Theologie

„Wissenschaftlich arbeiten lernen“

Erbacher Gespräch: Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf verdeutlicht seine Sicht der akademischen Theologie.
Mainzer Bischof Peter Kohlgraf
Foto: kna | Eine gute Tradition: Die Gespräche des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf in der Mainzer Bistumsakademie Erbacher Hof mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Sie sind inzwischen eine gute Tradition geworden:  die Gespräche des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf in der Mainzer Bistumsakademie Erbacher Hof mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Nach dem Austausch mit dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes und der Rheinland-Pfälzischen Ministerpräsidentin traf der Mainzer Oberhirte nun den Präsidenten der Gutenberg-Universität, Georg Krausch, in der Bistumsstadt. Thema des von der Theologin und Journalistin Heike Schmoll moderierten Gespräches war die bewegende Kraft der Bildung. Sie ist, wie Akademiedirektor Peter Reifenberg betonte, mit dem Christentum untrennbar verwoben, das selbst eine Bildungsreligion ist.

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Wissenschaft und Pandemie

Heike Schmoll fokussierte zunächst die Rolle der Wissenschaft in der Pandemie und merkte kritisch an, dass die differenzierten Fragestellungen im Gegensatz zu den Bedürfnissen der Politik nach Vereinfachung gestanden hätten. Universitätsdirektor Krausch widersprach dieser These und betonte, dass die Wissenschaftler seit zwei Jahrzehnten eingeübt haben, Wissenschaft allgemeinverständlich zu vermitteln. Was bei der Pandemie aber zutage trat, war, dass die Öffentlichkeit den Forschungsprozess wahrgenommen und dadurch auch die Irrwege und Entwicklungen gesehen hat. Wissenschaftler hätten die Fragen nicht verkompliziert, so Krausch, das Thema sei komplex.

Bischof Kohlgraf bestätigte dies, ergänzte aber kritisch, dass Wissenschaft zu hören in der Pandemie aus seiner Sicht bedeutet hätte, dass nicht nur Virologen zu Wort hätten kommen sollen, sondern dass man von Anfang an auch psychologische Fragestellungen hätte mit einbeziehen müssen, was – wie Krausch entgegnete –, durch die Leopoldina erfolgt sei. Bemerkenswert fand der Präsident der Gutenberg-Universität, dass die Exponentialfunktion, die in jeder Schule vermittelt wird, von Politikern überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Dies aber ist keine Frage der Komplexität, sondern ein vergleichsweise simpler Sachverhalt.

Theologie als Wissenschaft 

Bischof Kohlgraf bekräftige, dass aus seiner Sicht die Naturwissenschaft in der öffentlichen Wahrnehmung den Überhang hatten und problematisierte die Beobachtung, dass Theologie und Philosophie nicht mehr als Wissenschaften wahrgenommen wurde. Zugleich zeige die Heftigkeit der Frage, wo die Kirche in der Krise sei ein Bedürfnis nach Glauben.
Der zweite Teil des Gespräches beschäftigte sich mit der Rolle der theologischen Fakultäten auf dem Campus. Wenn die Universität der Ort in der Gesellschaft ist, in der alle Fragen der Gesellschaft frei verhandelt werden, gehört Theologie natürlich dazu, so Krausch. Kohlgraf verwies auf die Komplexität der wissenschaftlichen Arbeitsmethoden im Fach Theologie. „Die Theologie ist das Fach, in dem Sie unterschiedliches wissenschaftliches Arbeiten lernen“, so der Bischof. Beispiele wie Bibelwissenschaft mit Textarbeit, dem Kennenlernen von Glaubenszugängen, Kirchengeschichte mit der Mentalitätsgeschichte, Praktische Theologie mit der Reflexion kirchlichen Handelns auf dem Hintergrund der Sozialwissenschaften verdeutlichen die Komplexität der Methodiken.

Heike Schmoll thematisierte dann die Mahnung des Wissenschaftsrats, dass die Kirche sich nicht in Habilitationsverfahren einzumischen habe und stellte die Berechtigung des Nihil obstat – der Erteilung der Lehrerlaubnis – in Frage. Der Wissenschaftsrat hatte die Theologie offensiv als Teil des Campus verteidigt. Bischof Kohlgraf verwies hierzu darauf, dass auch staatliche Stellen bestimmte Kriterien setzten und es hier keinen Widerspruch zur Wissenschaftlichkeit gäbe. Krausch hielte das Nihil obstat demgegenüber für ein Problem, wenn es häufiger verweigert würde, bezeichnete es aber generell als ein Zeugnis mangelnden Gottvertrauens. Berufungsverfahren dauern aus seiner Sicht im Bereich der Theologie deutlich zu lange. Was die Frage der Freiheit angeht, verwies Grausch auf die Situation in Amerika, wo die Studiengänge von den entsprechenden Interessenverbänden mehr beeinflusst werden, ohne dass dadurch die Wissenschaftsfreiheit in Gefahr geriete.

Abwendung von derUni

Die Diskussion befasste sich auch mit der befürchteten Abwendung der Theologie von staatlichen Universitäten und der Hinwendung zu Seminaren oder kirchlichen Hochschulen. Bischof Kohlgraf führte dazu aus, dass es in der Bischofskonferenz angesichts der Zahlen der Seminaristen um die Frage der Qualitätskriterien gehe und verwies darauf, dass die Bischofskonferenz in ihrem Konzept der Schwerpunktausbildungen die staatlichen Universitäten München, Münster und Mainz vorgeschlagen habe und im Moment zehn kirchliche Hochschulen und staatliche Universitäten im Gespräch seien.

Zuletzt sprach Heike Schmoll die Problematik der sinkenden Studentenzahlen an den theologischen Fakultäten an und fragte Krausch, ob es an den Universitäten den Willen gäbe, theologische Fakultäten zu halten. Der reagierte klar: „Das ist kein theologiespezifisches Problem. Es gibt immer Massenfächer und solche mit weniger Studierenden wie Ägyptologie.“ Und Bischof Kohlgraf bekräftigte: „Unsere Gesellschaft muss an einer soliden Theologie Interesse haben. Politik unterschätzt sowohl die Sprengkraft als auch die positiven Ressourcen von Religion.“

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