Priester

Warum die Kirche Priester braucht

Der Synodale Weg stellt das hierarchische Amtsverständnis der katholischen Kirche auf den Prüfstand. Dabei wird übersehen, wozu der Geweihte berufen ist.
Synodale Weg stellt das hierarchische Amtsverständnis der katholischen Kirche auf den Prüfstand
Foto: Imago Images | Die Rolle des geweihten Amtsträgers soll nach dem Willen des Synodalen Wegs durch demokratische Prozesse umgestaltet werden. Das Kirchenrecht setzt hier aber Grenzen.

Das hierarchische Amtsverständnis der katholischen Kirche steht gegenwärtig nicht nur von außerhalb, sondern auch von innerhalb der Kirche in Kritik. So bildet es etwa im ökumenischen Dialog mit den protestantischen Kirchen einen der neuralgischen Punkte. Auf dem „Synodalen Weg“ ist nur mit knapper Mehrheit eine Abstimmung darüber verhindert worden, ob es des Priestertums des Dienstes im Unterschied zum gemeinsamen Priestertum aus der Taufe denn überhaupt bedarf. Im Synodalforum III „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ wurde die Struktur des kirchlichen Amtes am Maßstab einer demokratischen, rechtsstaatlichen Ordnung gemessen.

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Angeblich überhöhtes Amtsverständnis

Die Synodalversammlung befand: „Wir sind überzeugt: Um der Berufung des gesamten Gottesvolkes willen muss jene gewaltenmonistische Struktur überwunden werden, wonach Legislative, Exekutive und Judikative ausschließlich im Amt des Bischofs gebündelt sind und auf der Ebene der Pfarrei jegliche Leitungskompetenz beim Pfarrer liegt, die dieser zwar partiell an andere delegieren, im Konfliktfall aber auch jederzeit wieder an sich ziehen kann.“ Es gebe eine schwere institutionelle Krise der Kirche. „Individuelles Fehlverhalten ist Teil einer kirchlichen Praxis, in der das Amt einseitig überhöht wurde. Dem entsprechen kirchenrechtliche Strukturen …“

Mit der zuletzt getroffenen Aussage werden die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker einem angeblich einseitig überhöhten Amtsverständnis zugeschrieben, welches somit systematisch den Missbrauch ermöglicht und gefördert habe. Es wird das hierarchische Amtsverständnis als systemische Ursache der Missbrauchsskandale ausgemacht. Damit ist das hierarchische Amtsverständnis auch innerkirchlich in seiner Legitimität radikal infrage gestellt.

Der Ausdruck „Hierarchie“ wie auch das entsprechende Adjektiv „hierarchisch“ kommt im Neuen Testament nicht vor. In den kirchlichen Sprachgebrauch eingeführt wurde er durch einen unbekannten christlichen, im Neuplatonismus beheimateten Denker des 6. Jahrhunderts, der sich als der vom Apostel Paulus durch dessen Areopagrede bekehrte Dionysios (Apostelgeschichte 17, 34) ausgab („Dionysios Areopagita“). Er schrieb nicht als Rechtsgelehrter, sondern als Philosoph, der neuplatonisches Gedankengut mit christlichem Gedankengut verschmolz. In seiner Schrift über die himmlische Hierarchie führt er den Begriff der Hierarchie ein: Sie sei eine heilige Ordnung („taxis“), eine Kenntnis („episteme“) und eine wirksame Kraft („energeia“). Wie es im Himmel eine hierarchische Ordnung gebe, so setze sich diese auf der Welt fort und bedürfe der Vermittlung. Die göttliche Ordnung verlange, dass die Wesen zweiter Ordnung durch jene der ersten zum Göttlichen emporgeführt werden. So werden die Träger der Hierarchie in abgestufter Ordnung zu Mitarbeitern Gottes in der Heilsvermittlung.

Als Klerus und Laien als Stände getrennt wurden

Die Lehre des Dionysios Areopagita ist eine spekulative These zum Verständnis der christlichen Heilsordnung und nicht darauf angelegt, ein bestimmtes rechtliches System kirchlicher Leitungsstruktur zu schaffen oder zu legitimieren. Sie gewann beträchtlichen Einfluss auf die Theologie, besonders seit der Theologe und Philosoph Johannes Scottus Eriugena (um 810-877) das Werk um die Mitte des 9. Jahrhunderts aus der griechischen in die lateinische Sprache übersetzte. In das Recht der Kirche hingegen findet der bislang nur auf Ebene der Metaphysik verhandelte Hierarchie-Begriff erst im 12. Jahrhundert Eingang, als die bislang sakramental ausgerichtete Ekklesiologie weitgehend verdrängt wurde durch eine an der rechtlichen Ordnung der Kirche, insbesondere an der päpstlichen Vollgewalt orientierten Ekklesiologie. Unter dem Juristen-Papst Innozenz III. (1198–1216) erreicht die päpstliche Weltmonarchie ihre höchste Ausprägung („Vicarius Christi“). Es ist die Zeit der Hochblüte der im 12. Jahrhundert in Verbindung mit dem römischen Recht entstandenen kirchlichen Rechtswissenschaft (Kanonistik).

Zur Erklärung der päpstlichen Machtfülle eignete sich nun das Konzept der Hierarchie hervorragend. Gestützt auf den römischrechtlichen „ordo“-Begriff für die Bezeichnung von Ständen wird das Konzept der Hierarchie zum rechtlichen Ausdruck der institutionellen Abstufung im Ordnungsgefüge der Kirche, auch für die Träger kirchlicher Gewalt beziehungsweise kirchlicher Ämter. Damit aber ist Hierarchie mit der ihr eigenen Über- und Unterordnung zu einem rechtlichen Strukturprinzip der Kirche geworden und zu einem bis heute tragenden Grundbegriff der Kirchenverfassung.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind beachtlich: Hierarchie (= Klerus) und Laien werden als Stände radikal getrennt, bei Unterordnung der Laien unter die Kleriker. Die Kirche wird wesentlich als „societas inaequalis“ gesehen, was, wenigstens dem Grundsatz nach, erst durch das Zweite Vatikanum (Lumen gentium 31) korrigiert wurde. Der Papst wird zur Spitze der Jurisdiktionshierarchie: er ist Nachfolger Petri im römisch-rechtlichen Sinn, das heißt: Er übernimmt alle Gewalten und besitzt alle von Jesus Christus seiner Kirche verliehene Autorität in ihrer ganzen Fülle. Von ihm fließt sie auf die weiteren Amtsträger. Die Rechtgläubigkeit wird fortan auch von der Anerkennung des Papstes als Inbegriff und Spitze der kirchlichen Hierarchie abhängig gemacht.

II. Vatikanisches Konzil
Foto: Ernst Herb | Was ist das Wesen des Bischofsamtes? Das jüngste Konzil nahm wesentliche Präzisierungen vor.

Das Amt kommt von Gott

Dazu kommt, dass entsprechend der Abhebung der rechtlichen von der sakramentalen Sphäre der Kirche im 12. Jahrhundert die Weihegewalt von der kirchlichen Leitungsgewalt nicht nur unterschieden, sondern die Weihehierarchie (Diakon-Priester-Bischof) von der „hierarchia iurisdictionis“ (Bischof-Papst) deutlich abgehoben wird. Damit im Zusammenhang zu sehen ist die nun zugelassene „absolute Ordination“, das heißt die Spendung der Weihe ohne und unabhängig von einem dazu passenden Amt. Die Trennung von Weihe und Amt führte zu zahlreichen negativen Folgen: zu einer Hierarchisierung und Klerikalisierung der bischöflichen und der päpstlichen Kurien; Priester und Bischöfe verkörpern die Rangstufen der kirchlichen Verwaltungshierarchie; zu einer Verdrängung des Synodalwesens – dies in deutlichem Unterschied zum orientalischen Kirchenrecht. Das Zweite Vatikanum hat in diesem Punkt gegengesteuert: Die ehrwürdigen Einrichtungen der Synoden und Konzilien sollen mit neuer Kraft aufblühen.

Die lutherische Reformation bestreitet die Legitimität jeglicher kirchlichen Hierarchie. So, wie sie von den Päpsten in Anspruch genommen wird, verdunkle sie die letztlich unsichtbare Wirklichkeit der Kirche; die Binde- und Lösegewalt (Schlüsselgewalt), auf die sich der Papst beruft, sei allein auf die Sündenvergebung zu beziehen und stehe jedem Christen durch die Taufe zu. Es gebe zwar eine Ordination zu einem kirchlichen Amt, diese sei aber weder Sakrament noch präge sie dem Ordinierten einen unauslöschlichen Charakter ein, sondern sei eine Beauftragung auf Zeit. Die äußere Ordnung der Kirche könne bedarfsfalls auch durch die weltliche Gewalt erfolgen.

Wenn Luther selbst von drei gottgegebenen Hierarchien spricht, meint er etwas gänzlich Anderes: die „oeconomia“ (Hausstand, private Katechese); „ecclesia“ (Gemeinde; amtliche Verkündigung, Abendmahl) und „politia“ (das weltliche Regiment, dem jedoch auch eine Schutzfunktion für das Wort Gottes zukomme). Für die Kirche aber wird jede Hierarchie abgelehnt.
Die Reaktion der katholischen Kirche auf die Herausforderung durch die Reformation bestand nun in einer Verfestigung der katholischen Auffassung und einer strikten Abgrenzung gegenüber den als häretisch qualifizierten protestantischen Lehren: die dreigliedrige Weihehierarchie von Diakon, Priester und Bischof wurde als von Gott eingerichtet und damit absolut verbindlich erklärt. Ob die bischöfliche Leitungsgewalt aus der Bischofsweihe kommt oder vom Papst herzuleiten ist, blieb offen. Die Hierarchie ist der Gemeinschaft der Gläubigen übergeordnet. Die Trennung von Weihe und Amt, ordo und iurisdictio, besteht bis auf den heutigen Tag.

Die letzte und in ihrem Verbindlichkeitsanspruch nicht mehr überbietbare Zuspitzung des Hierarchie-Prinzips erfolgt im Ersten Vatikanum (1869/70) durch die Dogmatisierung des päpstlichen Jurisdiktionsprimates und der päpstlichen Unfehlbarkeit. Demnach ist der Papst Nachfolger des Apostels Petrus des Apostelfürsten und wahrer Stellvertreter Christi. Somit ist Hierarchie weit mehr als bloß ein Rechtsinstitut oder eine Organisationsform – sie besitzt theologische Qualität und ist, auch als Jurisdiktionsprimat, Gegenstand eines Dogmas. Die Stoßrichtung dieser Dogmatisierung war gerichtet gegen: Reformation, Französische Revolution und Gallikanismus, Konziliarismus, Landeskirchentum, Aufklärung.

Worin besteht der Kern des hierarchischen Amtes?

Inhaltlich und funktional führt das hierarchische Amt das weiter, was die Apostel im Auftrag Jesu ausführten. Die Sendung Jesu durch den Vater ist das Grunddatum des hierarchischen Amtes. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch (Johannes 20, 21). Ziel und Zweck der Sendung ist: die Auferbauung der Gemeinde durch das Wort Gottes, die Sakramente und die Charismen. Zu Letzteren gehört auch jenes der Leitung. Die rechtliche Leitungsaufgabe ist darin ohne weiteres mitenthalten. Jede andere Auffassung würde der Kirche als auch sichtbar verfasster menschlicher Gemeinschaft nicht gerecht; eine Kirche ohne Recht wäre eine Kirche der Willkür.

Die Grundgestalt des apostolischen Amtes verwirklicht sich im Bischofsamt. Im Unterschied dazu steht die evangelisch-lutherische Auffassung, nach der das „Pfarramt als primäre Grundgestalt des ordinationsgebundenen Amtes“ (Wendebourg) gilt.

Das hierarchische Amt, das für seinen Träger in einer persönlichen Berufung durch Gott gründet, kann nur physischen Personen und niemals anonymen Strukturen zukommen; das geistliche Amt impliziert die persönliche Gewissensverantwortung vor Gott. Durch das Sakrament der Weihe, das ein unauslöschliches Merkmal einprägt, wird der geweihte Bischof und Presbyter befähigt, im Sakrament der Eucharistie und in der sakramentalen Lossprechung im Bußsakrament „in persona Christi capitis“ zu handeln. Obwohl mit der Weihe noch kein konkretes Amt übertragen wird, ist sie doch unverzichtbare Voraussetzung aller hierarchischen Vorsteherämter der Kirche. Alle diese Momente erfordern den unipersonalen Charakter im striktesten Sinne des Wortes des Amtsträgers als Repräsentant Christi.

Es gibt folglich keinen Vize-Papst oder Vize-Bischof. Selbst in den aus hierarchischen Amtsträgern zusammengesetzten Kollegialorganen wie Konzilien und Bischofskonferenzen geht diese personale Christus-Repräsentanz und Amtsverantwortung nicht auf eine Personenmehrheit über, wird also nicht anonymisiert, sondern bleibt in jedem voll erhalten.

Das hierarchische Amt kann im Unterschied zu den persönlichen Charismen als „institutionelles Charisma“ bezeichnet werden und gründet im Sakrament der Weihe. „Sakrament“ bedeutet: Zeichen und Werkzeug, durch das der Heilige Geist die Gnade Christi in der Kirche verbreitet (Katechismus der Katholischen Kirche 774). Das trifft unmittelbar auf die sieben Sakramente zu; in analogem Sinn auch auf die Kirche und das hierarchische Amt. Schließlich verkörpert dieses die Verbindlichkeit und Autorität der göttlichen Botschaft und ihrer Bezeugung.

Deshalb ist das hierarchische Amt mehr als eine bloße Funktion mit beliebig austauschbarem Träger: Es repräsentiert die Kirche und das Wirken der göttlichen Gnade auch unabhängig von der persönlichen Würdigkeit des Amtsträgers. Er ist Repräsentant des Geheimnisses Jesu Christi, was ihn in der heutigen zusehends entchristlichten Welt als Fremdkörper erscheinen lässt. Er darf und soll sich verstehen als Diener Christi und Verwalter von Geheimnissen Gottes (1 Korinther 4,1-5).

 

Römische Kurie
Foto: Vatican Media (Romano Siciliani) | Die Kurie stellt eine Besonderheit dar, da den Mitgliedern als Hirten keine Herde anvertraut ist.

Apostolischer Ursprung

Das Verwalten von Geheimnissen Gottes als Amtsaufgabe und Sendung verbindet das rechtliche mit dem charismatischen Element, umschließt beides. Und diese Verbindung gewährleistet, dass sich der Vollzug von Kirche nicht auf das Formale und Äußerliche beschränkt, sondern im Inneren vom Geist und seinen Gaben belebt wird und letztlich von ihm in der Einheit der Kirche bei aller Verschiedenheit der Ausdrucksformen des Glaubens erhalten wird. Das Zweite Vatikanum hält fest, dass die Prüfung der Echtheit der Charismen dem hierarchischen Amt zusteht (Lumen Gentium 4).

Das hierarchische Amt verdankt sich einem „heiligen Ursprung“ im apostolischen Amt und hat damit Teil an dessen Eingestiftetheit und Unverbrüchlichkeit. Es gehört zum Wesentlichen der Kirchenstruktur, und verdankt sich nicht praktisch-organisatorischen Überlegungen. Es ist keine menschliche Erfindung und verdankt sich auch nicht einer Extrapolation des gemeinsamen Priestertums aller Getauften; ist keine Delegation durch die Gemeinde, sondern kommt „von oben“. Das gemeinsame Priestertum aller Getauften leitet sich jedoch nicht vom amtlichen ab, sondern gründet in Taufe und Firmung.

Auf jeder Gliederungsebene der Kirche verkörpert das hierarchische Amt die Einheit der Gemeinde in ihrem Inneren wie auch gegenüber allen anderen Gemeinden. „Einheit“ bedeutet nicht Uniformität. Sie bedeutet die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung. Sie ist nicht nur synchron zu verstehen, sondern auch diachron, das heißt: Die Kirche muss von ihrem apostolischen Ursprung her stets identisch bleiben, durch alle Zeiten hindurch. Dem dient im Besonderen die apostolische Sukzession, auf dass die Gesamtkirche im apostolischen Glauben verharre.

Das Haupt der Kirche ist Jesus Christus. Das hierarchische Amt darf sich nicht an die Stelle dieses Hauptes setzen. Es ist nicht per se Gegenwärtigsetzung Gottes und Verkörperung der Wahrheit, sondern stets nur vom Haupt her und auf dieses hin. Es ist sichtbares Zeichen dafür und Hinweis auf den Herrn als einzigen Lehrer, Meister und Vater. Ausgeschlossen wird dadurch eine Totalidentifikation der Hierarchie mit Jesus Christus unter Ausblendung des menschlich Begrenzten. Dazu gehört die Bindung an Raum und Zeit, die Irrtumsanfälligkeit und besonders auch die Gefallenheit aufgrund der Erbsünde. Die Ausblendung menschlicher Begrenztheit führt zu einer wirklichkeitsfremden Überhöhung der Amtsträger als menschliche Personen. Die Kirche mit ihrem hierarchischen Amt vermittelt der Welt das Heil als unermesslich kostbaren Schatz in zerbrechlichen Gefäßen.

Es geht um den Dienst an den Getauften

Es gehört zu den Kernaussagen der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanum, die hierarchische Autorität in ihrem innersten Wesen als Dienst qualifiziert zu haben. Der Dienstcharakter eignet in Wahrheit der Kirche als ganzer; das Neue Testament spricht von den Aposteln als „douloi“ (Sklaven) Christi (Römer 1, 1; Galater 1, 10). Das hierarchische Amt hat die Aufgabe, dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften zu dienen, nicht umgekehrt. Dieses Dienstes bedarf die Kirche und bedürfen die Gläubigen wegen des „extra nos“ des Heiles, damit ihr erhabenstes Grundrecht, jenes auf Zuwendung der Heilsgüter, eingelöst werden kann.

Das hierarchische Amt darf folglich nicht als bloße Funktion gesehen werden. Es ist Ausdruck dessen, dass die christliche Religion ein Beziehungsgeschehen ist, und zwar als liebende Beziehung zu Gott durch Jesus Christus, wobei Gottes- und Nächstenliebe eine untrennbare Einheit bilden. Das ist der Kern des Glaubens, um dessentwillen das hierarchische Amt besteht: Seine Sendung ist es, den Menschen Gott zu bringen und sie zu Gott zu führen. Das ist nur als Beziehungsgeschehen möglich, als liebende Zuwendung im Sinne der Einheit von Gottes- und Nächstenliebe.

Ein statusbegründender Unterschied, demzufolge Nichtkleriker eine mindere Rechtsstellung als Glieder der Kirche hätten, ist ausgeschlossen und illegitim.

Wie schwierig es ist, dieses jahrhundertealte Erbe der zweigleisig fahrenden Getauften, von denen Laien in eine prinzipiell passive Stellung gedrängt waren, zu überwinden, zeigt das mühsame Ringen um einen mit positivem Inhalt gefüllten Laienbegriff. Solange man die Kirche unter dem Blickwinkel der Hierarchie betrachtet, gelingt das nicht. Man müsste sie unter dem Aspekt des „Volkes Gottes“ betrachten, wie dies ansatzweise das Zweite Vatikanum bereits getan hat, innerhalb dessen es vielfältige Gaben und Dienste des Einen für den Anderen gibt, insbesondere das Charisma der Leitung beziehungsweise des Amtes. Es wird bisweilen auch vorgeschlagen, der Begriff „Laie“ solle aus dem Sprachgebrauch der Kirche eliminiert werden.

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Das Amt als Gegenüber

Das hierarchische Amt steht zwar in der Gemeinde, bildet aber gleichzeitig ein Gegenüber zu ihr. Denn es ist nicht von der Gemeinde abgeleitet und steht für das Heil von Jesus Christus her, das der Gemeinde auch den Dienst des kritischen Korrektivs aus dem Evangelium erweist. Dies schließt zwar Wahlen für kirchliche Ämter nicht aus. Diese besitzen jedoch in der Kirche einen anderen Charakter und Zweck als in einer Demokratie: Dort bestimmen sie die Person des künftigen Amtsträgers und legitimieren diesen, indem ihm durch die Wahl das Amt übertragen wird. In der Kirche hingegen dient die Wahl nur zur Bestimmung der für das Amt würdigsten Person, während die Gewalt und Legitimation „von oben“ kommen. Das „In“ und das „Gegenüber“ sind nicht voneinander zu trennen: nur das „In“ gelten zu lassen, würde das Amt in die Gemeinde einschmelzen. Es bestünde die Gefahr völliger Abhängigkeit von der Gemeinde und der Anpassung über jedes Maß hinaus, womit der Anspruch des Christlichen seine Konturen verlöre.

Nur das „Gegenüber“ gelten zu lassen, würde das Amt so über die Gemeinde erheben, dass der persönliche Kontakt und der Kontakt zur gelebten Wirklichkeit mit ihren Problemen verloren gingen, der Amtsträger nicht mehr hinhörte und so nicht mehr die Aufgabe des guten Hirten wahrnähme. Er würde zu einem beliebig auswechselbaren Funktionär. Anders als in den orientalischen Kirchen, in denen die Synodalität ein prägender Zug geblieben ist, führte die Entwicklung in der lateinischen Kirche zu einer einseitigen Überbetonung des hierarchischen Elements auf Kosten der Synodalität. Das Zweite Vatikanum hat diese Defizite erkannt und korrigierende Akzente gesetzt, beispielsweise im Herausstellen der kollegialen Natur des Bischofsamtes oder in dem Wunsch, dass Synoden und Konzilien mit neuer Kraft aufblühen mögen.

In den katholischen orientalischen Kirchen ist das hierarchische Haupt, zum Beispiel der Patriarch, organisch in eine synodale Entscheidungsstruktur eingebunden, die auch für die Lateinische Kirche in Vielem Vorbild sein könnte. Ein harmonisches Zusammenwirken von hierarchischem und synodalem Element bleibt jedenfalls für die Lateinische Kirche weiterhin Desiderat. Beide Elemente, Synodalität und Hierarchie, sind der Kirche wesentlich, gleich ursprünglich und somit nicht voneinander ableitbar. So ist etwa der Papst berechtigt, jederzeit frei zu bestimmen, ob er sein Amt persönlich – allein – oder im kollegialen Verbund ausüben will. Er kann jegliche kollegiale Betätigung der Bischöfe beziehungsweise des Bischofskollegiums auch jederzeit unterbinden.

 

Weihe und Amtseinführung von Bertram Meier
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa/Pool) | Das zweite Vatikanische Konzil versuchte die Konturen des Bischofsamtes zu schärfen.

Lehr- und Heiligungsdienst

Für Papst Franziskus jedoch ist die Synodalität der Kirche als solcher und ganzer stark in den Fokus gerückt, und zwar als „konstitutive Dimension“ der Kirche und als „geeignetster Interpretationsrahmen für das Verständnis des hierarchischen Dienstes selbst“. Wenn der Gläubige durch die Taufe und Firmung zur aktiven Teilhabe an der Sendung der Kirche berufen wird, stellt sich die Frage, warum Nichtgeweihte in Fragen der Leitung (Jurisdiktionsgewalt) nur an deren Ausübung mitwirken, sie aber nicht selbst besitzen können und gegenüber dem hierarchischen Amt grundsätzlich auf die Funktion der Beratung beschränkt sind, von Entscheidungskompetenzen jedoch grundsätzlich ausgeschlossen sind.

Es ist bis heute nicht geklärt, inwieweit Nichtgeweihte Träger jurisdiktioneller Befugnisse sein könn(t)en. Partiell können sie Jurisdiktionsgewalt besitzen und ausüben, wie das Beispiel des kirchlichen Richters zeigt. Das hierarchische Amtsverständnis impliziert wegen der Christusrepräsentanz von seinem Wesen her die Konzentration der kirchlichen Gewalt im Haupt. Von ihrem Ursprung in Jesus Christus her bildet diese Gewalt eine ungeteilte Einheit und schließt folglich eine Teilung der Gewalten auf mehrere Träger zum Zweck der gegenseitigen Kontrolle aus. Eine Kontrolle der Amtsführung erfolgt daher typischerweise von oben, das heißt von übergeordneten Instanzen.

Für die kirchliche Gewalt ist überdies zu bedenken, dass sie nicht nur, wie im Staat, das Leitungsamt (Jurisdiktion), also Gesetzgebung, Gerichtsbarkeit und Verwaltung umfasst, sondern auch das Lehr- und Heiligungsamt. Dabei ist das nähere Verhältnis der Gewalten zueinander nicht in allen Punkten klar. In welchem Umfang und nach welchen Kriterien können etwa Aufgaben der Lehre und Wortverkündigung oder jurisdiktionelle Aufgaben an Nichtgeweihte übertragen werden?

Ein besonderer Aspekt ist das Nebeneinander von Weihe- und Jurisdiktionshierarchie, wobei der Papst nur in der letzteren die Spitze bilden kann, da es keine Papstweihe gibt.

Dem Zweiten Vatikanum werden zwei Kirchenmodelle zugeschrieben, ein hierarchisches nach dem Muster der „societas-perfecta-Lehre“ (obwohl dieser Ausdruck nicht verwendet wird) und eines an der altkirchlichen Idee der Kirche als „communio“ ausgerichtetes. Beide stehen nebeneinander, obwohl sie grundverschieden sind. Das kirchliche Gesetzbuch vermittelt den Eindruck, es bediene sich diverser Elemente von beiden. In Wahrheit dürfen beide Komponenten, die hierarchische und die communionale, nicht vereinseitigt oder gegeneinander ausgespielt werden. Vielmehr geht es um die rechte Zuordnung der beiden Dimensionen.

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Gewachsenes paart sich mit Wesensmerkmalen

Obwohl vom Konzil von Chalkedon (451) als ungültig erklärt, wurde die absolute Ordination von Bischöfen und Priestern ab dem 13. Jahrhundert wieder zugelassen. Demnach erfolgen Bischofsweihen ohne Bischofsamt, heute noch in den Weihbischöfen, die auf den Titel einer untergegangenen Diözese geweiht werden, um die relative Ordination wenigstens als Fiktion aufrechtzuerhalten. Eine gewisse Klerikalisierung und Hierarchisierung der Verwaltung zeigt sich in den Kurien, besonders in der römischen Kurie mit einer Vielzahl von Priestern und Bischöfen in rein administrativer Funktion (kuriale Verwaltung, Nuntien usw.). Die Bischofsweihe dient dann oft nur der Gewährleistung des entsprechenden Ranges, hat aber nichts mehr mit dem eigentlichen Sinn und Zweck der Weihe zu tun.

Fazit: Das hierarchische Amt, so wie es die katholische Kirche versteht, gehört zu den neuralgischen Punkten in der ökumenischen Diskussion. Die Entwicklung offenbart eine Gemengelage von historisch Bedingtem und ekklesiologisch Genuinem. Es bedarf der Unterscheidung der Geister, um zu erkennen, wo die Grenzlinie verläuft. Dem hierarchischen Amt pauschal die Schuld an der gegenwärtigen Krise der Kirche zuzuschieben greift zu kurz und geht in die Irre, da es sowohl die Komplexität der Ursachen dieser Krise als auch den unveräußerlichen Kern des sakramentalen Amtes in der Kirche ausblendet.

Für die katholische Kirche sollte die gegenwärtige dramatische Krise als Chance zu einem Neuanfang gesehen werden. Die Christen können darauf vertrauen, dass Gott seine Kirche nicht im Stich lässt. Es gilt, sich auf das einzig Wesentliche zu konzentrieren: den Menschen Gott zu bringen und diese zu Gott zu führen.

Seinem tiefsten Wesen nach ist das hierarchische Amt genau dazu berufen, diese Mittleraufgabe zu erfüllen – in der liebenden Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen; im gläubigen Vertrauen darauf, dass Gott aus dem Kleinen, das jeder von uns bewerkstelligen kann, Großes machen kann; dass er das Wasser unserer begrenzten kleinen Schritte zu Wein verwandeln kann und wird (Johannes 2, 7–11).

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