Stift Neuburg: „Himmelsstürmer gesucht!“

Die Benediktinerabtei Stift Neuburg soll auch in Zukunft ein geistliches Zentrum bleiben – Ein Gespräch mit Abt Winfried Schwab OSB. Von Regina Einig
Stift Neubrug: Abt Winfried Schwab OSB sieht keinen Grund zur Resignation
Foto: IN | Das Mönchtum hat Zukunft. Darum sieht Abt Winfried Schwab OSB keinen Grund zur Resignation.

Im März 2016 übernahm Abt Winfried Schwab OSB die Verantwortung für die Benediktinerabtei Stift Neuburg in Heidelberg. Elf Mönche leben dort unter der Leitung des 53-Jährigen, der zuvor in Stift Admont Erfahrung in der Seelsorge sowie als Novizenmeister und Subprior gesammelt hatte. Die Stadt Heidelberg kennt Abt Winfried seit Jahren: Er studierte hier Rechts- und Geschichtswissenschaften. Vom Entwicklungspotenzial des Klosters ist er überzeugt. Regina Einig sprach mit ihm über seine Aufgabe und seine Visionen für das Stift.

Abt Winfried, welches Leitwort haben Sie für Ihre Amtszeit gewählt?

Als Leitwort habe ich „Sub tuum praesidium“ gewählt – „unter deinen Schutz und Schirm“. Das ist eines der ältesten Mariengebete, das die Kirche kennt, und ich habe mein Ordensleben unter den Schutz der Gottesmutter gestellt. Ich fühle mich von ihr geleitet und begleitet. Das wollte ich auch in meinem Wahlspruch ausdrücken.

Sie bringen Erfahrung aus der Seelsorge mit: Aus Österreich kennen Sie die typische Konstellation Kloster und Pfarrei oder Kloster und Wallfahrtsort. Was fasziniert Sie daran?

Viele österreichische Benediktiner verbinden ihr geistliches Leben mit der Pfarrseelsorge oder schulischer Bildung. Mich fasziniert, dass benediktinische Kontemplation und Aktion sich nicht ausschließen, sondern gegenseitig befruchten. Die vor fast 1 500 Jahren verfasste Ordensregel des heiligen Benedikt kennt keine geistige Engführung. Benedikt legt Wert auf Grundsätzliches, für Ordensleute zwingend Notwendiges, etwa die Beständigkeit in der Gemeinschaft. Zugleich lässt er Raum zur Entfaltung der von Gott geschenkten Talente. Warum also sollten geeignete Benediktiner nicht beispielsweise in der Seelsorge mitarbeiten? Übrigens: Mein benediktinischer Namenspatron, der heilige Winfried Bonifatius, war ein weitgereister Missionar – vor 1 300 Jahren!

Nachwuchs ist ein drängendes Thema in allen Klöstern. Wie wollen Sie dieses Problem angehen? Welche Visionen haben Sie für Ihr Kloster?

Für Neuburg habe ich die Vision, es zu einem Zentrum benediktinischen Dialogs mit den Wissenschaften und der Kultur zu entwickeln. Die Abtei liegt nahe der weltbekannten Universität Heidelberg, insgesamt gibt es 22 Hochschulen in der Region. Derzeit entwickeln wir verschiedene Projekte, unter anderen ein College für katholische Akademiker. In Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg ist schon jetzt ein Bachelor-Studium Wirtschaft von Neuburg aus möglich. Im Übrigen: Wer geistliches Leben mit wissenschaftlichem Interesse verbinden möchte, der ist als Ordensmann in Neuburg genau richtig! Warum sollte ein Benediktiner nicht Atomphysiker oder Molekularbiologe werden? Und vielleicht einmal den Nobelpreis erhalten?

Gleiches gilt für Kulturinteressierte. Die Abtei als Standort ist ein kulturgeschichtlicher Brennpunkt. In den Klostergebäuden befand sich etwa das erste Goethemuseum, und die Heidelberger Romantik ist ohne Neuburg kaum denkbar. Kultur und geistliches Leben lassen sich vor Ort bestens verbinden. Warum sollte ein Benediktiner nicht Künstler werden?

Nicht zuletzt entwickeln wir unser spirituelles Angebot weiter. Exerzitien, Einkehrtage, Zeiten der Stille im benediktinischen Geiste. So haben wir etwa vor kurzem die Renovierung unseres Gastflügels abgeschlossen. Für alle unsere Aktivitäten gilt Benedikts Forderung: Damit in allem Gott verherrlicht werde!

Die Benediktsregel ist ein „Joker“ geworden – vom Manager bis zum Ernährungsberaterschöpfen alle etwas ab. Wo liegt für Sie als Priester den Kern, von dem Sie zehren?

Ein Schlagwort Benedikts ist das Maßhalten. Seine Regel kennt keine Extreme. Benedikt weiß, dass seine Mönche Stärken, aber auch Schwächen haben. Durch Maßhalten und einen vernünftigen Umgang mit allen Dingen ist es möglich, ein erfülltes geistliches Leben in einer Gemeinschaft zu führen. Das betrifft das Gebet ebenso wie die Arbeit. Zuviel kann schaden, zu wenig genauso. Benedikt ist immer für den gesunden Ausgleich.

Der Abt soll der Benediktsregel zufolge darauf achten, dass er mehr geliebt als gefürchtet wird. Trotzdem müssen Sie auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Wie halten Sie diese Spannung aus?

Für mich als Abt ist die Autorität des heiligen Benedikt und seiner Ordensregel eine große Hilfe. Wenn ich eine unpopuläre Entscheidung treffen muss, dann frage ich mich zuerst, ob ich sie im Geist Benedikts verantworten kann. Falls ja, dann sage ich: Diese Entscheidung treffe ich mit der Autorität der Regel, auf die du, lieber Mitbruder, nach Noviziat und zeitlicher Profess aus freien Stücken deine Gelübde abgelegt hast.

Was hindert junge Leute daran, sich heute für eine so faszinierende Lebensform zu entscheiden oder sie nach der Profess durchzuhalten?

Unsere Gesellschaft bietet einen Markt nahezu unendlicher Möglichkeiten. Damit wird der Wunsch, Neues, Anderes auszuprobieren größer und das Gefühl, vielleicht etwas verpasst zu haben, drängender. Das ist ein Phänomen, das alle Bereiche unserer Gesellschaft betrifft, auch das Familien- oder Berufsleben. Wir Benediktiner müssen unser bei jungen Menschen vermeintlich verstaubtes Image hinter uns lassen und vermitteln, dass klösterliches Leben spannend und herausfordernd ist, vielseitig, dynamisch – eben modern! Benediktiner sind Himmelsstürmer, keine Langeweiler!

Manche Gemeinschaften, die unter Nachwuchsmangel leiden, senken ihre Ansprüche an Kandidaten. Ungeeignete werden aufgenommen, in der Folge steigen die Austrittszahlen. Am Ordensleben Interessierte aber wollen, wie zu allen Zeiten, herausgefordert werden!

Nicht zuletzt befinden wir uns in einem alterungsbedingten Wandel: Die Lasten des Älterwerdens unserer Gemeinschaften werden auf immer weniger junge Schultern verteilt. Welcher dynamische und zukunftsorientierte Interessent möchte aber in ein Altersheim ziehen? Räume für die geistliche und persönliche Entwicklung müssen klar definiert werden und sind von Nöten!

Eine besondere Rolle in der Benediktsregel spielt neben dem Maßhalten auch der Gehorsam. Das wirkt heute fast anachronistisch, denn auch in Kirchenkreisen wird ja zunehmend über die Demokratisierung der Kirche gesprochen. Wieso lohnt es sich, sein Leben im Gehorsam auszurichten?

Benedikt versteht Gehorsam als ein Hören auf das, was Gott dem Menschen sagen will. Gehorsam heißt nicht, das Denken abzuschalten, sondern sich freiwillig und bewusst der Autorität der Ordensregel und des Abtes unterzuordnen. Das setzt grundsätzlich das Vertrauen voraus: Regel und Abt wollen das Beste für mich, für meine geistliche Entwicklung im klösterlichen Leben. Wer allerdings glaubt, Gehorsam für sich selbst definieren und die Autorität an sich ziehen zu können, für den wird er immer schwierig sein.

Gilt das auch für das Beispiel, das Benediktiner innerhalb der Kirche geben sollten?

Sollten Mönche und Nonnen den Gehorsam gegenüber dem Lehramt vorleben?

Unbedingt!

Was raten Sie jungen Leuten mit Interesse am benediktinischen Klosterleben?

Klösterliches Leben ist die Herausforderung, sich mit seiner ganzen Existenz auf die Suche nach Gott zu begeben, im Gebet und in der Gemeinschaft. Darauf sollte sich nur einlassen, wer auch bereit ist, Herausforderungen anzunehmen. Klosterleben braucht Mut, Zuversicht, Toleranz, Humor, Bereitschaft zu Verantwortung und Hingabe. Wer sich im Kloster ein behagliches Eckchen einrichten möchte, der ist fehl am Platze. Himmelsstürmer werden gesucht! Im Übrigen rate ich: Habe Mut, probiere das Klosterleben aus, nur so kannst Du wissen, ob es Dein Weg ist.

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