Altötting

Wunder richten die Antennen zum Himmel aus

Wunder gibt es immer wieder. Die Altöttinger Performancekünstlerin Christiane Huber befasst sich mit der Sehnsucht der Menschen nach Wundern. Ein ungewöhnlicher Ansatz.
Kunstinstallation - We call wonder
Foto: Sven Zellner | Ob die Protagonistinnen dieses Bildes ahnen, wie wenig selbstverständlich es ist, so zu reisen? Eine entspannte U-Bahn-Fahrt ohne Masken und Sicherheitsabstand wirkt in Zeiten der Pandemie wie ein kleines Wunder.Die ...

Christiane Huber ist eine vielseitige Frau. Sie hat nicht nur Psychologie und Psychotherapie studiert, sie besitzt auch den Masterabschluss in Fine Arts des New Yorker Bard College, ist eine international vernetzte Theatermacherin und Performance-Künstlerin – und im Wallfahrtsort Altötting geboren. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass Huber sich mit einer Ausnahmefrau der Weltgeschichte beschäftigt, genauer, mit einer speziellen Ikonografie dieser Frau: die Darstellung der Jungfrau und Gottesmutter Maria mit geschwärztem Antlitz.

Die Kunstgeschichte nennt sie „Schwarze Madonnen“. Sie sind auf der ganzen Welt verbreitet, für Europa fallen zunächst Tschenstochau und Altötting ein, in Übersee Brasilien und Mexiko. Doch nicht nur die ikonografischen Darstellungen dieser Madonnen sind rätselhaft und blieben bislang unerklärlich, sie wirken auch ungezählte Wunder, wie Pilgerbücher und Votivgaben weltweit bezeugen.

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Kerzen rußen 

Doch aus welchem Grund wird die Gottesmutter Maria – zumeist mit dem Jesuskind auf dem Arm – hier mit dunkelbrauner oder schwarzer Haut abgebildet? Ein Erklärungsansatz verweist auf die nüchterne Tatsache, dass der Rauch von zahllosen Opferkerzen das Antlitz geschwärzt haben könnte. Bei der Madonna von Einsiedeln soll das etwa der Fall gewesen sein, denn sie war ursprünglich aus Lindenholz gefertigt und bemalt worden, dunkelte aber im Laufe der Jahrhunderte durch Kerzenruß stark nach. Als man das wundertätige Bildnis gereinigt und restauriert hatte, fühlten sich die Pilger nicht mehr so wohl damit: Sie waren ihre schwarze Madonna zu sehr gewohnt.

Ein weiterer Erklärungsansatz geht nicht von zufälligen Umwelteinwirkungen aus, sondern von künstlerischer Absicht. So soll sich das dunkle Antlitz auf die berühmte Stelle im Hohelied Salomo beziehen, in der es heißt: „Schwarz bin ich, doch schön.“ Wobei das „sed“ in der lateinischen Fassung heute auch oft mit „und“ schön übersetzt wird. Andere Forscher wiederum meinen, dass es sich um die Übernahme von Darstellungen heidnischer Göttinnen wie Demeter, Isis oder Artemis handeln könne.

We call wonder

Christiane Huber hat gerade diese Uneindeutigkeit beschäftigt, wie sie selbst sagt. Es gebe viele Interpretationsmöglichkeiten dieser speziellen Ikonen, die wissenschaftlich erstaunlich wenig erforscht seien. Ihr Ansatz dazu geht davon aus, ob denn die Interpretation auch als Hautfarbe gelesen werden könne und ob es auch diese Möglichkeit geben dürfe. Sie sieht gerade darin das Potenzial der Schwarzen Madonnen, dass man diese Ikonen heute auch anders sehen und deuten könne und dürfe, gerade weil die Gesellschaft diverser und internationaler beziehungsweise globaler geworden sei und heute in einem postkolonialen Kontext diskutiert werde. Hubers Performance „We call wonder“ („Wir rufen nach Wundern“) wurde Ende Oktober im Rahmen des Spielart-Festivals in München uraufgeführt.

Der Titel greift ein Zeitgefühl auf, das paradoxerweise in unserer hochtechnisierten und durchsäkularisierten Gesellschaft brandaktuell ist: Angesichts einer unheimlichen Pandemie und im Zusammenhang mit verheerenden Naturkatastrophen wie im Ahrtal und im Rheinland ist in Deutschland eine verzweifelte Sehnsucht nach Wundern wahrnehmbar. Denn was ist „Pandemie“ und „Klima“ anderes als die vor Jahrhunderten von Menschen schon durchlebten Notsituationen von Pest und Unwettern, die auf die unerklärliche Fürsprache eines wundertätigen Bildnisses gemildert, wenn nicht sogar abgewendet werden konnten?

In der Tiefgarage

Christiane Huber hat sich mit diesem Themenkomplex schon im Sommer beschäftigt: In ihrer performativen Soundinstallation „Wunder“ verarbeitete sie unter anderem Pilgerbücher, die ihr vom Archiv des Bistums Passau zur Verfügung gestellt wurden – konkret von Pater Johannes Saller SJ. Der Titel lautet: „Das ausgegrabene Oeting – Die Mirakelberichte 1623“. Dass die Künstlerin sich durchaus zurückzunehmen weiß und ein Gespür für kongruente Inszenierungen hat, bewies sie schon eindrucksvoll mit der Aufführung von „Wunder“ in der Tiefgarage unter dem Kapellenplatz in Altötting.

Bewusst entschied sie sich dagegen, die theatrale Klanginstallation auf dem Kapellenvorplatz aufzuführen. Aus Rücksicht auf die Pilgernden, aber auch, weil der Kapellenvorplatz von Altötting mit Hubers Worten bereits eine perfekte Inszenierung für sich sei. Ihre Performance „We call wonder“ ist eine Fortsetzung der Beschäftigung mit Wundern, eine sehr körperliche Aufführung als Annäherung an das Phänomen mit viel Musik, Bewegung und Tanz.

Eigene Erfahrung 

Hubers Beschäftigung mit dem Thema ist vielleicht auch deshalb so intensiv, weil sie selbst eine echte Wundererfahrung erleben durfte: Nach einem Unfall waren Nerven in ihrem Arm durchtrennt, sie fürchtete, gelähmt und gefühllos zu bleiben. Doch dann setzte eine wunderbare Heilung ein. Man dürfe an Wunder glauben, ist Huber, die eigentlich nicht als Kirchgängerin gilt, überzeugt. Dieser Glaube entbinde jedoch nicht davon, sich auch politisch einzusetzen. Als beeindruckendes Beispiel für eine gute Mischung aus Glaube und Engagement verweist sie auf eine Bauernwallfahrt nach Altötting im Jahre 2010 anlässlich einer Tierseuche. Die Bauern wollten ihre Tiere nicht impfen, wie es eine EU- Verordnung vorschrieb, sondern vielmehr segnen lassen.

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Mehr als eine Wallfahrt

Das sei schon nicht mehr nur eine Wallfahrt gewesen, sondern durchaus auch eine politische Manifestation, findet Huber und fügt hinzu, dass die Seuche seitdem nicht mehr aufgetreten sei. Das Ereignis steht jedenfalls für sich und hat auch keine Parallele zur aktuellen Pandemie und Impfdebatte. Zur Erfüllung eines persönlichen Gelübdes ist die Künstlerin auch schon einmal von München aus nach Altötting zum Gnadenbild gepilgert, erzählt sie.

Die Künstlerin, die sich mit ihren Inszenierungen nicht nur mit Wundern, sondern auch mit dem Krieg in Syrien und dem Umgang mit Zwangsarbeitern aus Polen und der Ukraine am Beispiel eines deutschen Dorfes im Rahmen einer partizipativen Projektwoche beschäftigt, hat auch ein großes persönliches Faible fürs Jodeln – als Training für Kommunikation im Notfall oder auch zum freudvollen Selbstausdruck, wie sagt. Und so hat sie auch schon während des Rodeo Festivals 2018 gemeinsam mit Kolleginnen die Gäste Texte von Manifesten jodeln lassen.


Wegen der aktuellen Lage ist es schwierig, neue Termin für „Wunder“ oder „We call wonder“ zu finden.
Deshalb empfiehlt sich den an der Arbeit und dem Thema Interessierten immer wieder ein Blick auf die Webseite von Christiane Huber mit Terminen und Ankündigungen unter
www.christianehuber.net

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