Exercitium: Lebenslange Herausforderung

Es gibt Menschen, bei denen es vermessen wäre, wenn man sie „christlich“ oder gar „katholisch“ nennen würde. Von Lorenz Jäger

Es fällt schwer, ein besseres Wort zu finden für jene, denen das Christliche und das Katholische eine lebenslange Herausforderung bleibt – vielleicht in der Art, wie die Zunge ständig zu einem schmerzenden Zahn zurückkehrt. Es gibt dann den unbefangenen Glauben nicht mehr, und doch ist es da, wo er vielleicht einmal zu finden war, nicht einfach leer. Man sollte den Philosophen Hans Blumenberg (1920 bis 1996) nicht nachträglich eingemeinden, aber auch nicht als einen behandeln, dessen Lebensleistung gläubige Menschen nichts anginge.

Mit dem Studium der katholischen Theologie hatte Blumenberg begonnen, aber weil seine Mutter Jüdin war, wurde es ihm ab 1940 verwehrt. Am 3. November 1987 schrieb er in einem Brief (den das Deutsche Literaturarchiv in Marbach besitzt, er ist noch unveröffentlicht) an seinen Duz-Freund, den Kulturredakteur Alfons Neukirchen, der ihn in den fünfziger Jahren für das Feuilleton der „Düsseldorfer Nachrichten“ hatte gewinnen können, einige sehr merkwürdige Sätze, die das bequeme Bild von der nur und immer unterdrückerischen Kirche korrigieren könnten. „Was die Hölle angeht“, so schreibt er dem kirchenferneren Freund, „kann ich Deine Kindheitserfahrungen nicht nachempfinden. Obwohl Sohn eines katholischen Vaters, bin ich mit der Ewigkeit weder gelockt noch geschreckt worden. Die kleine Diasporagemeinde, in der ich aufgewachsen bin (vier Prozent der Einwohnerschaft), hat unter Hitlers Henkern die Hälfte ihrer Priester verloren. Allein das macht es mir unmöglich, die Kirche zu verlassen, die ich liebe, obwohl ich nichts von dem glaube, was sie lehrt. Meine Mutter ist jahrelang in einem Ordenskrankenhaus vor allem, selbst vor jedem bösen Wort, behütet worden. Als keine Universität mich aufnehmen wollte, gaben mir die Jesuiten in Frankfurt die Matrikelnummer ,N 002‘ (es müsste also mindestens einen weiteren Fall gegeben haben) und ließen mich das Philosophikum machen.“ Blumenberg spricht von gelebter Erfahrung, die zur Liebe wird. Eine Tradition hatte er gesehen, die einen inneren Widerstand gegen den Terror der zeitlichen Mächte überhaupt erst möglich machte. Und dieses Motiv scheint auf ein anderes im gleichen Brief zu verweisen, der in der Zeit des Pontifikats von Johannes Paul II. geschrieben wurde. Dieser Papst war der Wunschgegner aller Progressisten, in seinem klaren Antikommunismus ebenso wie in seiner Ablehnung eines Priesteramtes der Frau oder der südamerikanischen „Befreiungstheologie“. Er galt als konservativ, ja reaktionär. Auch er widersetzte sich den zeitlichen Mächten, die er sich zu Feinden machte. Und nun höre man Blumenbergs Brief an Neukirchen, der die bloß Aufgeklärten herausfordern muss: „Und noch etwas: Ich liebe diesen polnischen Papst“ – schon wieder spricht Blumenberg von der Liebe! – „weil ich Leute verachte, die behaupten, göttliche Wahrheiten zu besitzen, und die dann sich Stück für Stück abhandeln lassen, was sie beim Zeitgeisteffekt stört. Ich verstehe und bewundere, dass dieser Mann den ganzen innerkirchlichen Opportunismus nicht versteht: Wie kann etwas zwei Jahrtausende oder auch nur ein paar Jahrhunderte oder gar nur ein paar Jahre lang mit dem Anspruch auf göttliche Autorität gelehrt worden und plötzlich nicht mehr wahr sein, weil man etwa über Jungfrauen anders gesonnen ist? Ich finde das so albern, wie dieser fromme Mann es zu sagen gar nicht wagen dürfte.“ Gibt es Sätze, die noch nach dreißig Jahren frischer geblieben wären? Die Unfehlbarkeit des Papstes, ja die Existenz der Kirche setzt einen Bestand an Lehren voraus, an denen kein Iota den Zeitmächten geopfert werden darf, wenn nicht der ganze Bau morsch erscheinen soll. Wahrscheinlich „glaubte“ Hans Blumenberg nicht, aber er „liebte“, und für seine Einsichten schuldet ihm die Kirche Dank.

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