Vom Reden zum Sein

Christoph Theobald unternimmt eine tiefgründige Relecture der Texte des Zweiten Vaticanums. Von Barbara Stühlmeyer

Was ist das denn nun schon wieder für eine neue Mode – Christentum als Stil? Unwillkürlich erregt der Titel den Verdacht, dass da schon wieder jemand versucht, etwas als Altbacken Empfundenes in ein unpassendes neues Gewand zu zwängen. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Was Christoph Theobald in seiner Darlegung eines zeitgemäßen Glaubensverständnisses für Europa darlegt, ist kein peinlicher Ladenhüter, sondern vielmehr hochkonzentriert heilkräftige Theologie, die den lindernden Finger direkt in die Wunden unserer Zeit legt und eine scheinbar einfache, in Wahrheit aber sehr herausfordernde Lösung anbietet. Warum? Weil es in diesen Überlegungen, die der an der Hochschule der französischen Jesuiten lehrende Fundamentaltheologe und Dogmatiker Christoph Theobald im Rahmen der Papst-Benedikt XVI.-Gastprofessur an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Regensburg vortrug, darum geht, den Glauben wirklich zu leben. Papst Franziskus folgend, bezeichnet Theobald als Stil, was Gregor der Große dem heiligen Benedikt von Nursia bescheinigte: „er wohnte bei sich selbst“. Wer Christentum als Stil lebt, dem ist die Lebensweise in der Schule des Evangeliums so sehr zum prägenden Lebensausdruck geworden, dass sein oder ihr Glauben nicht aufgesetzt erscheint, kein Zusatz ist, der jenseits des Alltags beim festlichen Gottesdienst oder beim privaten Gebet im stillen Kämmerlein zum Ausdruck kommt, sondern als von der Seele ausgehendes Licht das gesamte Leben erhellt und ihm seine ganz eigene Farbe gibt.

Die Notwendigkeit, ein solches Leben zu erlernen, liegt auf der Hand. Papst Franziskus hat die Situation Europas in seinen beiden Reden vor dem Europaparlament und dem Europarat am 25. November 2014 schonungslos analysiert. Im Hinblick auf den Glauben, das geistige Streben, die Wissbegier und die leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit erweist Europa sich inzwischen als Entwicklungsland. Das Christentum ist in Europa in einer tiefen Krise. Theobald bringt die Sache auf den Punkt: „Das einzig ,Notwendige‘ unseres Christseins lässt sich, so präzisiere ich nun meine Hypothese, mit Hilfe des Stichwortes ,Heiligkeit‘ anzielen, wie dies bereits im Zentrum des Kirchenkonstitution des Zweiten vatikanischen Konzils versucht wurde.“ Das Streben, sie zu erlangen, ein heiliges christliches Leben zu führen, strahlt aus, so ist Theobald überzeugt, wenn es sich mit der Haltung der Gastfreundschaft verbindet. Dann nämlich wird nicht nur die Gefahr der Selbstbespiegelung- und Genügsamkeit gebannt, die der Heiligkeit so sehr im Wege steht, dann entfaltet sie auch jene die Gesellschaft wandelnde missionarische Strahlkraft, die heute so notwendig ist.

Heilige Gastfreundschaft und gastfreundliche Heiligkeit prägen jenen Stil, dessen Begriff Papst Franziskus in hochdifferenzierter Form in seinem apostolischen Schreiben Evangelii gaudium präsentiert. Wie eine solche Haltung entwickelt werden kann, entfaltet der Autor in den fünf Kapiteln seines Buches und legt gleichzeitig dar, wie ein unserem heutigen europäischen Kontext angemessenes Glaubensverständnis aussehen könnte.

Theobald fragt, worum es im Glauben eigentlich geht und thematisiert die entscheidenden gesellschaftlichen Phänomene, die das gegenwärtige Leben auf unserem Kontinent prägen, nämlich das geistliche Vakuum, der Religionspluralismus und dessen Gewaltpotenzial in unseren religionsneutralen Staaten. Im Anschluss daran bilden die sozio-kulturellen und transhumanistischen Herausforderungen, vor denen Glaubende heute stehen, die Anknüpfungspunkte der von Christoph Theobald entwickelten stilistischen Glaubenstheologie, deren kollektiver und ekklesiologischer Hintergrund im fünften Kapitel erörtert wird.

Dabei vollzieht der Theologe zugleich eine Relecture des Zweiten Vatikanischen Konzils, das er als letzte normative Instanz ernst nimmt und dessen Zukunftspotenzial erschließt. Seine Dokumente Dei verbum, Gaudium et spes, Lumen gentium, Ad gentes, Unitatis redintegratio, Dignitatis humanae und Nostra aetate bilden die Referenztexte. Auf sie, näherhin ihr Zukunftspotenzial, das der Autor behutsam und sachkundig entfaltet, bezieht er die in jedem Kapitel zunächst vorgenommene Analyse der gegenwärtigen Situation. Dieses wiederum setzt Theobald, den Dreischritt vollendend, in Beziehung zu den heuristischen Möglichkeiten seines stilistischen Ansatzes, den er fundamentaltheologisch basiert vorlegt.

Der Gewinn, den die nicht leichte, aber überaus lohnende Lektüre dieses Buches bietet, liegt auf der Hand. Wer es gründlich studiert, erhält ein Instrumentarium für ein verinnerlichtes, mithin vom Zentrum der Person ausstrahlendes Christentum, das sowohl den Alltag erhellt als auch sein Licht auf den vor uns liegenden Weg wirft. Wer sich von Jesus Christus prägen lässt, dessen Alltag ist weder sprachlich unbehaust, wie Theobald es prägnant formuliert, noch der Einsamkeit oder der Sinnlosigkeit ausgesetzt. Theologen sollten dieses Buch unbedingt lesen. Allen anderen Christen sei es eindringlich ans Herz gelegt.

Christoph Theobald: Christentum als Stil. Für ein zeitgemäßes Glaubensverständnis in Europa. Herder, Freiburg, 2017, 363 Seiten, ISBN 978-3-451-34971-3, EUR 38,-

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