelen in den Fokus. Ähnlich wie in der Geschichte der Heiligenverehrung zeigen sich auch in der der Bruderschaften Trends, die man als Antworten des Heiligen Geistes auf die Fragen der Kirche hören kann. Die Bruderschaften erwiesen sich insofern als Erfolgsrezept in wirren Zeiten, als sie innerhalb der Kirche als Brennpunkte intensiven religiösen Lebens wirkten, deren Strahlkraft in kalter Zeit wärmend war und den Funken des Glaubens stetig nährte.

Manche Bruderschaften, wie die zum gegeißelten Heiland auf der Wies oder die Bruderschaft von der Mutter der Schönen Liebe in Wessobrunn, bestehen bis heute. Sie sind Schutzräume des Glaubens, in denen das Wissen um die Liebe Gottes zu den Menschen wachgehalten wird.

Der Himmel ist die Schönheit, das Negative ist hässlich

 

Die Bruderschaft von der Mutter der schönen Liebe wurde im Jahr 1711 im Benediktinerkloster Wessobrunn gegründet, elf Jahre, nachdem das von dem Benediktinermönch Innozenz Metz gemalte Gnadenbild nach Wessobrunn kam. Ihr Leitbild für das innere Leben ist die Gottesmutter, deren Unbefleckte Empfängnis ein Urbild ganz heilen Lebens und seelischer Schönheit ist. Sie im – in die irdische Wirklichkeit ausstrahlenden – inneren Leben erfahrbar zu machen, ist das Ziel der Mitglieder der Bruderschaft, die im Gebet ihre Verbundenheit mit der Gottesmutter suchen, deren Name „Mutter der schönen Liebe“ seine Wurzeln im Alten Testament im Buch Jesus Sirach (24,17-18) hat: „So spricht die Weisheit Gottes: Wie ein Weinstock trieb ich schöne Ranken, meine Blüten wurden zu prächtiger und reicher Frucht. Ich bin die Mutter der Schönen Liebe, der Gottesfurcht, der Erkenntnis und der frommen Hoffnung. In mir ist alle Lieblichkeit des Weges, der Wahrheit, in mir alle Hoffnung des Lebens und der Tugend.“ Das Gnadenbild macht in seiner zarten Schönheit etwas von dem fleischgewordenen Sehnen der Seele nach der umarmenden Liebe Gottes sichtbar, und so soll auch der Papst, dem man es mit der Bitte um Einführung einer Bruderschaft überbrachte, ausgerufen haben: „In diesem Bild liegt etwas Himmlisches, Es verdient eine Bruderschaft.“

Schönheit und Himmel sind untrennbar miteinander verbunden. Hässlichkeit, Zersplitterung, Unheiles und Verworrenes sind schlicht unvereinbar mit der Vorstellung der Heilung und der Heiligkeit, des lebendigen Lichtes, das sich mit dem Leben im Himmel verbindet. Darum fokussierte die Barockzeit die Schönheit in der Kunst und Musik, die ein Wegweiser zum Himmelreich sein wollte und gestaltete ihre Kirchen als Erfahrungsräume währenden überirdischen Lebensglücks. Und darum kann die Schönheit auch heute ein Heilmittel in einer Welt sein, die mehr denn je gespalten und zerrissen ist.

Innere Erneuerung der Kirche

Aus diesem Grund ist die Bruderschaft von der Mutter der Schönen Liebe ein Hoffnungszeichen für unsere Zeit. Ihre Mitglieder machen keinen Lärm. Sie sind keine Vorredner in wortreichen Debatten. Sie bemühen sich Tag für Tag im Gebet um die Reinigung der äußeren und inneren Sinne, orientiert an der Gottesmutter, die in ihrer reinen Schönheit zum Schutzraum des ganz heilen Lebens werden konnte.

Zahlenmäßig ist die Bruderschaft, die im 18. Jahrhundert über 600 000 Mitglieder hatte und die am 3. August in einem Festgottesdienst mit dem damaligen Augsburger Domkapitular und späteren Bischof von Eichstätt und Erzbischof von Bamberg, Karl Braun, neu belebt wurde, heute klein. Aber ihre Leuchtkraft lädt all jene ein, denen die innere Erneuerung der Kirche am Herzen liegt, die die entscheidende Voraussetzung für den erhofften Frühling der Kirche bildet, sich am heilenden und wegweisenden Gnadenbild der Mutter der Schönen Liebe zu orientieren, eine Straße zu bahnen und einen Weg zu bereiten für den Erlöser. Ja, er kommt!

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