München/Vatikanstadt

Das Geheimnis des Bösen

Die Missbrauchskrise stellt die Gretchenfrage. Folgt die Kirche den Kriterien des säkularisierten Denkens oder vertraut sie der Antwort, die ihr schon gegeben ist: ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi zu führen?
Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Foto: Cristian Gennari/Siciliani | Der emeritierte Papst Benedikt XVI. küsst das Kreuz bei der Karfreitagsliturgie am 6. April 2012 im Petersdom in Rom.

Man kann schon lange nicht mehr sagen, dass die sexuellen Verbrechen und Fälle des offensichtlichen Fehlverhaltens gegenüber Schutzbefohlenen durch geweihte Repräsentanten der Kirche ein Randthema des katholischen Lebens sind. Oder eine willkommene Spießrute, mit der säkulare Meinungsführer die ihnen unliebsamen Verkünder einer absoluten Wahrheit in Gott durch die Gazetten treiben und als unglaubwürdig entblößen wollen.

Sogar im Vatikan fand im Februar 2019 ein Spitzentreffen mit Bischöfen und Verantwortlichen aus aller Welt zum Thema Kinderschutz statt, bei dem Papst Franziskus den Missbrauch in der Kirche in der ihm eigenen Art mit den drastischsten Worten beschrieb: "Die Unmenschlichkeit dieses Phänomens (des Kindesmissbrauchs) auf weltweiter Ebene wird in der Kirche noch schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität und ihrer ethischen Glaubwürdigkeit steht. Die gottgeweihte Person, die von Gott auserwählt wurde, um die Seelen zum Heil zu führen, lässt sich von ihrer menschlichen Schwäche oder ihrer Krankheit versklaven und wird so zu einem Werkzeug Satans. In den Missbräuchen sehen wir die Hand des Bösen, das nicht einmal die Unschuld der Kinder verschont. Es gibt keine ausreichenden Erklärungen für diese Missbräuche gegenüber Kindern." 

Bei den Schwächsten und Wehrlosesten versündigt

Und man möchte den Papst ergänzen: Es gibt keine Erklärung, warum ein Kleriker, der sein Leben Gott hingegeben hat, regelmäßig die Eucharistie feiert, die Sorge um die Seelen zu seinem Lebensinhalt gemacht hat und durch seinen ganzen pastoralen Dienst auch äußerlich und im Alltag immer wieder auf das Heil der Seelen gestoßen wird, sich dann genau an diesem Heil auch noch bei den Schwächsten und Wehrlosesten versündigt.

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"Demütig und beherzt müssen wir anerkennen", sagte Franziskus damals im Februar 2019 weiter, "dass wir vor dem Geheimnis des Bösen stehen, das gegen die Schwächsten erbost ist, weil sie Bild Jesu sind. Deshalb ist in der Kirche das Pflichtbewusstsein gewachsen, nicht nur danach zu streben, den höchst schwerwiegenden Missbräuchen durch Disziplinarmaßnahmen und zivile und kanonische Prozesse Einhalt zu gebieten, sondern sich auch dem Phänomen mit Entschlossenheit sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche zu stellen. Sie fühlt sich gerufen, dieses Übel zu bekämpfen, das das Herzstück ihrer Mission berührt: das Evangelium den Kleinen zu verkünden und sie vor den reißenden Wölfen zu schützen."

Kindesmissbrauch verlangt wirkliche Neuausrichtung

Bereits vorher hatte ein Papst in einem dramatischen Appell deutlich gemacht, dass der Kindesmissbrauch nicht eine von vielen Fragen ist, denen sich die Kirche heute stellen muss, sondern - unabhängig davon, ob Kirchengegner daraus eine Keule machen, um auf die "Catholica" einzuschlagen - eine wirkliche Neuausrichtung verlangt, die an die Wurzel geht. Auf dem Höhepunkt der Missbrauchskrise 2010 schrieb Benedikt XVI. am 19. März an die Katholiken in Irland: "Das Programm der Erneuerung, das das Zweite Vatikanische Konzil vorgeschlagen hat, wurde zuweilen falsch gelesen; in der Tat war es angesichts des tiefen sich vollziehenden sozialen Wandels wirklich nicht einfach zu wissen, wie es umzusetzen war. Es gab insbesondere die wohlmeinende, aber fehlgeleitete Tendenz, Strafverfahren für kanonisch irreguläre Umstände zu vermeiden. In diesem Gesamtkontext müssen wir das erschütternde Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern zu verstehen versuchen, das nicht wenig zur Schwächung des Glaubens und dem Verlust des Respekts vor der Kirche und ihren Lehren beigetragen hat."

Dem Papst ging es darum, nach einer klaren Diagnose der Gründe der Krise auch zu reagieren: "Zu den beitragenden Faktoren", so Benedikt weiter, "sind sicherlich zu zählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminaren und Noviziaten; eine gesellschaftliche Tendenz, den Klerus und andere Autoritäten zu begünstigen; sowie eine unangebrachte Sorge um den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat. Es muss dringend gehandelt werden, um diese Faktoren anzugehen, die zu so tragischen Konsequenzen im Leben der Opfer und ihrer Familien geführt und das Licht des Evangeliums dermaßen verdunkelt haben, wie es nicht einmal in Jahrhunderten der Verfolgung geschehen ist."

Papst Benedikt spielte hier auf die blutige Verfolgung der irischen Katholiken im 16. Jahrhundert nach der Lossagung der Kirche Englands vom Apostolischen Stuhl in Rom an. Damals hätten die Katholiken Irlands auch in schwieriger Zeit ihren Glauben bewahrt. Doch an der Missbrauchskrise - gerade die jüngere Entwicklung der einst katholisch geprägten Gesellschaft in Irland zeigt es - sind viele Gläubige irre geworden. 

Der "Feind" kam von innen

Der "Feind" kam diesmal nicht von außen, sondern von innen, in der Gestalt von Klerikern und Kirchenoberen, die missbrauchten und vertuschten - übrigens auch nach dem "schwarzen" Missbrauchsjahr 2010 - und den ätzenden Zweifel aufkeimen ließen, ob man sich mit dieser katholischen Kirche, in der Kinder und Jugendliche nicht mehr sicher sind, gemein machen darf. Viele kehrten sich ab und gingen. Sie waren enttäuscht, weil auch von Gott Berufene von einem Eifer für die Seelen - vor allem der Kleinsten - nichts mehr erkennen ließen. Die Gegner der Kirche, die dann (kirchenpolitischen) Missbrauch mit dem Missbrauch trieben, lassen wir hier einmal außen vor. Es geht um die Gläubigen, für die die Kirche früher einmal "ein Haus voll Glorie" war.

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Beide, Franziskus und Benedikt, reden nicht von Strukturreformen, die etwa im Organigramm der Kirche die Gewichte von den Klerikern zu den Laien oder von Männern zu Frauen verschieben. Nicht an der Frage der "Machtverteilung" wird die Kirche genesen, sondern nur in ihrem Bemühen um mehr Heiligkeit. Darum sagt Franziskus, dass wir "vor dem Geheimnis des Bösen" stehen. Und das Böse lässt sich nur mit Gebet und Buße besiegen. Auch Benedikt setzte 2010 auf das Wesentliche, als er damals schrieb: "In unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, in der selbst wir Christen uns oft schwer tun, über die transzendente Dimension unserer Existenz zu sprechen, müssen wir neue Wege finden, jungen Menschen die Schönheit und den Reichtum der Freundschaft mit Christus in der Gemeinschaft der Kirche nahezubringen. Für die Bewältigung der gegenwärtigen Krise sind die Maßnahmen, um angemessen gegen Verbrechen von einzelnen vorzugehen, unerlässlich, aber sie allein reichen nicht aus: Wir brauchen eine neue Vision, um die gegenwärtige und die zukünftigen Generationen zu ermutigen, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens wie einen Schatz zu bewahren. Wenn Ihr den Weg des Evangeliums geht, die Gebote befolgt und euer Leben immer enger nach dem Beispiel Jesu Christi gestaltet, werdet Ihr sicher die tiefe Erneuerung erfahren, die wir in dieser Zeit so dringend brauchen. Ich lade Euch ein, auf diesem Weg beharrlich voranzuschreiten."

Schnell landet man bei Unterstellungen, Polemik, Anklagen

Wer nach den Kriterien einer säkularisierten Gesellschaft oder im Stil der skandalheischenden Medien den Sumpf des Missbrauchs in der Kirche austrocknen will, landet schnell bei den Unterstellungen, der Polemik, den Anklagen und Halbwahrheiten, wie man sie in diesen Tagenrund um das Münchner Missbrauchsgutachten und die Angriffe auf den emeritierten Papst erlebt. Der Christ aber überblickt besser, worum es geht. Er weiß um das "Geheimnis des Bösen" (Franziskus), und er kennt die Antwort: das Leben nach dem Vorbild Jesu Christi zu gestalten (Benedikt). Was auch heißt, sich Mühe zu geben und so etwa die "menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche" Eignung der Kandidaten für ein gottberufenes Leben mit den Augen des Evangeliums zu prüfen. Das Böse würde siegen, wenn die Christen die Antwort des Glaubens aus den Augen verlören, die nur in einem Leben in der Nachfolge Jesu Christi bestehen kann.

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