Exercitium

Autorität und Familie. Eine genaue Analyse der europäischen Familienpolitik lohnt sich: Wie Engels, Freud und Horkheimer auch heute noch wirken. Von Lorenz Jäger

Unsere Hoffnungen oder Verzweiflungen kommen von weit her. Joseph Kardinal Ratzinger formulierte es einmal so: „Wir müssen uns allerdings bewusst werden, dass der Marxismus nur die radikale Durchführung eines ideologischen Konzepts war, das auch ohne ihn weitgehend die Signatur unseres Jahrhunderts bestimmt.“ Ich denke dabei an die Familienpolitik. Friedrich Engels, der Kampfgefährte von Marx, hat ihr 1847 die klassische revolutionäre Formulierung gegeben: „Gleicher Arbeitszwang für alle Mitglieder der Gesellschaft bis zur vollständigen Aufhebung des Privateigentums. Bildung industrieller Armeen, besonders für die Agrikultur.“

Das schließt die Frauen ein. Aber was geschieht mit den Kindern? Engels hatte eine Antwort: „Erziehung sämtlicher Kinder, von dem Augenblicke an, wo sie der ersten mütterlichen Pflege entbehren können, in Nationalanstalten und auf Nationalkosten. Erziehung und Fabrikation zusammen.“ Das sind, wenn man die martialische Sprache abzieht, die familienpolitischen Leitideen der Europäischen Union. So sanft hört es sich etwa für Schweden an: „Die schwedische Familienpolitik orientiert sich an einer stark institutionalisierten Betreuungskultur, um die Berufstätigkeit beider Eltern zu ermöglichen.“ Der Marxismus siegt, indem er die Tarnfarbe seiner Umgebung annimmt. „Berufstätigkeit“ klingt besser als „industrielle Armee“, „institutionalisierte Betreuungskultur“ sympathischer als „Nationalanstalten“.

Diese Evolution der Begriffe dauerte 170 Jahre. Ungefähr in der Mitte stehen in den dreißiger bis sechziger Jahren die Theorien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und seiner Matadore Max Horkheimer, Herbert Marcuse, Erich Fromm und Theodor W. Adorno. Sie mussten sich nicht mit der siegreichen Revolution beschäftigen, auf die sie gehofft hatte, sondern mit der gescheiterten, der ausgebliebenen. Die Bearbeitungsform dieses Problems nannte sich „Kritische Theorie“. Nun wurde die Psychologie zentral. Man spricht heute nicht mehr so gern von „Psychotechnik“, aber darauf lief es hinaus: Was der Marxismus an ideologischer Menschen-Steuerung nicht leisten konnte, wurde an eine im weiteren Sinne freudianische Psychoanalyse zur Weiterbearbeitung überwiesen. Die These des Instituts besagte, dass eine Revolution nicht stattgefunden habe, weil die Menschen autoritätshörig seien. Dieser Charakterzug aber werde von der bürgerlichen Familie hervorgebracht; die Ehrfurcht gegenüber dem Patriarchen – oder banaler: die Furcht vor dem Vater – übertrage sich auf staatliche und gesellschaftliche Autoritäten. Deshalb muss, wenn man die soziale Revolution denn will, die Familie mitrevolutioniert werden. Denn sie erzeuge, wie Max Horkheimer glaubte, den „Unterwerfungstrieb“.

An erster Stelle steht hier der Vater, der Patriarch; aber auch die Mutter hat, nach Auffassung der Freudo-Marxisten, Teil an der Unheilsproduktion. Sie stärkt die Autorität durch „Fesselung wichtiger seelischer Energien“. Wie geschieht das? „Die Monogamie in der bürgerlichen Männergesellschaft setzt die Entwertung des Genusses aus reiner Sinnlichkeit voraus. Es wird daher nicht nur das Geschlechtsleben der Gatten den Kindern gegenüber mit Geheimnis umgeben, sondern von aller der Mutter zugewandten Zärtlichkeit des Sohnes muss aufs Strengste jedes sinnliche Moment gebannt werden.“ Unter dem „Druck der Familienverhältnisse“ verlerne der Mensch, die Mutter „in ihrer konkreten Existenz, das heißt (…) als dieses bestimmte soziale und geschlechtliche Wesen“ zu begreifen. Destruktion der Familie ist das Ziel, die Argumente ändern sich alle paar Jahrzehnte.

Die Befreiung, die Max Horkheimer vorschwebte, ähnelt dem Drehbuch eines Horrorfilms. Die Bewusstmachung der elterlichen Sexualität ist ja nicht das Befreiende, sondern das schlechthin Peinliche.

Biblisch ist das festgehalten in der Geschichte von Ham, der die Blöße seines Vaters Noah angafft, als dieser betrunken in seinem Zelt schläft. Auf diesem schamlosen Blick lastet ein Fluch. Und der ist, wie biblische Strafen sehr oft, als ein fortdauernder Schutz – eine mentale Ozonschicht – der Persönlichkeit zu denken. Aber wer heute den üblichen Intellektuellen glaubt, dem erscheint Marx als Inkarnation der sozialen Moral und Max Horkheimer als ein brillanter kritischer Kopf.

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