Exercitium

Die Macht der Empfindlichkeit

Der kulturelle Trend geht weg von demonstrierter Stärke hin zu zelebrierter Sensibilität. Szenen wie die Kreuzigung können da nur verstörend sein. Über die Weichzeichnung einer Gesellschaft.

Der kulturelle Trend geht weg von demonstrierter Stärke hin zu zelebrierter Sensibilität. Szenen wie die Kreuzigung können da nur verstörend sein. Über die Weichzeichnung einer Gesellschaft

Wir leben in der Ära der abgehängten Bilder und der übermalten Gedichte. Und wie schnell das ging! Kaum mehr als ein halbes Jahrzehnt dauerte in der Kulturindustrie der Wandel von der völligen Schamlosigkeit zur ganz großen Vorsicht. Man formuliert eine Empfindlichkeit, man sieht sich verletzt, und man hat den Sieg schon so gut wie in der Tasche.

Dabei hat es diese aktuelle kleine Kulturrevolution an sich, dass wirkliches, nicht zu bestreitendes Unrecht vermengt wird mit symbolischer Kommunikation; neulich konnte man im „Spiegel“ eine Zusammenstellung finden, in der neben Vergewaltigungen und Belästigungen auch bestimmte Blicke als Teil des Problems dargestellt wurden.

Mit einer gewissen Konsequenz, wie man sagen muss. Alles geht in die Richtung des „Weichen“, der „soft power“. Und so wird aus dem, was einmal Arbeits- und Klassenkämpfe waren oder Auseinandersetzungen um das Frauenwahlrecht, zwar ein ebenso hart geführter Kampf, aber der eine der beiden Gegner macht nicht mehr seine Stärke geltend, um den anderen zu bedrängen und zum Nachgeben zu zwingen. Er stellt seine Schwäche aus. Seine Empfindlichkeit, seine Verletzlichkeit. Dem Andern bleibt, will er nicht seine Zivilisiertheit aufgeben, nur das Nachgeben.

Aggressives Verhalten gab es einmal, heute gelten im angelsächsischen Universitätsleben „Mikro-Aggressionen“ als ein großes Problem. Immer häufiger geben Professoren in den Vereinigten Staaten und in England bei ihren Vorlesungen und Seminaren zu Texten, die Sensibilitäten verletzen könnten, sogenannte „Trigger-Warnungen“ aus. Studentinnen der klassischen Philologie, denen Gewalt angetan wurde, können zum Beispiel bei einem Kurs über Ovids Metamorphosen (in denen selbst die Götter jungen Frauen nachstellen und ihnen Schlimmes antun) die entsprechenden Unterrichtseinheiten vermeiden, ohne Folgen für ihre Benotung befürchten zu müssen. Der wissenschaftliche Hintergrund: Selbst distanzierte, literarische Darstellung könne das traumatische Erlebnis wieder wachrufen („triggern“). In Chinua Achebes Roman „Alles zerfällt“ wird, wie es naheliegend ist, die rassistische Gewalt der Kolonialepoche in der nigerianischen Heimat des Schriftstellers dargestellt. Dann traten amerikanische Studentengruppen mit der Forderung auf, der Diskussion des Romans eine Warnung voranzustellen, weil er, man höre und staune, rassistische Gewalt thematisiere. Ort der Handlung war das hochangesehene Oberlin-College. Andere Werke der Literatur wurden mit entsprechenden Hinweisen versehen, etwa zur Frauenfeindlichkeit. Die Kulturrevolution kommt nicht mehr von den Rabauken wie 1968, sondern von den Schneeflöckchen, die in der Reibungshitze der Wirklichkeit dahinzuschmelzen drohen.

Allerdings gilt auch hier, dass die Schneeflöckchen, wenn ihnen widersprochen wird, sich ganz schnell wieder in Rabauken verwandeln können. Erwachsene Urteilsbildung trauen sie sich schon selber nicht mehr zu. Immer müssen sie gerade vor irgendetwas geschützt werden.

In Oxford hatte es im vergangenen Jahr die theologische Fakultät erwischt. Die Universität sorgte sich um das Wohlbefinden der Studierenden.

Ihnen wurde eine Warnung mitgegeben: Im Grundkurs I – behandelt wird die Bibel von A bis Z, von der Schöpfungsgeschichte bis zur Apokalypse – sollten sie bei der Lektüre der Kreuzigungsgeschichte Vorsicht walten lassen, denn diese enthalte „drastische“ Beschreibungen („graphic descriptions“). Diese könnten quälend und erschütternd wirken („distressing“). So berichtete es der „Guardian“.

Aber auch kommende Tierärzte werden gewarnt, dass die Untersuchung toter Mäuse unangenehme Gefühle zu wecken fähig sei, und angehende Gerichtsmediziner, dass sie es mit dem Anblick von Blut zu tun bekommen könnten – alle, alle müssen geschützt werden.

Wenn die Sünden früherer Epochen aus der Brutalisierung stammten, so kommen unsere zu einem guten Teil aus der Infantilisierung.

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