Sexueller Missbrauch

O-Ton Ratzinger ist das nicht

Das Missbrauchsgutachten der Münchner Kanzlei führt Papst Benedikt vor, enthält aber keine Beweise. Anlass für eine Medienhetze wurde dann ein Versehen, das den Helfern des Emeritus unterlaufen ist.
Papst Benedikt
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Jene Leitmedien und Stimmen, die sich schon immer an Benedikt XVI. und seiner Theologie gerieben haben, halten am widerlegten Lügen-Vorwurf fest.

Es gibt Dinge, die sind schnell erzählt – bergen aber einen winzig kleinen Samen, aus dem später ein Super-Gau werden kann. Zuerst die Fakten: Am 15. Januar 1980, also vor 42 Jahren, kommen Verantwortliche des Erzbistums München und Freising zu ihrer Ordinariatssitzung zusammen. Der Erzbischof, Kardinal Joseph Ratzinger, ist anwesend, der langjährige Generalvikar Gerhard Gruber nicht. Gruber nahm seit der Zeit unter Ratzingers Vorgänger Kardinal Julius Döpfner eine einflussreiche Position ein: Döpfner war Vorsitzender der Bischofskonferenz gewesen, hatte am Konzil teilgenommen und mit seinem unermüdlichen Arbeitseifer die Würzburger Synode geleitet. 1961 war er als Bischof von Berlin an die Spitze der Erzdiözese München gewechselt – und hatte dort im Laufe der Jahre eine Ordinariatsverwaltung installiert, die über lange Strecken auch ohne den Erzbischof funktionieren konnte.

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Als Joseph Ratzinger im Mai 1977 als Nachfolger Döpfners die Amtsgeschäfte übernahm, fand er einen Apparat vor, in dem der von 1968 bis 1990 amtierende Generalvikar Gerhard Gruber die Drehscheibe war. Bis 1980 sollte der Gelehrte und Theologieprofessor Joseph Ratzinger an dieser Konstellation nicht viel ändern. Erst die Glaubenskongregation, die der spätere Papst ab März 1982 leitete, hat Ratzinger dann auch als Behörde nach seinem Dafürhalten gestaltet und umgebaut.

Bei der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 lag eine Personalie auf dem Tisch. Ein Priester aus dem Bistum Essen sollte wegen einer psychotherapeutischen Behandlung in München untergebracht werden. In dem vor einer Woche vorgestellten Gutachten der Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) ist die Beschlussvorlage nachzulesen: „Das Bistum Essen bittet für einige Zeit um Wohnung und Unterkunft für Herrn H. (Abk. d. Red.) bei einem Pfarrer in einer Münchner Pfarrei. Er wird sich in psychisch-therapeutische Behandlung begeben.“ Die Ordinariatssitzung gibt ihr Einverständnis. In den seit einer Woche bekannten Unterlagen zu der Personalie findet sich auch eine ausführlichere Aktennotiz des Personalreferenten der Diözese: „Das Bistum Essen bittet um die vorübergehende Aufnahme eines jüngeren Kaplans, der sich in ärztliche psychotherapeutische Behandlung nach München begeben soll. Der Kaplan ist sehr begabt und kann vielseitig eingesetzt werden. Die Aufnahme soll in einem guten Pfarrhof bei einem verständnisvollen Kollegen erfolgen. Das schriftliche Gesuch aus Essen liegt vor.“

Beweise finden sich im gesamten Gutachten nicht

Der Personalreferent schlägt als denkbaren „Einsatzplatz“ die Pfarrei St. Johannes Ev. in München vor. Zur Verwendung des Geistlichen in der Seelsorge fällt kein Beschluss. Aber vor allem die Vorgeschichte des Priesters H. war auf der Ordinariatssitzung kein Thema. Der emeritierte Papst kann damit heute zu Recht erklären, er habe von ihr „keine Kenntnis“ gehabt. Als später in München sexuelle Verfehlungen von H. ans Licht kamen, war Ratzinger schon in Rom.

42 Jahre später: Die Kanzlei WSW hat von der Erzdiözese München den Auftrag erhalten, Missbrauchsfälle in der Erzdiözese von 1949 bis 2019 zu untersuchen. Ergebnis: 235 mutmaßliche Täter, darunter 173 Priester. Die Zahl der Opfer beläuft sich auf 497, vermutlich aber seien es mehr. 67 Priester hätte man wegen der „hohen Verdachtsdichte“ kirchenrechtlich sanktionieren müssen. In 43 Fällen sei das jedoch unterblieben. 40 von ihnen seien weiter in der Seelsorge eingesetzt worden, darunter auch 18 strafrechtlich verurteilte Priester.

Vorwurf der Lüge gegen den Emeritus

Doch die Medien konzentrieren sich fast ausschließlich auf einen Fall: Kardinal Ratzinger und die Übernahme des Priesters H. nach München. Passend dazu haben die Anwälte den Fall des Priesters H. zu einem Sondergutachten gemacht und eigens binden lassen, so als gelte es, vor allem über Kardinal Ratzinger Gericht zu sitzen. Beweise, die irgendeine Schuld  des Kardinals belegen könnten, finden sich in dem gesamten anwaltlichen Gutachten nicht. Aber ein Versehen in der Stellungnahme des Emeritus – er schreibt, er habe bei der Ordinariatssitzung gefehlt – bietet den willkommenen Anlass für einen rein medialen Prozess: Bei der Vorstellung des Gutachtens hält einer der Anwälte triumphierend das Protokoll der besagten Sitzung in die Luft: Ratzinger hat – entgegen seiner Stellungnahme – doch an ihr teilgenommen.

Sofort beißt sich die öffentliche Berichterstattung am Emeritus fest: Ratzinger habe gelogen. Am vergangenen Montag dann kommt eine Erklärung des emeritierten Papstes, die sein Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein verbreitet: Die Darstellung im Rahmen der Anhörung durch die Anwälte, dass er an der Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980 nicht teilgenommen habe, sei tatsächlich „objektiv falsch“. Der Emeritus „möchte betonen, dass dies nicht aus böser Absicht heraus geschehen ist, sondern Folge eines Versehens bei der redaktionellen Bearbeitung seiner Stellungnahme war“. Dieser Fehler tue ihm sehr leid und er bitte, diesen Fehler zu entschuldigen. „Objektiv richtig bleibt aber, dokumentiert durch die Aktenlage, die Aussage, dass in dieser Sitzung über einen seelsorgerlichen Einsatz  des betreffenden Priesters nicht entschieden wurde.“

Unterstellungen in den Leitmedien

So weit die Dinge, die relativ schnell erzählt werden können. Doch jetzt wird die Sache komplizierter: Mit einer fast verbitterten Wut möchten viele Leitmedien nicht zur Kenntnis nehmen, dass dem emeritierten Papst einfach ein Versehen unterlaufen ist. Nein: Von Falschaussage ist die Rede. Er habe Unwahres behauptet und gibt das auch noch zu.
Der Lügen-Vorwurf bleibt im Raume stehen. Zumindest für viele Leitmedien und auch die Stimmen von katholischer Seite, die sich schon immer an Benedikt XVI. und seiner Theologie gerieben haben. Für die er ein Hindernis ist, die Kirche völlig umzubauen oder ganz abzuräumen.

Aber auch für die Anhänger und Freunde Benedikts tun sich Fragen auf. Zunächst vermittelt die 82 Seiten umfassende Stellungnahme Ratzingers zu dem Gutachten den Eindruck, sie stamme aus der Feder des Emeritus. Was man aber dann im Verlauf der Lektüre liest, ist einfach nicht Ratzinger. Die Stellungnahme kommt sehr formal daher, juristisch, defensiv und immer wieder mit dem Verweis darauf, von Vorgängen keine Kenntnis gehabt oder an Sitzungen nicht teilgenommen zu haben.

Die Frage nach einem exhibitionistischen Priester, der sich vor kleinen Mädchen erregte, wird mit dem Verweis auf das damalige Kirchenrecht beantwortet, für das solche Fälle nicht strafbar gewesen seien, da es „keine Berührungen von Geschlechtsorganen“ gegeben habe. Das ist nicht die Art von Papst Benedikt, der Missbrauchsopfer getroffen, in Rom eine Null-Toleranz-Politik zum Missbrauch eröffnet und bewegende Worte zu diesem Thema gefunden hat.

Eine weitere Stellungnahme soll genauer erklären

Inzwischen haben Recherchen ergeben, was der Grund hierfür war. Relativ spät, laut Anschreiben des Emeritus an die Kanzlei Mitte November, hat das kleine Team um Benedikt „digitale Akteneinsicht“ erhalten, um den Fragenkatalog der Kanzlei überhaupt faktenorientiert bearbeiten zu können. Tausende von Seiten, die erst einmal am Bildschirm gelesen werden mussten, bevor man die entsprechenden Antworten formulieren konnte – die dann am 14. Dezember per Post an die Kanzlei abgegangen sind. Also: Anwälte mussten her, die dem Emeritus diese Arbeit abnahmen.

Und Anwälte sprechen nun einmal die Sprache, wie sie jetzt in der Stellungnahme von Joseph Ratzinger nachzulesen ist. Der emeritierte Papst hat diese Stellungnahme dann mit seinem Namen unterschrieben. O-Ton Ratzinger ist der Inhalt aber nicht. Eine weitere Stellungnahme aus dem Klösterchen, so die von Erzbischof Gänswein verbreitete Erklärung vom vergangenen Montag, soll diesen Umstand genauer erklären.

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