Köln

Was Kardinal Woelki bei seiner Rückkehr vorfinden wird

Das Ende der Auszeit naht. Der Kardinal findet bei seiner Rückkehr nach Köln eine tiefer denn je gespaltene Herde vor. Es kommt auf transparente Kommunikation an.
Rainer Maria Woelki  betritt ein kirchenpolitisches Spannungsfeld.
Foto: Julia Steinbrecht (KNA) | Kardinal Rainer Woelki betritt ein kirchenpolitisches Spannungsfeld.

Noch ehe der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Woelki nach viermonatiger Auszeit am Aschermittwoch seinen Dienst wieder aufnimmt, muss er deeskalieren. Tagelang kursierte in der Rheinmetropole das nie dementierte Gerücht, Maria 2.0 plane ein massives Störmanöver beim Aschermittwochsgottesdienst im Dom, dem traditionell der Erzbischof vorsteht. Diesem Machtkampf ist der Kardinal nun mit seiner Absage zuvorgekommen. Am Montag kündigte das Erzbistum den traditionellen Fastenhirtenbrief des Erzbischofs an.

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Fairness gefordert

Statt seiner wird der Kölner Künstlerseelsorger Josef Sauerborn den Aschermittwochsgottesdienst zelebrieren. Das seit Wochen fortgesetzte Trommelfeuer in den Lokalzeitungen wird nicht zuletzt von Geistlichen und vom Diözesanrat befeuert. Peter Henselder, Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats, bringt das Problem gegenüber dieser Zeitung auf den Punkt:

„Unseres Erachtens hat Kardinal Woelki die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs wie keiner vor ihm vorangetrieben. Für die Fehler in der Kommunikation, und nur dafür, wurde ihm vom Papst die Auszeit verordnet und nicht, wie immer wieder gesagt wird, wegen der Aufarbeitung des Missbrauchs. Man sollte mit seinem Gegenüber fair umgehen. Deshalb sind wir der Ansicht, dass er auf diesem Weg weitergehen soll.“ Die Medien, so Henselder, brächten sich in Stellung mit dem Ziel, „Woelki müsse weg“. Anders sei nicht zu verstehen, dass der Kölner Stadt-Anzeiger mit einer von ihm in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage belegen wollte, dass eine große Mehrheit für einen Rücktritt Kardinal Woelkis sei. „Aber das ist nur die halbe Wahrheit“, erklärt Henselder. Er bezweifelt zwar nicht die Professionalität von Forsa, „aber auf welcher Basis haben sich die Befragten ein Bild von der Situation im Erzbistum gemacht?“

Henselders Bedenken sind begründet. So wurde die Sondersitzung des Erzbischöflichen Rats vergangene Woche medial verzerrt. Das gut 20-köpfige Gremium, dem neben dem Apostolischen Administrator Weihbischof Rolf Steinhäuser auch Weihbischof Ansgar Puff, der Offizial, Generalvikar Markus Hofmann sowie die Leiter von Priesterseminar und Diözesancaritasverband angehören, hatte nicht förmlich für oder gegen den Erzbischof abgestimmt. Doch die in der Sitzung geäußerten Bedenken einiger Geistlicher wurden flugs durchgestochen und als Tenor der Sitzung präsentiert. Wie irreführend die einschlägige Berichterstattung sein kann, zeigte die Freitagsausgabe des Kölner Boulevardblattes „Express“. Zum Titel „Eigene Berater gegen Woelki – Kardinal in Köln nicht mehr erwünscht“ bildete das Blatt unter anderem Weihbischof Dominik Schwaderlapp ab. Er arbeitet allerdings bis Ende Juli in Mombasa und hatte an der besagten Sitzung nicht teilgenommen – auch nicht per Zoom.

Eine Krise der Kommunikation 

Dass das Erzbistum in einer Kommunikationskrise steckt, wird auch daran sichtbar, dass Kardinal Woelki bei seiner Rückkehr einen leeren Schreibtisch in der Kommunikationsabteilung vorfindet. Der bisherige Kommunikationsdirektor Christoph Hardt räumt Ende Februar nach wenigen Monaten seinen Stuhl. Die Prüfung der ordnungsgemäßen Auftragsvergabe im Erzbistum dürfte die Generalprobe werden, ob die Bistumsleitung transparenter vorgeht und besser kommuniziert als früher. Weihbischof Steinhäuser berichtete am Dienstag in der Karl-Rahner-Akademie von einem Kommunikationstrainer, der die vergangenen Sitzungen des Diözesanpastoralrats begleitet hatte. Einige der angewandten Praktiken habe er auch dem Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Marc Ouellet, vorgeführt. Ein Neubeginn mit Kardinal Woelki ist aus Sicht des Administrators nicht undenkbar, wenn es einen „gecoachten Wiedereinstieg“ gebe und der Kardinal sich an die Spielregeln halte. Doch dazu müsse man die Spielregeln erst haben und akzeptieren.

Zuvor wird das Kölner Landgericht das Urteil im Fall von Pfarrer U. sprechen, gegen den Missbrauchsvorwürfe in 118 Fällen erhoben werden. Der Fall schockiert seit Monaten die Öffentlichkeit. Der Prozess kam erst in Gang, nachdem Woelki den Fall 2018 wieder aufgerollt hatte. Der Kardinal meldete ihn an die Staatsanwaltschaft und untersagte U. die Ausübung priesterlicher Dienste. 2021 klagte die Staatsanwaltschaft den Pfarrer an.

Klärung nötig 

Darüber dürfte der Fall des Kölner Diözesanpriesters D. den Kardinal in den nächsten Wochen beschäftigten. Das Erzbistum Wien hat dem Geistlichen, gegen den ein kirchenrechtliches Verfahren wegen Missbrauchsvorwürfen läuft und der in Wien Gottesdienste zelebriert hat, ein Betätigungsverbot für ihr Gebiet erteilt. Der Aufenthalt in Österreich wie auch das laufende Verfahren in Köln seien der Erzdiözese Wien bislang nicht bekannt gewesen, teilte Diözesansprecher Michael Prüller am Dienstag in einer Stellungnahme gegenüber Kathpress mit. Bei dem jetzt ausgesprochenen Verbot handele es sich entsprechend der Rahmenordnung der Österreichischen Bischofskonferenz „nicht um eine Vorverurteilung, sondern eine Vorsichtsmaßnahme, die bis zu einer Klärung der Vorwürfe gilt.“

Die kirchliche Großwetterlage am Rhein wird darüber hinaus auch durch die Initiative „Out in Church“ angeheizt. In den Gemeinden herrscht eine gewisse Ratlosigkeit. Der Wunsch nach einem guten Miteinander im Erzbistum mit Kardinal Woelki besteht an der Basis trotz der monatelangen massiven Medienkampagne, misslichen Auftritten des Apostolischen Administrators und einem unglücklich agierenden Diözesanrat. Anfang Februar unterstrichen die Vertreter der Wuppertaler Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte in einem Schreiben an die Diözesanleitung, dass es nun konkreter und transparenter Schritte bedürfe. Konkret fragen sie, „ob und wie ein Neuanfang und letztlich ein Weg der Versöhnung und Befriedung mit der bisherigen Bistumsleitung möglich sind“. Gleichwohl fühlen sich nicht wenige redliche Priester und Laien angesichts der Kampagne und ihren Folgen inzwischen wie hilflose Zuschauer eines Dramas.

Der Düsseldorfer Stadtdechant Frank Heidkamp äußerte kürzlich in einem Boulevardblatt, man müsse jedem Menschen eine Chance geben. Es komme jetzt sehr auf das Miteinander an. In rheinischen Kirchenkreisen ist jedenfalls klar, dass es um mehr geht als nur um die Person des Kardinals. Woelki hat viel in das Erzbistum investiert. Sein Name steht für die  Katholische Hochschule in Lindenthal.

Eine wertvolle Hochschule

Mit der Einrichtung besitzt Köln ein Pfund, auf dem viele landesweit Hoffnungen liegen. Zum Wintersemester 2021/22 hat das Studium generale begonnen. Es ist auch für Gottsucher interessant, die kein Vollstudium der Theologie anstreben, aber für akademische Evangelisierung ansprechbar sind. Es geht aber auch um die Zukunft des Synodalen Wegs, denn der Kardinal steht an der Spitze der lehramtstreuen Minderheit. Konsequenterweise hat Generalvikar Markus Hofmann, ein loyaler Mitstreiter Woelkis, den Brief der Generalvikare, der die kirchliche Grundordnung de facto aus den Angeln heben soll, nicht unterzeichnet. Wie es im Erzbistum Köln weitergeht, wird auch außerhalb Deutschlands aufmerksam beobachtet. Ein spanisches Nachrichtenportal titelte kürzlich: „Woelki kommt wieder – Unruhe unter den deutschen Abweichlern von der kirchlichen Lehre“.

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