Kirchenrecht

Zwischen Treue und Veränderung

Glaube und Recht sind aufeinander verwiesen: Durch die Orientierung an Christus entsteht die Norm, Richtung und Maßstab des Lebens.
Papst Johannes Paul II.
Foto: N.N. (KNA) | Papst Johannes Paul II. unterschreibt im Beisein von Joseph Kardinal Ratzinger am 25. Januar 1983 den Codex Juris Canonici.

Die rechte Lehre und die rechte Lebensweise, Orthodoxie und Orthopraxie, gehen in der Kirche, als Gemeinschaft der Glaubenden, von Anfang an Hand in Hand. Von den Ursprüngen der Kirche an werden in den Versammlungen der Apostel und ihrer Nachfolger auf Synoden und Konzilien Fragen der Lehre und Fragen der Glaubenspraxis gemeinsam behandelt, um den Alltag der Gemeinden und deren spezifische Herausforderungen meistern zu können. Die Texte und Dokumente, die wir aus der alten Kirche und der Kirche des Mittelalters besitzen, enthalten daher in der Regel sowohl dogmatische Aussagen als auch rechtliche (disziplinäre) Bestimmungen, denn das eine folgt aus dem anderen und hängt mit ihm zusammen. Das Leben ist nicht vom Glauben und der Glaube nicht vom Leben zu trennen.

Theologie und Recht, Lehre und Disziplin gehören zusammen

In den Texten der Konzilien und Synoden, die zunächst unterschiedslos als canon (verstanden als „Messstab“, oder „festgesetzte Ordnung“) bezeichnet werden, werden die Wahrheit des Glaubens und die Normen für das Leben aus dem Glauben demgemäß gemeinsam überliefert. Theologie und Recht, Lehre und Disziplin, werden zwar unterschieden, aber nicht eigentlich voneinander getrennt.

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Diese Tatsache führt zu zwei Fragenstellungen: Was tut die Kirche, wenn sie Theologie betreibt und Dogmen definiert? Und: Was tut die Kirche, wenn sie Recht setzt und Normen erlässt? Eine vorläufige Antwort auf diese Frage kann lauten: In der Theologie vertieft sich die Kirche in das Glaubensgut der Offenbarung und versucht, dessen Inhalt stets besser zu verstehen; wenn sie Recht setzt, versucht sie, das Glaubensgut und die Glaubenswahrheit, die als Wegweisung für das ewige Leben von Bedeutung sind, den Gläubigen als Norm für ihr Leben vorzugeben und ihnen zu helfen, sie zur Richtschnur ihres Lebens zu machen.

Aufgabe von Lehramt und Kirchenrecht

Im Hinblick auf die Lehre ist die Offenbarung Gegenstand von Theologie und Lehramt. Vor dem Hintergrund der theologischen Reflexion stellt das Lehramt den verbindlichen Inhalt der Offenbarung fest und bedient sich dabei einer indikativen Sprache: Dogmen sagen, was ist. Es ist die spezifische Aufgabe des Lehramts, die Offenbarung in die Eindeutigkeit von Begriffen zu übersetzen, um das ans Licht zu bringen, was gemeint ist und den Gläubigen zuverlässige Orientierung zu bieten. Dabei kann es im Laufe der Jahrhunderte zu einer vertieften Erkenntnis des Glaubensgutes kommen, aber es können weder der Offenbarung neue Inhalte hinzugefügt, noch Inhalte weggenommen werden. In diesem Sinn sind die von Theologie erarbeiteten und vom Lehramt definierten Dogmen Wahrheiten, „die in der göttlichen Offenbarung enthalten sind oder … die mit diesen in notwendigem Zusammenhang stehen“ (KKK, 88).

Im Gegensatz zur theologischen Forschung verwendet das Kirchenrecht eine imperative Sprache: es sagt, was getan werden soll. Lehramt und Theologie bewegen sich weitgehend im Bereich der Erkenntnis und bemühen sich darum, das Geheimnis des Glaubens zu verstehen, Kenntnisse zu sammeln und zu systematisieren. Das Lehramt hilft bei dieser Aufgabe, indem es diese Erkenntnis, wenn sie sich bewährt hat, in lehramtlichen Dokumenten zum Ausdruck bringt. Theologie und Lehramt haben es mit Begriffen und Konzepten zu tun. Dem Kirchenrecht geht es mehr um die Vermittlung dessen, was dabei zutage tritt. Es hat die Aufgabe, Gesetze zu schaffen, die der Gemeinschaft der Glaubenden helfen, sich jene Inhalte anzueignen, welche der Offenbarung entsprechen, damit sie ihr Leben danach ausrichten können.

Recht aus gewachsener Überlieferung

Während das Lehramt die Orthodoxie sicherstellt, gibt das Kirchenrecht eine Antwort auf die Frage nach der rechten Praxis: der Orthopraxie. Es fragt: welches sind die Elemente kirchlicher Lehre und kirchlichen Lebens, die einer rechtlichen Regelung bedürfen und wie können sie so rechtlich gefasst werden, dass sie wirklich im Dienst des Glaubens und des Lebens aus dem Glauben stehen. Jeder Rechtssatz der Kirche ist daher von einer theologischen Vorentscheidung geprägt. Kirchenrecht ist keine freie Setzung des kirchlichen Gesetzgebers, sondern „Recht aus gewachsener Überlieferung“.

Joseph Ratzinger hat diese Tatsache im Vorwort zu einem Buch über Rechtstheologie treffend auf den Punkt gebracht: Das Recht der Kirche hat „sich aus der Glaubensüberlieferung und aus der sakramentalen Überlieferung – weitgehend im Zusammenhang mit den Ökumenischen Konzilien – entfaltet. Eine Kodifizierung ist demgemäß Sammlung und Sichtung von Überlieferung, zugleich aber auch ein Akt ihrer weiteren Entfaltung“ (in: Dario Composta, La Chiesa visibile. Città del Vaticano 1985, VII).

Dogma und Kirchenrecht dienen dem Heil der Seelen

Was das bedeutet, kann im Hinblick auf das derzeit gültige kirchliche Gesetzbuch, den Codex Iuris Canonici von 1983, erläutert werden: der kirchliche Gesetzgeber hat darin vor dem Hintergrund der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils nach der Methode und in der Sprache des Rechts eine Übersetzung dessen vorgelegt, was in der Offenbarung enthalten ist, um sie im Leben der Kirche wirksam werden zu lassen.
So konnte der heilige Papst Johannes Paul II. in der Apostolischen Konstitution zur Promulgation des Codex schreiben: „Wenn … das II. Vatikanische Konzil aus dem Schatz der Überlieferung Altes und Neues hervorgeholt hat …, dann ist offenkundig, dass der Codex dasselbe Merkmal der Treue in der Neuheit und der Neuheit in der Treue in sich aufnimmt und sich diesem Merkmal, seinem ihm eigenen Inhalt und seiner spezifischen Ausdrucksweise gemäß, anpasst.“

Die Normen des Kirchenrechts sind daher an die Offenbarung und die daraus entspringenden theologischen Grundlagen gebunden, die das lebendige Lehramt der Kirche vorlegt. Sie dienen dem Volk Gottes dazu, sich auf das Ziel hin auszurichten, das ihm vom Herrn vorgegeben wurde. Wie der Glaube nicht ohne das Bekenntnis zu den Glaubenssätzen auskommt, sich aber darin nicht erschöpft, so kommt die Praxis des Glaubens nicht ohne den Maßstab des Gesetzes aus, ohne sich aber darauf zu beschränken. Größe und Grenze von Dogma und Kirchenrecht liegen darin, dass sie über sich hinausweisen auf die im Ereignis der Offenbarung liegende Heilswirklichkeit und Heilsgerechtigkeit. Dogma und Kirchenrecht, Glaubens- und Rechtsordnung der Kirche, dienen dem Heil der Seelen. Sie sind keineswegs als „Last des Gesetzes“ zu verstehen, sondern führen zur Gnade und zu jener Gerechtigkeit, die aus der Gnade kommt.

Gesetz schafft Ordnung

Beide haben Anteil an der Heilsvermittlung, ohne selbst das Heil vermitteln zu können. Nach Augustinus wurde das Gesetz gegeben, um die Gnade zu finden, und die Gnade, um das Gesetz recht zu erfüllen und zu verstehen. Nach Thomas von Aquin sind zwar Gnade und Gesetz aufeinander bezogen, aber das eine kann nicht an die Stelle des anderen treten, denn die Gnade ist stets die das Gesetz umgreifende Wirklichkeit und hat daher Priorität.

Oder, um es noch einmal mit den Worten von Johannes Paul II. zu sagen: Das Kirchenrecht hat nicht die Aufgabe, „im Leben der Kirche den Glauben, die Gnade, die Charismen und vor allem die Liebe der Gläubigen zu ersetzen. Im Gegenteil, der Codex zielt vielmehr darauf ab, der kirchlichen Gesellschaft eine Ordnung zu geben, die der Liebe, der Gnade und dem Charisma Vorrang einräumt und gleichzeitig deren geordneten Fortschritt im Leben der kirchlichen Gesellschaft wie auch der einzelnen Menschen, die ihr angehören, erleichtert“.

Ohne dogmatische Festlegungen keine rechtliche Eindeutigkeit 

Das Recht der Kirche stützt sich – vermittelt durch die Theologie und das Lehramt – auf die Offenbarung, die uns in Schrift und Tradition vorliegt. Das Recht wird auf diese Weise zum unerlässlichen Instrument für das persönliche und gemeinschaftliche Leben in der Kirche, dem es eine Ordnung gibt. Veränderungen der Rechtsordnung setzen daher die vertiefte theologische Erkenntnis der Offenbarung und die Dogmen voraus, welche das Lehramt definiert hat. Wo eindeutige dogmatische Festlegungen fehlen, kann auch das Recht keine Eindeutigkeit schaffen. Diese Tatsache ist während der Erarbeitung des derzeit gültigen kirchlichen Gesetzbuches sehr deutlich geworden.

Der Inhalt des Kirchenrechts, seine materiale Dimension, entwickelt sich gemäß der vom Lehramt der Kirche getroffenen Definitionen. Was die Gestalt des Kirchenrechts, also seine formale Dimension angeht, gibt es größere Möglichkeiten für eine Entwicklung. In der Geschichte wurden die Normen der Kirche zunächst in der Tradition des römischen Rechts formuliert, später kamen Grundsätze germanischer Rechtsordnungen hinzu, und das Kirchenrecht wurde zu einer Synthese beider Rechtssysteme.

Jedes Sollen des Christen hat seinen Grund im Sein in Christus

Mit der auf Amerika, Asien und Afrika ausgedehnten Evangelisierung entstanden in formaler Hinsicht noch einmal neue Wege. Während das Recht zunächst durch Beschlüsse von Konzilien und Synoden, später durch die Dekretalen der Päpste gesetzt wurde, kam es – wie zuvor in den Staaten Europas – auch in der Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Zusammenfassung der universalen Rechtsordnung in einen Codex, der durch weitere Gesetze ergänzt wird. Die Balance zwischen Treue und Entwicklung wird dabei gehalten.

Im Hinblick auf die Lehr- und Rechtstradition der Kirche kann das Diktum des heiligen Anselm fides quaerens intellectum (der Glaube sucht Verstehen) um zwei Sätze erweitert werden: fides quaerens actionem (der Glaube sucht die Tat, die Praxis gelebten Lebens) und: fides quaerens determinationem (der Glaube sucht Orientierung, Recht). Dadurch bleiben Lehre und Recht, Dogma und Kirchenrecht aufeinander verwiesen und entwickeln sich gemeinsam in der Überzeugung, dass jedes Sollen des Christen seinen Grund im Sein in Christus hat. Wird dieses Sein recht verstanden, wird es im Leben bejaht und damit zum canon, zu Richtung und Maßstab des Lebens.

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