DIE LETZTEN DINGE

Die Vernunft und das Leben nach dem Tod

Der Mensch kann nicht viel dazu sagen, was ihn nach dem irdischen Leben erwartet. Das aber ist überhaupt kein Grund dafür, dieser Frage aus dem Weg zu gehen.
Grablicht
Foto: imago-images.de | Was nach dem Tod kommt darf selbstverständlich Gegenstand des Nachdenkens sein.

Was lässt sich, gestützt auf die Vernunft, über das sagen, was nach dem Tod kommt? Es ist recht wenig, und darin zeigt sich die eigentliche Schwierigkeit. So ist die Grundannahme verbreitet: Was nicht mit der Vernunft zu erklären ist, gibt es auch nicht. Da ein Leben nach dem Tod nicht rational erkennbar ist, kann es dies folglich auch nicht geben.

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Fähigkeit zur Selbstüberschreitung

Der Rationalismus hat in der Moderne Einzug gehalten und versperrt nicht selten den Blick auf das Wesentliche, was dann in den Bereich des Irrationalen verdrängt wird. So wird zum Beispiel angenommen, dass Nichts alles erzeugt, dass sich Geist aus der Materie entwickelt, dass der Zufall – im Lauf von Millionen von Jahren – hoch komplexe Lebewesen hervorbringt, oder dass aus dem Chaos Ordnung hervorgeht. Hier wird die Widersprüchlichkeit eines Denkens deutlich, dem ein größerer Horizont fehlt. Denn die Vernunft ist jene geistige Fähigkeit des Menschen, die die Möglichkeit zur Transzendenz – zur Selbstüberschreitung – hat und folglich in der Lage ist, Antworten auf die Letztfragen zu geben.

Davon hat Papst Benedikt XVI. während seines Pontifikats wiederholt gesprochen. So wies er beispielsweise 2006 darauf hin, den Vernunftbegriff und -gebrauch zu verändern, um der „Vernunft ihre ganze Weite wieder [zu] eröffnen“. Nur so werden die großen Zusammenhänge im Leben und darüber hinaus erkennbar. Große Denker, die wesentlich die Geistesgeschichte mitgeprägt haben, wie Platon, Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin, um einige wenige zu erwähnen, haben eben dies in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen gestellt.

Freie Entscheidungen

Was nach dem Tod kommt, ist die wesentliche Frage des Lebens, und sie muss vernünftig beantwortet werden. Das wird nur gelingen, wenn die Vernunft wieder zu jener Weite findet, die die großen Zusammenhänge des Menschseins erschließt. Dies bedeutet keinen Verzicht auf Spezialisierung, darf aber auch nicht zu einer Selbstbeschränkung der Vernunft führen, so dass sie vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr erkennt. Vielmehr braucht es einen geweiteten Horizont, der über die (positivistische) Vernunft hinausreicht, ohne unvernünftig zu werden. Auf diese Weise finden auch Vernunft und Glaube zueinander, sie werden zu zwei Flügeln, „mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“. Das Verlangen danach ist dem Menschen ins Herz geschrieben.

Das Gesagte zeigt sich beispielsweise im Hinblick auf jene Dinge, die wesentlich zum Menschsein gehören, aber doch nicht „nur“ vernünftig sind, was nicht heißt, dass sie unvernünftig sind oder sein sollten. Dies wird deutlich im Hinblick auf Liebe, die Würde des Menschen, freie Entscheidungen, Mitleid, Nächstenliebe, Hoffnung und so weiter.

Nichts zu verlieren

Ohne diese Eigenschaften würde der Mensch um das Wesentliche beraubt, das Leben wäre leer und schließlich sinnlos. Daher – so folgerte der französische Gelehrte Blaise Pascal – ist es vernünftiger an Gott zu glauben; er schlug eine Wette vor und sagte:
Der Mensch, der an Gott glaubt, ist für den Fall, dass Gott tatsächlich existiert, besser dran, er wird mit dem Himmel, das heißt der ewigen Seligkeit belohnt. Sollte Gott nicht existieren, verliert man nichts, gewinnt auch nichts. Glaubt man nicht an Gott und er existiert auch nicht, gewinnt man nichts und verliert auch nichts. Wenn man aber nicht an Gott glaubt und er existiert trotzdem, in diesem Fall verliert man alles, man geht ewig verloren (Hölle). Daher sei es besser, bedingungslos an Gott zu glauben.

Dies wird aber nur möglich, wenn die Vernunft erneut zu jener Weite findet, die übervernünftig ist und so Antwort auf das Wesentliche gibt.

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