Würzburg

Credo: War die Kirche gegen die Wissenschaften?

Ein verbreitetes Vorurteil besagt, die Kirche habe den wissenschaftlichen Fortschritt behindert, und erst durch die Aufklärung seien Vernunft und Wissenschaft befreit worden. Vor allem das Mittelalter wird gemeinhin als "dunkles Zeitalter" denunziert, in dem es statt Wissen nur Aberglauben gegeben habe. Aber nichts ist falscher als das!

Das Christentum war von Anbeginn an auf Glaube und Vernunft gebaut; es hatte sich gerade dadurch von dem verbreiteten Aberglauben und den zahllosen irrationalen Kulten des spätrömischen Reiches abgesetzt. Der Kirchenvater Tertullian insistierte schon im 2. Jahrhundert, die Vernunft sei eine „Gabe Gottes“, und Gottes Schöpfung könne mit Hilfe des Verstandes begriffen werden. Die frühen Christen hatten stets eine besondere Nähe zur klassischen Philosophie, woraus sich die Vorliebe christlicher Theologen für Naturphilosophie entwickelte, Vorläuferin aller Naturwissenschaft. Als im Zuge der Völkerwanderung seit dem 5. Jahrhundert Teile Europas unter einem zivilisatorischen Einbruch und Verlust städtischer Kultur und Bildung zu leiden hatten, war die Kirche die einzige Kraft, die Kultur und Wissen am Leben erhielt.

Lesen Sie auch:

Es waren Geistliche, die das vorhandene Wissen bewahrten und auch weiterentwickelten. Sie setzten sich unter anderem auch mit den Atomtheorien der Antike auseinander – von Augustinus bis Isidor von Sevilla, in dessen enzyklopädischem Werk „Ethymologiae“ aus dem 7. Jahrhundert auf höchstem Niveau die Atomtheorien vor allem des Epikur erörtert wurden. Auch im Mittelalter wusste man selbstverständlich, dass die Erde eine Kugel ist – der vom Kreuz gekrönte „Reichsapfel“ der Kaiser symbolisierte ja nicht die Herrschaft Christi über die Frucht des Apfelbaumes, sondern über die darin symbolisierte Erdkugel.

Das Mittelalter legte die Grundlagen unserer Wissenschaft

Autoren wie Wilhelm von Ockham (circa 1295–1349) wussten im Übrigen schon – die Irrtümer antiker Philosophen überwindend –, dass sich die Himmelskörper im luftleeren Raum bewegen. Die Grundlagen unserer Wissenschaft wurden im Hochmittelalter gelegt – nicht in der Renaissance oder gar der Aufklärungszeit. Das Prinzip wissenschaftlicher Beweisführung, der Verifizierung oder Falsifizierung von Theorien findet sich in reifer Form bei Albertus Magnus (1200–1280), einem Universalgelehrten (und zeitweise Bischof von Regensburg). In England waren es Robert Grosseteste (circa 1168–1253) und Roger Bacon (circa 1214–1294), beide ebenfalls Geistliche, die gleicherweise das wissenschaftliche Arbeiten schon in heutigem Sinne kannten.

Im europäischen Hochmittelalter wurde das Wissen und Können der klassischen Antike nicht nur bewahrt und genutzt, sondern erstmals deutlich übertroffen – auch in angewandter Wissenschaft und Technologie, vom Ackerbau über die Schifffahrt bis zur Astronomie und Biologie. Es waren Scholastiker, die in Medizin und Forensik zuerst das Sezieren menschlicher Leichname unternahmen, was weder Griechen noch Römer, weder Chinesen noch Muslime für zulässig gehalten hatten, die Kirche des Mittelalter hingegen schon. Es geschah auch nicht bei Nacht und Nebel und unter Angst entdeckt zu werden, sondern in regelrechten Hörsälen. Schon Anfang des 14. Jh. gab es ein Standard-Handbuch der Obduktion, geschrieben von Mondino de Luzzi (1270–1326).

Die Kirche vor Förderin und Beschützerin der Wissenschaft 

Auch die Universität als solche ist eine Frucht des lateinischen Mittelalters. In keiner anderen Kultur konnte das Konzept der freien Gemeinschaft aller Lehrer und Forscher entstehen – denn das ist der Sinn der Universität. Über Jahrhunderte war es gerade die Katholische Kirche, die als Förderer, Beschützer und Mäzen der Universität und der Wissenschaft insgesamt auftrat.

Die Einzelfälle, in denen „Kirche gegen Wissenschaft“ zu stehen schien, sind seltene Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Sie eignen sich zwar zur Konstruktion von säkularistischen Geschichtsmythen; doch diese lösen sich in Luft auf, wenn man sie selbst mit den Methoden der Wissenschaft betrachtet.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Schon oft sah man nur noch mit Verzweiflung auf die Kirche oder glaubte ihr nahes Ende. Aber ihre Geschichte geht weiter.
08.02.2022, 07  Uhr
Sebastian Moll
„Gibt es von Gott ein Wissen?“ Dazu hielt Arbogast Schmitt, Graezist und Philosoph, einen Vortrag in Heiligenkreuz. Der nachfolgende Artikel ist eine Kurzfassung.
04.07.2022, 15  Uhr
Arbogast Schmitt
Themen & Autoren
Martin Eberts Albertus Magnus Antike Philosophen Das Römische Reich Epikur Jesus Christus Kirchenväter Scholastiker

Kirche

Auch für die Ukraine kann man das Undenkbare denken. Die Liturgie und der Papst, der Umbau der Gesellschaft und eine Philosophie des Weines finden sich in der neuen Ausgabe der Tagespost.
06.07.2022, 17 Uhr
Redaktion
Eine Franziskanerinnenkongregation aus Kamerun ist bereit, ins Berliner Kloster St. Gabriel einzuziehen. Dadurch würde die Umwidmung der Anlage für säkulare Zwecke verhindert.
06.07.2022, 14 Uhr
Vorabmeldung
Der heilige Anselm von Canterbury (1033–1109 wollte die Vernünftigkeit des Glaubens der Kirche erweisen. 
06.07.2022, 07 Uhr
Marius Menke
Der vom Synodalem Weg geplante Synodale Rat stößt auf dezidierte Kritik. Laut Kardinal Kasper zerstört ein solches Gremium die Struktur, „die Christus für seine Kirche gewollt hat“.  
05.07.2022, 10 Uhr
Dorothea Schmidt