Rom

Zwischen Charisma und Institution

Bei einer Sonderaudienz für „Comunione e Liberazione“ spricht der Papst über die Schwierigkeiten in der Bewegung nach dem Tod des Gründers .
Reportage: Mailand
Foto: Alexander Brüggemann | Auf dem Prominentenfriedhof Cimitero Monumentale findet sich das gläserne Grabmal von Don Luigi Giussani (1922-2005), dem Gründer der katholischen Bewegung Comunione e Liberazione.

Der Vatikan hatte geladen und sie kamen zu Tausenden. Es kommt äußerst selten vor, dass der Papst einer katholischen Gemeinschaft eine Audienz gewährt und diese dann den ganzen Petersplatz füllt. Und darüber hinaus: Am vergangenen Samstag fuhr das Papamobil weit in die Via Conciliazione hinein, um Franziskus alle grüßen zu lassen, die aus ganz Italien und aus dem Ausland gekommen waren. Anlass war der Geburtstag des Gründers von „Comunione e Liberazione“, Don Luigi Giussani, der an diesem Tag hundert Jahre alt geworden wäre (siehe DT vom 13. Oktober). Zum zweiten Mal trafen die Anhänger der Bewegung mit Franziskus zusammen. Die erste Sonderaudienz für die von Giussani gegründete Gemeinschaft hatte am 7. März 2015 stattgefunden, zum 60. Gründungsjahr von CL und dem zehnten Todestag von Giussani.

Gründer-Charisma muss lebendig bleiben

Damals hatte der gerade einmal zwei Jahre amtierende Papst den – wie man in Italien sagt – „Ciellini“ ins Stammbuch geschrieben, den Gründer nicht nur zu verehren, sondern sein Charisma lebendig zu halten. Als der Papst am Samstag nach dem Bad in der Menge schließlich oben vor der Fassade des Petersdoms auf dem Sagrato saß, griff der neue Präsident von CL, der Mailänder Biochemie-Professor Davide Prosperi, in seiner Grußansprache diese Mahnung von Franziskus auf.

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2015 habe der Heilige Vater mit Blick auf Giussani empfohlen, so Prosperi, „nicht seine Asche zu verehren, sondern das Feuer am Brennen zu halten“. Tatsächlich habe der Gründer in Tausenden von Männern und Frauen ein Feuer entzündet, das der Heilige Geist sei, das Feuer des Wissens um Christus und den Menschen. „Dieses Feuer ist auch 17 Jahre nach seinem Tod lebendig“, meinte der Präsident der Fraternität von CL und gab das Wort an zwei Frauen weiter, die ihre Erfahrungen in der Bewegung vortrugen, die Krankenschwester Rose Busingye aus Uganda und die arabischstämmige Hassina Houari aus Mailand.

Zwischen Charisma des Gründers und der Institution Kirche

Der Wechsel an der Spitze von „Comunione e Liberazione“ war nötig geworden, weil eine Richtlinie des Vatikans im Juni 2021 festgelegt hatte, dass Leitungsämter in geistlichen Bewegungen auf maximal zehn Jahre begrenzt seien. Nach dem Tod von Giussani hatte der spanische Priester und Theologe Julian Carrón 2005 dessen Stelle eingenommen, musste aber auf Weisung Roms im vergangenen Jahr diesen Posten räumen. Der Nachfolger Prosperi sicherte jetzt dem Papst zu, dass die Bewegung „den Anweisungen des Heiligen Stuhls mit großer Aufmerksamkeit folgt, damit das Charisma, das der Heilige Geist Don Giussani zum Wohl der ganzen Kirche geschenkt hat, immer neue Frucht hervorbringt“.

Franziskus ging in seiner Ansprache auf das nötige Gleichgewicht zwischen dem Charisma eines Gründers und der Institution Kirche ein. Zuvor gestand er zu, „dass die Zeiten des Übergangs, wenn der Gründervater nicht mehr da ist, überhaupt nicht einfach sind“. Und so hätten bei CL auch in den vergangenen Jahren „ernste Schwierigkeiten und Spaltungen genauso wenig gefehlt wie auch eine Verarmung in der Präsenz einer so wichtigen kirchlichen Bewegung wie ,Comunione e Liberazione' von der die Kirche und ich selbst mehr erhoffen, wesentlich mehr“.

Christentum ist eine Begegnung

Franziskus rief die Bewegung zur Einheit auf, einer „Einheit mit dem oder denjenigen, die die Bewegung leiten, der Einheit mit den Hirten, der Einheit im Befolgen der Anweisungen des Dikasteriums für die Laien, die Familie und das Leben und der Einheit mit dem Papst, der der Diener der Gemeinschaft in Wahrheit und Liebe ist“.

Franziskus sprach dann über das Charisma Giussanis und zitierte Worte von Kardinal Joseph Ratzinger beim Requiem für den Gründer von CL: „Don Giussani hat den Blick seines Lebens und seines Herzen immer fest auf Christus gerichtet. Auf diese Weise hat er verstanden, dass das Christentum nicht ein intellektuelles System ist, kein Paket von Dogmen, kein Moralismus, sondern dass das Christentum eine Begegnung ist, eine Geschichte der Liebe, ein Ereignis.“

Leidenschaft für Christus als Erfüllung des Lebens

Das, so Franziskus, sei der Ursprung des Charismas von Giussani gewesen. Er habe die anderen überzeugt und die Herzen bekehrt, weil er ihnen das weitergab, „was seine fundamentale Erfahrung war: Die Leidenschaft für den Menschen und die Leidenschaft für Christus als Erfüllung des Lebens“. Was das Verhältnis von Charisma und dem institutionellen Aspekt der Kirche, der Hierarchie angeht, verwandte Franziskus ein Wort von Giussani selbst: „Die Autorität sichert ab, dass die Straße die richtige ist, das Charisma macht die Straße schön.“

Laut Giussani sei der beständige Austausch zwischen Charisma und Institution eine unverzichtbare Notwendigkeit der Inkarnation. Es sei falsch, so der Papst mit Verweis auf Worte des Gründers, Charisma und Institution als dialektische Alternative zu sehen, als ob „die Institution nicht das Charisma sei und das Charisma die Institution nicht bräuchte. Ein Charisma wird institutionalisiert. Und die Institution muss die charismatische Dimension bewahren. Sie sind am Ende die eine Realität der Kirche. Kann man sich einen menschlichen Organismus vorstellen ohne Skelett, das ihn trägt? So ist es auch undenkbar, dass die Kirche ohne Institution lebt.“

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Guido Horst Heiliger Geist Jesus Christus Kardinäle Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Tod und Trauer

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