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Eintauchen in da Vincis Letztes Abendmahl

Eine neue Ausstellung zeigt Da Vincis berühmtes Gemälde in 360-Grad.
Gemälde: " Das letzte Abendmahl", Leonardo da Vinci (1494–1498)
Foto: Wikimedia Commons | Das im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie zu bewundernde Werk (1494–1498) gehört zu den berühmtesten Wandgemälden der Kunstgeschichte.

 Rund 1.000 Besucher betrachten Leonardo Da Vincis „Letztes Abendmahl“ täglich im Kloster Santa Maria delle Grazie in Mailand. Nach einer Voranmeldung werden die Besucher in Gruppen von etwa 30 Personen zunächst in einen Akklimatisierungsraum mit etwa 20 Grad geführt. Denn Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen einigermaßen konstant gehalten werden, damit das Gemälde keine weiteren Schäden nimmt. Kurze Zeit später öffnet sich automatisch die gläserne Schiebetüre und die Besucher strömen gespannt in den ehemaligen Speisesaal des Dominikanerkonvents. An der Nordwand zieht Leonardos Abendmahl wie ein Magnet die Blicke auf sich. Doch bleiben darf man dort nur ungefähr eine Viertelstunde.
Wer das Gemälde länger und in all seinen Details auf sich wirken lassen will, kann dies vom 30. April bis zum 28. Juli in Stuttgart und zu einem späteren Zeitpunkt in Berlin tun. In einer audiovisuellen 360-Grad-Ausstellung können die Besucher in das Szenario vom letzten Abendmahl eintauchen, so wie es sich Leonardo da Vinci vorgestellt und verewigt hat. Karten können dafür online ab 18 Euro gebucht werden (https://letzteabendmahl.de/).

Auf dem 9,04 mal 4,22 Meter umfassenden Gemälde sind Jesus und seine Jünger an einem langen Tisch zu sehen. Christus sitzt in der Mitte, ruhig und gelassen; die zwölf Apostel hingegen, in vier Dreiergruppen aufgeteilt, wirken völlig aufgewühlt und diskutieren heftig miteinander, teilweise sind sie aufgestanden. Das letzte Abendmahl hatte plötzlich eine unerwartete Wende genommen, die alle Jünger in Aufregung versetzte: „Einer von euch wird mich verraten!“ (Joh 13,21) Genau diese spannungsgeladene Szene hält Leonardo in seinem Gemälde mitsamt den Reaktionen der Jünger fest. Dennoch steckt in diesem „Schnappschuss“ die Dynamik des ganzen Geschehens. Leonardo verknüpft gekonnt verschiedene Aspekte des Abendmahls: Mahl und Verrat, Erlösung und Eucharistie.

Immersion ist im Bild schon angelegt

In Stuttgart wird – wie dies bereits in Frankfurt und in Basel geschah – mithilfe modernster Technik das Bild in Originalgröße gezeigt und zugleich auf jedes noch so kleine Detail des Gemäldes gezoomt. Man kann im Hauptraum sitzen und auf allen Flächen werden Leonardos Abendmahl sowie andere Werke projiziert. Man ist buchstäblich mittendrin. Die Veranstalter nennen die digitale Ausstellung, die auch zu Leben und Werk Leonardos einführt, ein „immersives Erlebnis“.

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„Immersiv“ passt in der Tat gut zu Leonardos Intention, als er das Gemälde für das Refektorium des Dominikanerklosters im Auftrag des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza schuf. Wer das Bild betrachtet, wird von der Zentralperspektive unweigerlich zur Mitte, zu Christus geführt, in dessen Antlitz alle Fluchtlinien zusammenlaufen. Ein Detail, das aus der Ferne kaum auffiel, springt bei näherem Hinsehen ins Auge: die besondere Haltung der Hände Christi. Seine rechte Hand hat einen nehmenden, seine linke einen gebenden Gestus. Hierin drückt sich ein Zweifaches aus: Einerseits greift er nach dem Becher, um den Bissen Brot darin einzutauchen und so den Verräter zu offenbaren. Andererseits liegt in den Händen noch ein tieferer Sinn. Leonardo hat in ihnen die Worte des Abendmahlsberichtes ins Bild gesetzt, sie sozusagen in die Hände Jesu gemalt: „Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut“ (Mt 26,26–28). Auch der Mund scheint leicht offen zu sein, als spräche Jesus in diesem Augenblick.

Das Bild selbst ist immersiv

 Leonardo lässt damit aus dem Bild eine Erzählung werden, die den Betrachter mit ins Geschehen hineinnimmt, sozusagen immersiv ist. Das Bild lässt nicht nur an das historische Abendmahl Jesu denken, sondern auch daran, dass Christus auch heute in jeder Eucharistiefeier die Gaben von Brot und Wein nimmt und sie uns gewandelt als seinen Leib und sein Blut schenkt und so wirklich gegenwärtig bleibt.

Doch die Hände Christi sind nicht isoliert zu betrachten. Die in ihnen ausgedrückten Einsetzungsworte werden vielmehr durch den Kontext des gesamten Bildes erschlossen und verständlich: Ein enger Vertrauter wird zum Verräter. Der Jünger liefert seinen Meister aus. Ja mehr noch: Der Herr lässt sich offenbar verraten – Leonardo drückt dies in der ruhigen Haltung Jesu aus – und willigt sogar ein, indem er zu Judas sagt: „Was du tun willst, das tu bald!“ (Joh 13,27) So macht Leonardo mit diesem Umfeld auch das zentrale Motiv des Abendmahles deutlich: die liebende Selbsthingabe Jesu, die sowohl in seiner schenkenden Hand als auch in der leeren Schale vor ihm sichtbar wird. Diese ist leer dargestellt, weil das eigentliche Mahl bei der Ankündigung des Verrats schon beendet war, aber besonders um anzudeuten: Christus selbst ist das Paschalamm (vgl. 1 Kor 5,7), der den Jüngern nicht etwas Materielles gibt, sondern sich selbst für sie zur Speise macht: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt“ (Joh 6,51).

In der digitalen Ausstellung erfährt man auch viel über die Entstehung des Werkes (1494–97), unter anderem eine nette Anekdote, die ein Biograph Leonardos zu berichten weiß. Dem damaligen Abt sei die Arbeit nicht schnell genug vorangegangen, sodass er Leonardo zu einem baldigen Abschluss drängte. Doch Leonardo habe sich davon nicht sonderlich beeindrucken lassen und den Abt vor die Wahl gestellt: Entweder vollende er sein Werk, wie er es für richtig halte oder er male schnell den Judas mit den Gesichtszügen des Abtes – worauf der Abt dem Künstler freie Hand ließ. Leonardo war übrigens nicht der einzige Künstler, der zu solchen Mitteln griff. Auch Michelangelo hat beim Letzten Gericht in der Sixtinischen Kapelle einen ihn kritisierenden Zeremonienmeister deutlich erkennbar in die Hölle gesetzt.

Die drei Apostel Petrus, Johannes und Judas links von Jesus sind aufgrund des biblischen Berichtes, den Leonardo wortgetreu abbildet, leicht zu identifizieren. Nach der Ankündigung des Verrates fragten alle sehr bestürzt: „Bin ich es etwa, Herr?“ Petrus, der wenig später vergeblich beteuern wird, Jesus niemals zu verleugnen, war von der Verratsankündigung besonders gepackt. Er wandte sich bittend dem Lieblingsjünger Johannes zu, er solle doch dem Herrn den Namen des Verräters entlocken. Daraufhin gibt ihn Jesus kund: Judas Iskariot.

Passion ist schon präsent

Leonardo hat eindeutige Hinweise auf die Passion in den Abendmahlssaal gelegt: Judas hält einen Beutel mit den dreißig Silberstücken, die ihm der Hohepriester für die Auslieferung zahlen wird, fest in der Hand. Auf frühen Kopien ist außerdem sichtbar – leider nicht mehr im Original – dass er damit das Salz umstößt, das in der Ikonographie für Unbestechlichkeit steht. Petrus hält in seiner Rechten das Messer, mit dem er dem Diener des Hohenpriesters vor der Verhaftung Jesu das Ohr abschlagen wird. Diese Attribute dienen nicht nur zur Identifizierung der Apostel, sondern helfen zugleich das Abendmahl Jesu zu verstehen: Das Abschiedsmahl ist nicht von seinem Leiden und Sterben zu trennen. Vielmehr macht er am Gründonnerstag in den Zeichen von Brot und Wein nichts anderes, als was er am Karfreitag an sich mit Leib und Blut geschehen lässt. Wie das Brot beim Mahl, so wird sein Leib gebrochen. Wie der Wein verteilt wird, so sein Blut am Kreuz vergossen. Wie beim Abendmahl sein Kreuzesopfer vorweggenommen wird, so wird es in jeder Eucharistiefeier vergegenwärtigt. Er schenkt sich uns als der, der sein Leben gibt für seine Freunde (vgl. Joh 15,13).

Auch einige weitere Apostel sind klar zu identifizieren, andere mithilfe der Beischriften an einer Kopie in Ponte Capriasca (Lugano) zu erschließen, die ein Schüler Leonardos 1547/48 geschaffen hat. Rechts von Christus ist anhand des ausgestreckten Fingers eindeutig der Apostel Thomas auszumachen, der seinen Finger in die Wundmale des Auferstandenen legte und so vom Zweifelnden zum Zeugen wurde. Neben ihm sind Jakobus der Ältere und Philippus. Rechts davon folgt mit stark einladenden Gesten Matthäus, der die beiden älteren Apostel Thaddäus und Simon auf Christus verweist – eine Anspielung darauf, dass er sein Evangelium ursprünglich für die Judenchristen verfasste. Die Gruppe am linken Tischende umfasst von links Bartholomäus, Jakobus den Jüngeren und Andreas, der neben seinem Bruder Petrus sitzt.

Am Tisch mit Jesus

 Alle zwölf sind von Leonardo an einen langen Tisch gesetzt und versinnbildlichen so auch die Gemeinschaft der Kirche, deren Mitte über die Zeiten hinweg Christus ist. Wir heutigen Menschen können die Gemeinschaft mit ihm besonders in der Eucharistiefeier erfahren, in der wir – bildlich gesprochen – auf der freien, dem Betrachter zugewandten Seite des Abendmahlstisches Platz nehmen und ihm persönlich, mitsamt unseren Anliegen, Sorgen und Freuden des Alltags begegnen.
Wie die Jünger im Bild ihre Emotionen ausdrücken und ihre Gedanken vor Jesus artikulieren, so dürfen auch wir unser Leben (so wie es ist) zu ihm bringen, gleichsam in die (leere!) Schale legen, damit der Herr es nehmen, wandeln und uns neu geben kann. So wird das Letzte Abendmahl wirklich immersiv, aber nicht durch technische Raffinesse, sondern dadurch, dass wir persönlich eintreten in die drei österlichen Tage und in die Feier der Eucharistie, die uns hineinnimmt in sein Sterben und Auferstehen: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“
Immersiv wird das Letzte Abendmahl, wenn wir wirklich teilnehmen am Hochgebet, das seine Hingabe am Kreuz wie seine reale Gegenwart als Auferstandener erlebbar macht und uns zuwendet; „denn sooft wir die Gedächtnisfeier dieses Opfers begehen, vollzieht sich an uns das Werk der Erlösung“ (so das Gabengebet am Gründonnerstag).

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Während die Projektionen letztlich nur ein Bild ansichtig machen können, erreicht in der Eucharistiefeier Christi ganze Liebe unsere Gegenwart. Denn die Liebe, die ihn ans Kreuz geführt hat, hat er in das Zeichen des konsekrierten Brotes und Weines gesetzt. Daher heißt es am Gründonnerstag ausdrücklich, was letztlich für jede Messe gilt: „Das ist heute.“
Immersiv wird die Eucharistie, indem der Heilige Geist nicht nur Brot und Wein wandelt, sondern in der Feier uns erfüllt und wandelt, „damit wir ein Leib und ein Geist werden in Christus“. (3. Hochgebet) Immersiv im ganz buchstäblichen Sinn wird die Eucharistie durch den Empfang der Kommunion, wenn Christus mit seinem Leib (und Blut), das heißt: mit seiner ganzen Person, in uns eintritt. Wie die normale Speise unseren Körper erhält, stärkt und erfreut, so ist die Kommunion Nahrung für den Glauben und Stütze für das tägliche Leben. Außerdem reift mit jedem Kommunionempfang in uns ein neues, göttliches Leben heran, das einst nach dem Tod endgültig „durchbricht“ und uns im ewigen Osterfest Gottes leben lässt: „Wer dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,58)

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