Sakramente

Eine Formel ohne Variable

Der Konflikt um den gültigen Tauftext in den Vereinigten Staaten legt Defizite im Glaubenswissen offen.
Die Taufformel ist nicht beliebig.
Foto: (215677975) | Die Taufformel ist nicht beliebig.

Der Rücktritt von Andres Arangao, der 16 Jahre lang in Arizona als Priester tätig war, hat die Frage der korrekten Verwendung liturgischer Texte wieder neu ins Bewusstsein gebracht. Denn die Tatsache, dass der Gemeindepfarrer über viele Jahre hinweg mit der Formel „Wir taufen dich“ das erste Initiationssakrament spendete, hat für die Betroffenen weitreichende Folgen. Ihre Taufen sind nämlich nicht gültig, wie die Diözese Phoenix nach Abstimmung mit dem Vatikan feststellte.

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Lockerer Umgang

Thomas Reese, Jesuit, Publizist und ehemaliger Chefredakteur des von seinem Orden herausgegebenen Magazins „America“ hält diese Beurteilung für überzogen. „Viele Gläubige seien für einen ,etwas lockereren‘ Umgang mit den Vorgaben“, sagte er der „Washington Post“. Tatsächlich ist die Veränderung liturgischer Formeln auch in Liturgien hierzulande keine Seltenheit. Manch einer schließt den Gottesdienst mit den Worten „Gehet hin und schenkt Frieden“. Doch was subjektiv gut gemeint ist, schließt zugleich eine Verkürzung des eigentlich vorgesehenen Segens ein. Denn wer korrekt „Gehet hin in Frieden“ sagt, spricht den Frieden, den zu schenken die Christen berufen sind, auch demjenigen zu, der in diesem Augenblick noch friedlos und der Heilung bedürftig ist. Der „persönliche Touch“ ist also keineswegs immer ein Mehrwert.

Was bei einem sprachlich veränderten Segen eine Wirkungsminderung bedeutet, hat bei der Sakramentenspendung aber weitreichendere Folgen – eben, weil deren Gültigkeit so infrage gestellt wird. Aber genau über diesen Punkt wird derzeit gestritten. Denn Thomas Reese und die von ihm zitierten Gläubigen stehen für viele, denen aufgrund fehlender Glaubensbildung und -praxis der Sinn liturgischer Vorgaben nicht mehr einleuchtet.

Mangelndes Wissen

Aber mangelndes Wissen und ebensolche Einsicht sind keine Grundlage für ein fachliches Urteil, zumal, wenn dieses so weitreichende, in diesem Fall gar das ewige Heil betreffende Folgen hat. Dennoch scheint es, angesichts des bis in die bischöflichen Palais hinein zum Mainstream gewordenen Arguments „was ich nicht einsehe, kann abgeschafft werden“ an der Zeit sein zu fragen, warum die Notwendigkeit der Einhaltung der liturgischen Vorschriften zahlreichen Priestern und Gemeindemitgliedern nicht mehr einleuchtet.

Tatsächlich besteht hier eine Differenz, die leicht nachlesbar ist und deren Bewusstmachung zur Lösung des damit verbundenen Problems beitragen kann. Dabei ergibt es Sinn, zunächst einmal die kirchenrechtliche Situation in den Blick zu nehmen. Im Codex Juris Canonici findet man nämlich im Kanon 846 eine in beeindruckender Klarheit formulierte Vorgabe: „Bei der Feier der Sakramente sind die von der zuständigen Autorität gebilligten liturgischen Bücher getreu zu beachten; deshalb darf niemand eigenmächtig etwas hinzufügen, weglassen oder ändern.“

Wer tauft, handelt in Persona Christi

Diese Aussage ist eindeutig und es bedarf eigentlich keiner weiteren Frage, ob eine Taufe, bei deren Spendung eine willkürlich veränderte Formel verwendet wurde, gültig ist, oder nicht. Kanon 850 fügt noch hinzu: „Die Taufe wird nach der in den gebilligten liturgischen Büchern vorgeschriebenen Ordnung gespendet; wenn aber ein dringender Notfall besteht, muss nur das beachtet werden, was zur Gültigkeit des Sakraments erforderlich ist.“ Zu ihr gehören, wie Kanon 874 darlegt, in dem die Frage der Gültigkeit der Taufe in einer nichtkatholischen Gemeinschaft behandelt wird, die Form der Taufworte, die auch bei einer Nottaufe zu beachten ist. Sie lauten „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Wurden sie nicht verwendet oder besteht darüber ein begründeter Zweifel, muss die Taufe nachgeholt werden. Dass das Kirchenrecht einen solchen Wert darauf legt, dass die richtigen Worte verwendet werden, hängt damit zusammen, dass die Sakramente des Neuen Bundes, wie es in Canon 840 heißt, „von Christus dem Herrn eingesetzt und der Kirche anvertraut“ worden sind.

Wer tauft, egal ob Priester, Diakon oder Laie, handelt also im Auftrag und in Persona Christi. Aus dieser Verantwortung folgt ganz natürlich eine Treue zu den vorgesehenen Taufworten. Liest man die Darlegung über die biblische Grundlegung der Taufe in der Sakramententheologie von Herbert Vorgrimmler, ergibt sich ein anderes Bild. Er betont, dass die auf die Taufe bezogenen Formulierungen in Matthäus 28,10 und Markus 16,16 nicht von Jesus stammten, sondern eine spätere Entwicklungsstufe wiedergeben und stellt fest: „So ist für die Taufe keine Einsetzung oder Stiftung durch Jesus greifbar.“

Mangel an Bildung 

Wer diese theologische Lehre zur Grundlage seines priesterlichen Handelns macht, wird eher geneigt sein, dem Eigenwillen Raum zu geben und, wo der heilige Kirchenvater formuliert „Es tritt das Wort zum Element, und es wird ein Sakrament“, der persönlichen Formulierung gegenüber dem Wort des Herrn, in dessen Auftrag er handelt. Die Folge eines solchen Handelns aber ist eine Zersplitterung, deren Grenzen kaum absehbar sind. Wohin es führt, wenn aus eigenen Vorstellungen oder aus einem Mangel an Bildung heraus Taufformeln verändert werden, zeigt ein Blick in die Geschichte.

Am evangelischen Petridom in Bremen wurde beispielsweise eine Zeit lang von sich als aufgeklärt und universal denkend empfindenden lutherischen Pfarrern im Namen von Sonne, Mond und Sternen getauft. Und auch zur Zeit Karls des Großen finden wir Taufworte, die in staunenerregender Weise von dem abweichen, was Jesus Christus uns zu sagen aufgetragen hat. Denn dort wurde das christliche Initiationssakrament im Namen des Vaterlandes und der Tochter gespendet. Dies hing allerdings nicht damit zusammen, dass die Priester, die diese Worte verwendeten, besonders heimatverbunden oder genderaffin waren; sie konnten schlicht nicht genug Latein, um die richtigen Wortformen zu verwenden.

Bildungsinitiative nötig

Genau diesem Umstand aber gedachte Karl der Große abzuhelfen. Denn für ihn war die korrekt gefeierte Liturgie ein wesentlicher Motor für die Einigung seines Reiches, weshalb er neben der Bildungsinitiative auch eine Reform der Liturgie initiierte. In ihr wurden nicht nur liturgische Missbräuche abgestellt, sondern auch die Gesänge für den Gottesdienst vereinheitlicht. Für die Umsetzung holte er sich Fachleute aus ganz Europa an seinen Hof und machte ihn zu einem Zentrum der Bildung und des Gebetes. Die Lösung des heiligen Kaisers ist ebenso erhellend wie wegweisend. Wer sich nicht auskennt, braucht Nachhilfe. Die dafür notwendigen Lehrbücher liegen in Form der Heiligen Schrift, des Katechismus und des Kirchenrechts vor.

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