Exercitium: Muttertag – Nazitag?

Der Familie galt immer schon der besondere Ingrimm aller Jakobiner, Marxisten, Anarchisten, Kommunisten – also jener, die die Welt durch grundsätzlich anonyme, kollektive Regelungen verbessern und gleichmachen wollen und dafür das Regionale, Begrenzte, Vielfarbige einebnen. Warum? Die Familie ist eine dem Kollektiv gegenüber vergleichsweise immune Zone; was staatlich gewünscht ist, wird durch die Kommunikation innerhalb der Familie immer schon gebrochen ankommen, nie ganz so, wie von oben gewünscht. Die Familie stiftet ein Mikroklima, gegen das pädagogische Gesinnungsrichtlinien sich oft nur schwer durchsetzen. Die Sozialisten tragen heute meist vornehmere Namen und ihre alten, ehrlichen sind ihnen eine peinliche Erinnerung.

Man schränke die Freiheit der Eltern also ein! Deshalb zum Beispiel die Überlegungen zu einer Kita-Pflicht, die in den vergangenen Wochen vermehrt zur Debatte gestellt wurde – naturgemäß, möchte man sagen, besonders entscheiden in der liberalen „Zeit“. Wohlmeinend ist man dort nur um das Kindeswohl besorgt: „Eine zentrale Frage ist, ob es uns als Gesellschaft gelingen kann, ohne eine Kita-Pflicht allen Kinder die Chance zu geben, ihre Talente und Fähigkeiten voll zu entwickeln und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“ So der Schluss eines Artikels von Marcel Fratzscher, der das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin leitet. Das Institut gilt dem Berliner „Tagesspiegel“ als „eher gewerkschaftsnah“, jedenfalls in der Ausgabe vom 27. Juni 2017. Ein Schuft, wer Schlechtes dabei denkt.

Die Kulturrevolution darf bei solchen auf Institutionen bezogenen Veränderungen nicht stehenbleiben, sie muss immer mehr Schutzschichten abtragen. Wie das Leben auf der Erde der Ozonschicht bedarf, um nicht im ultravioletten Licht zu verbrennen, so bedarf die Sittlichkeit einer Schutzschicht. Eine ihrer wichtigsten erhaltenden Kräfte ist das biblische Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren.

Vor hundert Jahren gab es das Drama „Vatermord“ von Arnolt Bronnen. Heute ist man sachlicher, lakonischer. „Du schuldest deinen Eltern nichts“, schrieb die Bestsellerautorin Charlotte Roche vor gut einem Jahr im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Frau Roche sieht als verschärfenden Faktor, der die Jungen unter der Fuchtel der Älteren hält, die hohe Lebenserwartung „als neues Problem“ hinzukommen: „In den Zeiten der Pest konnte man schon mit zwanzig rum ein echter Erwachsener sein, weil Eltern so um die vierzig gestorben sind. Man ist nämlich erst richtig erwachsen, wenn man keine Eltern mehr hat. Wenn sie noch leben, bleibt man immer irgendwie Kind. Auch weil sie uns dazu machen.“ Den Kontakt zu ihrer Mutter hat sie abgebrochen. Muttertag: „Eh ein Nazitag“. Frau Roche ist nicht allein. „Warum wir unseren Eltern nichts schulden“ heißt ein Buch der Philosophin Barbara Bleisch, das ebenfalls 2018 erschien. Frau Bleisch, 1973 geboren, bei der ein etwas starrer Blick auffällt und ein maskenhaftes, wie angedrehtes Lächeln, macht noch andere Gründe für die notfalls radikale Distanzierung von den Eltern namhaft: „Müssen sie sich die politischen Ansichten ihrer Eltern immer weiter anhören, auch wenn sie sie abscheulich finden?“ Respekt gegenüber den Eltern empfehle sich zwar, aber eben nur in dem Maße, wie man ihn Menschen im Allgemeinen zollt, das Konkrete gilt nur als das Abstrakte. „Entelterung“ nennen es die Wienerinnen Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter, die paartherapeutisch tätig sind. Keine Revolution ohne zentralisiertere Institutionen, keine Kulturrevolution ohne Angriffe auf die Seelen.

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